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Foltern
fuer das Gute?, 23.11.2005
Dass in den USA eine Tradition des sanften Umgangs mit Todfeinden besteht,
wird kaum jemand behaupten. Von Napalm in Vietnam bis zu weißem
Phosphor in Falludscha reicht die Palette völkerrechtlich bedenklicher
Waffen, auf die amerikanische Generäle zurückgegriffen haben.
Aber Folter war nach amerikanischen Gesetzen niemals erlaubt. Selbst auf
dem Höhepunkt des Kalten Krieges, als der CIA auch vor Mordanschlägen
gegen unbequeme Staatschefs nicht zurückschreckte, blieb dieses Tabu
intakt. Die Schmutzarbeit überließ man gerne den Verbündeten
in Asien oder Lateinamerika. Die juristischen Verrenkungen, mit denen
die Regierung Bush seit dem 11. September 2001 versucht, das Folterverbot
zu umgehen, stellen eine neue Stufe der Verselbstständigung polizeilicher
und geheimdienstlicher Logik dar, die jetzt auch zu heftigem Widerstand
im Kongress geführt hat.
In den kommenden Wochen strebt die Auseinandersetzung ihrem Höhepunkt
zu: Dann wird die aus Senat und Repräsentantenhaus gemeinsam beschickte
Versöhnungskonferenz entscheiden, was mit einem Gesetzesantrag des
Senators John McCain zu geschehen hat, der die "grausame, unmenschliche
und erniedrigende" Behandlung von Gefangenen ausnahmslos durch alle
Regierungsorgane der USA verbietet. Der Senat hat die Resolution mit einer
an Deutlichkeit kaum zu überbietenden Mehrheit von neunzig zu neun
Stimmen verabschiedet, trotz des heftigsten Widerstands des Weißen
Hauses. Vergeblich hatte Vizepräsident Dick Cheney versucht, zumindest
eine Ausnahme für die im Ausland festgehaltenen Gefangenen des CIA
zu erreichen. Doch damit hätte der amerikanische Gesetzgeber erstmals
in der Geschichte Folter ausdrücklich erlaubt, und sei es auch nur
für die genannten Fälle. Eine Zäsur, für die sich
der Senat nicht hergeben wollte. Dick Cheney muss sich seither in der
Presse als "Folter-Vizepräsident" apostrophieren lassen.
Konkret geht es um zwischen dreißig und hundert hochrangige El-Kaida-Verdächtige,
die in den weltweit verstreuten Geheimgefängnissen des CIA festgehalten
sind, weil selbst in Guantánamo die gewünschte Totalisolation
nicht möglich wäre. Zweifelsohne sind einige der gefährlichsten
Killer unserer Zeit darunter, mit der Verantwortung für Tausende
Tote von New York bis zu Bali, Ägypten und Algerien. Nach ihrer Festnahme
sind sie allesamt verschwunden, selbst das Rote Kreuz hat zu ihnen keinen
Zugang. Die Regierung Bush vertritt den Standpunkt, dass für diese
Personen keines der internationalen Menschenrechtsabkommen Geltung hat.
Schon für Guantánamo hatte das Justizministerium mehrmals
versucht, Folter so eng zu definieren, dass Quälereien wie Schlafentzug
oder die Simulation des Ertrinkens, die keine dauerhaften physischen Schäden
hinterlassen, nicht unter den Begriff der Folter fallen würden. Der
Kampf der Administration gegen ein generelles Verbot belegt, dass man
glaubt, sich alle Mittel offen lassen zu müssen.
