| |
|
First
we save Bagdad, 16.4.2003
Wenn Tyrannen fallen, dann
ist die Scham vor Gefühlen fehl am Platz, wie problematisch die Umstände
auch sein mögen. Der Sturz des Saddam Hussein Regimes, erzwungen
durch die überlegende Macht der amerikanischen Präzisionswaffen
und Panzer, befreit die irakische Bevölkerung von fast 30 Jahren
Angst und Terror. Ein grausames Despotenregime weniger auf der Erde, das
ist Grund zur Freude. Wenn sich in den nächsten Wochen und Monaten
die Folterkammern des Regimes öffnen, dann werden wohl nicht nur
die Henker selbst sondern auch deren zahlreiche Freunde von Paris bis
Moskau und Washington, Gaza und auch Klagenfurt dringenden Erklärbedarf
haben.
US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, der sich nur ungern an seinen
eigenen Besuch bei dem damals vom CIA massiv unterstützten Saddam
Hussein Anfang der 8oerjahre erinnert, beweist historisches Bewußtsein,
wenn er angesichts der stürzenden Saddam Hussein-Statuen an die zerstörten
Machtsymbole Hitlers und Stalins, Lenins und Ceauscescus erinnert. Aber
die von Rumsfeld aufgezählte Reihe gestürzter Diktatoren verrät
ein selektives Geschichtsbild. Hinzuzufügen wäre etwa der vom
Volk verjagte Amerikafreund Ferdinand Marcos auf den Philippinen oder
der Schah von Persien, dessen Statuen von der islamischen Revolution hinweggefegt
wurden. Indonesiens General Suharto oder der von der sandinistischen Revolution
in Nikaragua gestürzte Anastasio Somoza. Die Liste von den USA gestützter
Diktatoren, die von Volksrevolutionen verjagt wurden, liesse sich fortsetzen.
Richtig ist: viele mit großer Hoffnung begonnenen Revolutionen sind
entsetzlich gescheitert. Aber nicht wenige der Regime, die heute auf der
Abschussliste der Hardliner in Washington stehen, sind selbst das Resultat
eines vom Jubel des Volkes begleiteten Umsturzes, der sich gegen eine
diktatorische, korrupte aber eben prowestliche Führung gerichtet
hatte.
Im Irak kommt dazu, dass es ausschließlich die fremden Soldaten
waren, die der Diktatur ein Ende bereitet haben. Selbst beim Sturz der
Taliban in Afghanistan sind die Soldaten der Nordallianz als Sieger in
Kabul einzogen. In Bagdad waren es die Panzer der 3.US-Infantriedivision.
Die Saddam Hussein-Statue am Platz vor dem Palestine Hotel wurde von einem
amerikanischen Panzerwagen umgestürzt, die Iraker waren Zuschauer.
Das kurzfristig über dem Denkmal wehende Sternenbanner vermittelt
die unleugbare Realität: erstmals beherrschen und regieren die USA
ein zentrales Land der arabischen Welt. Und zwar nicht vermittelt über
lokale Potentaten, sondern in der denkbar unmittelbarsten Weise: durch
ein Besatzungsregime, das die amerikanischen Militärs zur alleinigen
akzeptierten Autorität im Lande macht. Weil mit der Diktatur alle
existierenden politischen Strukturen verschwunden sind, können die
Amerikaner den Irak jetzt wie vom Reisbrett aus neu aufbauen, ganz so
wie die neokonservativen Hardliner in Washington das geplant haben.
Was alles gegen die Erfolgsmöglichkeiten eines aus dem Lauf der amerikanischen
Gewehre kommenden Demokratisierungsprozesses im Irak spricht, ist in den
vergangenen Wochen auch an dieser Stelle wiederholt aufgezeigt worden.
