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Frauen
im Kommen, 31.1.2007
Seine "Rede zur Lage der Nation" begann George Bush vergangene
Woche mit einer ungewöhnlichen Verbeugung vor Nancy Pelosi, der Dame
links hinter ihm: Es sei ihm eine Ehre, seine Ansprache als erster Präsident
der amerikanischen Geschichte mit den Worten "Madame Speaker"
zu beginnen, sagte er zu der Demokratin und neuen Sprecherin des Repräsentantenhauses.
Washington, D.C., erlebt nicht nur eine politische Machtverschiebung nach
links, die amerikanische Politik ist auch weiblicher geworden. Gegenüber
den bisher regierenden rechten Flügelmännern, die mit ihren
realitätsfernen Plänen und deren so oft inkompetenter Ausführung
in der Sackgasse stecken, repräsentiert die neue demokratische Politikerinnengeneration
den schon verloren geglaubten amerikanischen Common Sense. Zum Beispiel
im Umweltausschuss des Senats. Barbara Boxer, die quirlige kalifornische
Senatorin, ersetzt dort als Vorsitzende den Republikaner Jim Inhofe, der
berühmt wurde, weil er die Warnungen vor der Klimaerwärmung
mit Nazigräuelpropaganda verglich. Jetzt geht so etwas wie ein kollektives
Aufatmen durch das Land. Wissenschaftler, die lange übergangen wurden,
und aufgeklärte Vorstandsvorsitzende führender Unternehmen warten
in gleicher Weise gespannt auf Boxers erste Gesetzesanträge, mit
denen die USA sich wieder in die internationalen Bemühungen zum Stopp
des Klimawandels einbringen werden.
Und jetzt kommt Hillary Clinton. Der Beginn eines Präsidentschaftswahlkampfs
ein Jahr vor den ersten Primaries ist ein Novum. Aber in den USA geht
eine politische Ära zu Ende. Vietnamveteran und Irakkriegsfalke John
McCain, den viele Republikaner schon für den sicheren Sieger eines
Duells Clinton - McCain 2008 hielten, ist durch die wachsende Antikriegsstimmung
in die Defensive geraten. Hillary Clinton hat nicht nur mehr Geld und
einen größeren Apparat als alle anderen demokratischen Mitbewerber,
ihre Kandidatur liegt auch im politischen Trend.
Der ist weiblich, und er geht in die gemäßigte linke Mitte.
Keineswegs nur in den USA. Ségolène Royal, die sozialistische
Präsidentschaftskandidatin in Frankreich, mag zwar im Augenblick
in einem "Luftloch" hängen, in dem die Medien sich auf
Missgeschicke und Irrtümer konzentrieren. Ihre unkonventionelle Suche
nach Antworten auch quer über die ideologischen Grenzen kam an bei
der Basis. Ob Ségolène Royal die Kasernierung gewalttätiger
Jugendlicher nach dem Beispiel der amerikanischen Boot Camps zur Diskussion
stellt oder bei der Bekämpfung der Wohnungsnot Häuserbesetzungen
unterstützt: In der festgefahrenen Situation, in der sich das politische
System Frankreichs befindet, werden derartige gedankliche Ausbruchsversuche
honoriert. Die mangelnde internationale Erfahrung, die der Kandidatin
im Augenblick Schwierigkeiten bereitet, könnte mit etwas Geschick
sogar zum Vorteil gewendet werden, hofft der sozialistische Paradeintellektuelle
und Europaabgeordnete Henri Weber in Anlehnung an Alexis de Tocqueville:
"In der aristokratischen Demokratie wählt das Volk Vertreter,
die es für wissend und überlegen hält. In der demokratischen
Demokratie kommen Vertreter zum Zug, die dem Volk ähnlich sind. Der
Bluff mit der Kompetenz zieht nicht mehr."
Das mag linker Zweckoptimismus zu Beginn eines schwierigen Wahlkampfes
sein. Denn die Ausgangssituation ist nicht einfach: Die Meinungsforscher
sagen im ersten Wahlgang deutlich mehr Stimmen für rechte und rechtsextreme
Kandidaten voraus als für die Bewerber der Linken. Der rechtsextreme
Langzeitkandidat Le Pen hält kontinuierlich bei 15 Prozent. Trotzdem
lag Royal bis vor dem berühmten "Luftloch" im zweiten Wahlkampf
vor dem rechten Innenminister Nicolas Sarkozy.
Dass es der unverheirateten Frau, die den Vater ihrer vier Kinder und
Parteivorsitzenden als Partner sieht, mit dem sie auch ihre Meinungsverschiedenheiten
hat, überhaupt gelingen kann, sich als volksnahe Politikerin zu präsentieren,
darin zeigt sich auch die dramatische Veränderung des Frauen-und
Mutterbildes in dem als konservativ geltenden Frankreich.
Auch Angela Merkel, die deutsche Bundeskanzlerin, war in der katholischen
Männerwelt der CDU ursprünglich ein Fremdkörper. Protestantisch,
kinderlos und geschieden, da mussten die Parteigranden lange schlucken.
Nach dem Ende einer rot-grünen Regierungszeit sind die politischen
Vorzeichen in Deutschland mit Frankreich oder gar den USA nicht zu vergleichen.
Aber zeigt nicht auch die konservative deutsche Regierungschefin manchmal
den Common Sense einer Nancy Pelosi und die ideologische Unvoreingenommenheit
einer Ségolène Royal? Dass der damalige Schröder-Adlatus
Frank-Walter Steinmeier ein Jahr nach den Angriffen des 11. September
und mitten im großen transatlantischen Streit um den Irak andere
Prioritäten hatte, als den in Bremen geborenen terrorverdächtigen
türkischen Staatsbürger Murat Kurnaz aus Guantánamo herauszuholen,
kann man irgendwie nachvollziehen. Wieso der Fall auch 2005 nicht anders
gesehen wurde, ist schon weniger verständlich. Angela Merkel hat
offensichtlich gleich nach ihrer Amtsübernahme schlicht auf Menschlichkeit
geschaltet und die Freilassung bewirkt.
Margret Thatcher war einst als "eiserne Lady" eine singuläre
Erscheinung in einer männerdominierten Welt, egal ob auf der Linken
oder der Rechten. Hinter den Politikerinnen von heute stehen die von der
modernen Frauenbewegung herrührenden neuen Verhältnisse zwischen
den Geschlechtern, die mit dem Ende eines langen konservativen politischen
Zyklus zusammenfallen. Eine spannende politische Konjunktur, nicht nur
dort, wo Präsidentschaftswahlen bevorstehen.
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