Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

Fenster schließen
 
  "Falter" - Artikel
   

Folter und Wahlen, 19.5.2004

Amerikafreunde trösten sich bei der Vielzahl schlimmer Enthüllungen dieser Tage mit einigen wenigen guten Nachrichten, die es ebenfalls gibt: selbst unter den weitverbreiteten gesetzlosen Zuständen des Besatzungsregimes im Irak, fand ein amerikanischer Soldat die Zivilcourage, die Foltermethoden seiner Kollegen in der Verhörabteilung des Gefängnisses von Abu Greib anzuzeigen. Der von einem unbestechlichen Generalmajor erstellte interne Untersuchungsbericht der Armee ist bis heute die weitreichendste Zusammenfassung des Systems der Gefangenenmisshandlungen. Und der Megaskandal, den in der Folge die Folterfotos aus dem Irak ausgelöst haben, zeigt, dass die amerikanische Öffentlichkeit nicht bereit ist, Bush’s „Krieg gegen den Terrorismus“ zu einem offiziellen Begräbnis für die Menschenrechte werden zu lassen.
Die Geschwindigkeit, mit der die Übergriffe zum politischen Debakel wurden, kontrastiert mit dem jahrzehntelangen Schweigen über die Foltermethoden in den europäischen Kolonialkriegen des vergangenen Jahrhunderts. Auch Israels Höchstgericht hatte 1999 erst nach jahrzehntelanger Diskussion die Folter aus dem offiziellen Repertoire der Sicherheitsorgane gestrichen.
Ein zukünftiges Comeback der Glaubwürdigkeit der USA ist dank der Fähigkeit zur Selbstkorrektur Amerikas denkbar. Vorläufig jedoch steckt die Supermacht Amerika in der größten außenpolitischen Krise seit dem Vietnamkrieg. Die Regierung Bush begann in den ersten Tagen nach dem 11.September 2001, Terrorismus-Verdächtigte außerhalb der gültigen Rechtsordnung zu stellen. Für die Genfer Konvention und andere internationalen Verträge hatte man allzu oft nur Spott und Hohn übrig. Kein Wunder, dass die Welt an echte Gewissenserforschung in den USA nicht glauben will, solange keiner der politisch Verantwortlichen den Hut nehmen muss.
Wie groß sind in dieser dramatischen Situation die Chancen, dass George W.Bush selbst das Vertrauen des amerikanischen Volkes verliert und der Regimewechsel in Washington als umfassendster Weg zur Selbstkorrektur Wirklichkeit wird? Wohlmeinende Europäer sind bestürzt, weil die Umfragewerte des Präsidenten verglichen mit jenen John Kerrys nicht im Keller sind. Bei genauerem Hinsehen ist die anhaltende Unterstützung für Bush in der konservativen Hälfte der Bevölkerung aber nur eine logische Folge der beispiellosen Polarisierung der amerikanischen Politik. Seit Jahren ist das Land ziemlich genau in der Mitte geteilt zwischen hinter Bush gesammelten hochmotivierten Republikanern und den zahlreichen Bush-Hassern bei den Demokraten. Die unentschlossene Mitte, die sensible auf politische Entwicklungen reagiert, ist kleiner denn je. Trotzdem zeigt der langfristige Trend der entscheidenden „Job approval ratings“ für George Bush steil nach unten: von 59 Pro
zent im Dezember 2003 ist die Zufriedenheit mit der Amtsführung des Präsidenten im Mai 2004 auf je nach Umfrage zwischen 46 und 42 Prozent zurückgegangen. Nach einem ersten Durchgang im Weißen Haus gelten Präsidentschaftswahlen primär als Referendum über den Amtsinhaber.
Politikwissenschaftler verbinden die Chancen eines amtierenden Präsidenten zur Wiederwahl gerne mit einer „Job approval“ von über 50 Prozent im Frühjahr des Wahljahres. Jimmy Carter kam sechs Monate vor dem Wahltermin auf 38 Prozent„Job approval“, George Bush Sr. auf 42 Prozent: beide verloren im Herbst. Ronald Reagan segelte dagegen 1984 mit 54 Prozent Zustimmung im Mai ebenso zur Wiederwahl wie mehr als ein Jahrzehnt später Bill Clinton mit 51 Prozent.