Aber ein Neubeginn nach einem solchen Zusammenbruch beinhaltet immer auch
eine Chance. Im Augenblick des Umbruchs werden viele Iraker für den
demokratischen Geist und die Modernität Amerikas offener sein als
andere arabische Gesellschaften. Nicht zufällig lieben auch im benachbarten
Iran die rebellischen Jugendlichen amerikanisches Fast Food, Rockmusik
und Blue Jeans. Es sind dies Symbole einer Kultur, zu der es eben auch
gehört, dass man den Präsidenten kritisieren kann. Das "Shame
on you Mr.Bush" des gegen den Krieg protestierenden Michael Moore
bei der Oskar-Verleihung, das in der arabischen Welt so ausführlich
zitiert wurde, hat wohl mehr zur Verbreitung amerikanischer Werte beigetragen,
als der Plan des Pentagons ausgerechnet Ex-CIA-Chef James Woolsey zum
Informationsminister der Militärregierung für den Irak zu machen.
Amerikas demokratische "Soft Power" könnte den militärischen
Sieg gegen Saddam Hussein zur politische Chance machen. Theoretisch. Praktisch
stärkt der Triumph der amerikanischen Waffen am Golf jedoch jene
neokonservativen Hardliner in Washington, die an die alleinige Wunderkraft
der "Hard Power" von Cruise Missiles und Smart Bombs glauben
und für die Widerspruch zum Kriegskurs an Hochverrat grenzt. An jede
militärische Eventualität hat man angeblich gedacht, aber beim
vorhersehbaren Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung Spitäler
und Museen zu sichern steht nicht auf dem Programm. Kein Wunder: "Nation
Building", als Hilfe beim Aufbau staatlicher Institutionen galt im
Bush-Lager stets als Verirrung der Clintonschen Multilateralisten. Nicht
die verschmähte UNO soll im zerstörten Irak dem Wiederaufbau
die Legitimation geben, sondern ausschließlich das Pentagon. Der
Vertrag, den das Verteidigungsministerium zur Reparatur der Ölfelder
mit einer Tochter von Halliburton, der einstigen Firma von Vizepräsident
Cheney geschlossen hat, ist derart lukrativ, dass sich sogar im Kongreß
in Washington der Widerstand regt.
Während der Tony Blair glaubt, auf die Dauer doch noch die Vereinten
Nationen ins Spiel bringen zu können und bei George Bush den versprochenen
Vorstoß in Richtung eines lebensfähigen Palästinenserstaates
durchzusetzen, nehmen die siegreichen Falken in Washington ein neues Ziel
ins Visier: immer unüberhörbarer werden die Drohungen gegen
Syrien. Zwar findet sich das Regime in Damaskus gar nicht auf der ursprünglichen
"Achse des Bösen" des Präsidenten, aber jetzt vergeht
kein Tag an dem nicht ein hoher US-Vertreter den Verdacht äußert,
die unauffindbaren irakischen Massenvernichtungsmitteln oder die verschwundenen
Repräsentanten des Saddam Hussein Regimes könnten im Reich Baschar
al Assads versteckt sein. Die Dominotheorie der neokonservativen Think
Tanks in Washington von den infolge eines erfolgreichen Irakkrieges zusammenbrechenden
autoritären Regierungen der gesamten arabischen Welt ist lange nicht
ernst genommen worden. Jetzt, wo hunderttausende amerikanische Soldaten
am Golf positioniert sind, scheint die Verlockung zu einem Abstecher nach
Damaskus für manche amerikanische Strategen groß zu sein. Immerhin
sah sich Tony Blair veranlasst in aller Form zu dementieren, das syrische
Regime könne das nächste Ziel der Irak-Kriegskoalition werden.
Man kann nur hoffen, dass er recht hat und dass sich Großbritannien
auch mit seinem beharrlichen Werben für eine zentrale Rolle der UNO
im Irak durchsetzt. Denn die alte Erfahrung Napoleon Bonapartes, dass
man sich auf Bajonette zwar stützen kann, nicht jedoch darauf zu
sitzen vermag, gilt auch für die imperiale Supermacht des 21.Jahrhunderts,
selbst wenn die das zur Zeit nicht wahrhaben will.
nach oben,
Fenster schließen
|