Der Öffentlichkeit ist die Regierung bisher eine Erklärung schuldig
geblieben. Der Präsident beschränkt sich darauf zu versichern,
dass die USA nicht foltern und im Übrigen alle Gesetze eingehalten
würden. Als der Autor dieser Zeilen bei einer Pressekonferenz im
Weißen Haus vor dem Sommer direkt die Frage stellte, ob diese geheimen
Gefangenen je vor Gericht gestellt würden, beteuerte George Bush
nur, alle würden gut behandelt. "Zu einem noch zu bestimmenden
Zeitpunkt" werde mit Leuten wie Khalid Sheik Mohammed abgerechnet
werden, aber vorläufig blieben sie als Informationsquellen noch in
Haft. Dank der Hartnäckigkeit eines einzigen Senators, des Vietnamveteranen
und innerrepublikanischen Rivalen Bushs, John McCain, der selbst Jahre
in nordvietnamesischen Gefängnissen verbracht hat, gibt sich das
Land mit derart vagen Ausflüchten nun nicht mehr zufrieden. McCain
ist ein Einzelgänger. Erst das Wechselspiel zwischen seiner Unnachgiebigkeit
im Senat und dem Aufdeckungsjournalismus des New Yorker und der Washington
Post hat das Folterthema in die Schlagzeilen gebracht.
Von John McCain, der von Dick Cheney und CIA-Chef Porter Goss stundenlang
ins Gebet genommen wurde, wissen wir, wie besessen die Bush-Führung
von der Idee ist, ein Terrorist könnte New York oder Washington mit
einer Atombombe oder einer anderen Massenvernichtungswaffe bedrohen. Es
ist dieses Beispiel, das als Rechtfertigung für die Aufhebung der
bisher gültigen Grenzen für die legale Anwendung von Gewalt
durch staatliche Organe herhalten muss. Die Argumentation gab es auch
in Israel, wo die Geheimdienste lange Zeit absolut alle Mittel zur Verfügung
haben wollten, wenn dadurch ein direkter Angriff vom Typus eines Selbstmordanschlags
zu verhindern ist. Trotzdem hat das israelische Höchstgericht schließlich
die Folter verboten.
John McCain schließt an die israelischen Überlegungen an. Im
seltenen Extremfall des Szenarios einer "tickenden Bombe" würden
Gerichte und Öffentlichkeit sowieso akzeptieren, dass eine Notwehrsituation
vorliegt, argumentiert der Senator. Eine gesetzlich festgeschriebene Lizenz
zum Foltern jenseits der amerikanischen Grenzen, wie die Regierung das
wünscht, wäre dagegen ein Bruch mit der moralischen Tradition
und den völkerrechtlichen Verpflichtungen der USA.
Sekundär ist dabei die Frage, wie viel unter physischem oder psychischem
Druck erpresste Geständnisse eigentlich wert sind. Die mit dem Antiterrorkampf
befassten amerikanischen Behörden behaupten, dass eine ganze Reihe
wichtiger El-Kaida-Gefangener im Verhör Informationen preisgegeben
haben, die geholfen hätten, gefährliche Anschläge zu vereiteln.
Das ist nicht völlig auszuschließen, lässt sich aber auch
nicht beweisen. Skepsis ist angebracht, gibt es doch genug Beispiele,
dass Häftlinge unter bestimmten Bedingungen jede nur denkbare Aussage
machen, um unerträglichen Qualen zu entgehen.
Aber Folter prägt nicht nur die Gefolterten, sondern auch die Folterer.
Mit welchem Tempo die während eines beschränkten Zeitraums von
Donald Rumsfeld für Guantánamo genehmigten Methoden der Erniedrigung
und Einschüchterung in der ganzen US-Army Fuß gefasst haben,
hat Abu Ghraib gezeigt. Wie Metastasen haben sich völkerrechtswidrige
Verhörmethoden auf das gesamte Kriegsgebiet ausgebreitet, als von
oben die Signale kamen, dass die bislang gültigen internationalen
Regeln im Kampf gegen den Terrorismus nicht mehr gelten. Senator John
McCain hat Recht: Die Stellung Amerikas als eine vielleicht manchmal ungerechte
oder eigensüchtige, aber letztlich doch Freiheit und Menschenrechten
verpflichtete Weltmacht steht auf dem Spiel. Das Schicksal seines Antifoltergesetzes
wird die Zukunft des amerikanischen Rechtsstaats entscheiden.
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