Die Präsidentschaftswahlen 2004 finden allerdings nicht unter normalen Bedingungen statt: die USA fühlen sich im Kriegszustand und George W.Bush ist in der amerikanischen Psyche stark mit der trotzigen Reaktion des Landes auf die Angriffe des 11.September verbunden. Den Irakkrieg auch ohne Massenvernichtungswaffen hat man ihm sozusagen „verziehen“, schien er doch einem großen Design zur Reorganisation des Mittleren Ostens zu entsprechen, mit dem die Administration versprach den fundamentalistischen Sumpf auszutrocknen, aus dem die „Al Kaida“-Attentäter gekommen sind. In einer Kriegssituation wechselt kein Volk leichtfertig den Oberkommandierenden, darauf setzen die Strategen um Bush-Intimus Carl Rove. Mit der riesigen Kriegskasse der Republikaner lässt Rove daher seit Wochen recht erfolgreich TV-Werbespots in den wahlentscheidenden sogenannten „battle ground states“ spielen, um John Kerry als Staatslenker in Krisensituationen unmöglich zu mache
n. Die verlorenen Prozentpunkte glaubt man durch Kritik am Herausforderer ausgleichen zu können.
Der Folterskandal könnte diesen Mechanismus allerdings durchbrechen. Ist damit doch sichtbar geworden, dass aus einem zweifelhaften Anti-Terror Kampf ein Kolonialkrieg geworden ist, dessen Schmutz jetzt auf die USA selbst zurückfällt. Aus historischen Gründen ist die Armee in den USA die am höchsten respektierte Institution des Staates. Ein Präsident, dem ein moralischer Zerfallsprozess der Streitkräfte vorgeworfen werden kann, hat sich auf die abschüssiger Bahn des Verlierers begeben.
Was Kerry jetzt unvermutet zur Gefahr werden könnte, das ist paradoxerweise eine Antikriegsbewegung, die sich auch an den Urnen niederschlägt. Denn der demokratische Kandidat hat sich dezidiert gegen einen raschen Rückzug aus dem Irak ausgesprochen. Befürworter eines sofortigen „Out Now!“ ist dagegen der angesehene Konsumenteschützer Ralph Nader. 2000 hatte Nader als grüner Spitzenkandidat in den umkämpftesten Bundesstaaten überdurchschnittlich gut abgeschnitten. 97 488 Stimmen erhielten die Grünen damals in Florida, George Bushs Mehrheit belief sich laut der letzten vom Supreme Court anerkannten Zählung auf gerade 537 Stimmen. Kein Wunder, dass viele Demokraten Nader die Schuld an der Ära Bush geben. Ralph Nader kann diesmal nicht auf die Grünen zählen und die zu erwartende Polarisierung wird den Einzelgänger zusätzliche Stimmen kosten. Amerikanische Präsidenten werden aber bekanntlich nicht durch landesweite Mehrheiten erm
ittelt, sondern durch das Wahlkollegium, das von den Bundesstaaten beschickt wird. Bei extrem knappen Mehrheitsverhältnissen in Bundesstaaten wie Florida, New Mexico, Iowa und Wisconsin könnten daher am Wahltag selbst relativ wenige Proteststimmen für Nader wahlentscheidend werden.
Lokal begrenzte Einzelerfolge Naders zählen damit zu den Überraschungen, die den gegenwärtig für George W.Bush ungünstigen Trend wettmachen könnten. Denkbare unerwartete Wendung auf der Terrorismusfront, die von der Festnahme Osama Bin Ladens bis zu einem neuen Anschlag in den USA gehen könnten, zwingen ebenfalls zur Vorsicht bei Prognosen . Aber die Möglichkeiten zu einer Selbstkorrektur des amerikanischen Systems von der obersten Spitze her sind deutlich gestiegen.



 

 

nach oben, Fenster schließen

 
  site by Adrian Rossmann