Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Freihandel, 1.12.1999


Für Montesquieu, den politischen Philosoph der französischen Aufklärung, stand die zivilisatorische Wirkung des freien Warenaustausches der Völker außer Frage: "Der Handel beseitigt zerstörerische Vorurteile", notiert der große Franzose in seinem "L'Esprit des lois", "Man kann fast die allgemeingültige Regel aufstellen, daß dort, wo Sitten und Gebräuche schmiegsam und fein sind, Handel betrieben wird. Und daß dort, wo gehandelt wird, Sitten und Gebräuche schmiegsam und fein sind."
Mike Moore, der umkämpfte Chef der Welthandelsorganisation WTO hätte derartigen Zuspruch dringend nötig. Denn Freihandel ist unpopulärer denn je. "Les frontieres on s'en fout", "Auf die Grenzen pfeifen wir", hieß es einst im Mai 68. Der kühne Plan, Zollbarrieren, die Völker und Volkswirtschaften trennen, weiter abzubauen, wird dagegen diese Woche in Seattle Zehntausende zur größten Protestkundgebung Nordamerikas seit den Zeiten der Vietnam-Solidaritätsbewegung versammeln. "The WTO kills people.Kill the WTO", lautet der kämpferische Slogan der "Peoples Global Action".
Mit Microsoft und Boeing gehört der Nordwesten der USA zu den klarsten Gewinnern der Globalisierung. Dank ihres boomenden Hafens profitiert Seattle, eine der lebenswertesten Städte der USA, zusätzlich von den wachsenden nordpazifischen Handelsströmen. Trotzdem wurde die geheimnisvolle WTO auch hier für Viele das Feindbild Nummer eins. Der Mechanismus ist nicht ganz unbekannt: stößt doch auch der Abbau der EU-Ostgrenzen ausgerechnet bei den Österreichern, die von dieser Entwicklung seit Jahren am stärksten profitieren, auf die heftigsten Widerstände. In den USA kommt das grundsätzliche Mißtrauen gegen alles, was nach internationaler Organisation aussieht, dazu: hatten hier doch vor nicht allzulanger Zeit noch dumpfe Milizen mit ihren Warnungen vor dem Griff der Vereinten Nationen nach der Weltherrschaft echten Einfluß im Establishment der Republikanischen Partei.
Gewiß: den linken Gewerkschafter und Umweltschützer, Konsumentengruppen und Dritte-Welt-Organisationen, die diese Woche zum Anti-Globalisierungs-Woodstock in Seattle zusammenkommen, geht es vor allem um eine Manifestation gegen den "Kapitalismus pur", für den die immer mächtiger werdenden weltumspannenden multinationalen Konzerne stehen. Aber allzu oft mischt sich in die Sorge um Umwelt und Arbeitsbedingungen ein Anti-Globalisierungs-Backclashs mit ethnozentristisch-nationalistischem Grundton. Ob "America first" oder "Österreich zuerst": der Vorrang der eigenen Nation ist zur Zeit weltweit einer der erfolgreichsten politischen Slogans. Denis MacShane, der weltgewandte britische Labour-Abgeordnete zählt Österreich's Jörg Haider ebenso zu den Nutznießern dieser Stimmung wie die PDS in Deutschland, die auf Anti-EU-Kurs segelnden britischen Konservativen oder Indiens nationalistischer Volkspartei BJP: "Es handelt sich um den Ausdruck der gleichen Angst vor dem Anderen, dem Außenstendem, dem Fremden, die den Kern der Anti-Globalisierungshaltung ausmacht", warnt Denis MacShane in "Newsweek". Tatsächlich sind weltweit auf lokalen Monopolen und Ethnozentrismus beruhende Machthierarchien die entschiedensten Gegner der Internationalisierung.
Der französische Publizist Alexandre Adler erinnert dagegen in "Courrier International" an das von John Maynard Keynes aufgezeigte Paradoxon, daß Freihandel zwar mittelfristig für eine optimale Nutzung der Ressourcen unvermeidlich ist, kurzfristig protektionistische Barrieren unter bestimmten Bedingungen aber sehr wohl ein rascheres Wachstum ermöglichen können. Eine Beobachtung, die ebenfalls manchmal vorkommendem freihändlerischen Fundamentalismus entgegen zu halten ist. Trotzdem ist die Bilanz eindeutig: wachsende Exporte haben in den letzten Jahrzehnten das Wirtschaftswachstum weltweit beflügelt. Jene Staaten der Dritten Welt, die dabei sind aus dem Teufelskreis von Abhängigkeit und Armut auszubrechen, verdanken dies zu einem großen Teil den Möglichkeiten der globalisierten Welt. Daß Unterentwicklung und Ungleichheit unter den Bedingungen eines wachsenden Protektionismus besser zu bekämpfen wären als in einem Klima sich öffnender Grenzen, kann niemand ernsthaft belegen.
Erstmals wollen Europäer und Amerikaner - ganz im Sinn des Dritten Weges von Clinton&Blair&Schröder - in der bevorstehenden Milleniumsrunde auch Umwelt- und Sozialstandards einbeziehen: zum großen Entsetzen der armen Staaten des Südens, die dahinter eine versteckte Form des Protektionismus vermuten. Angesichts der bekannten nationalistischen Reflexe der meisten Arbeitnehmer-Lobbies in den Industriestaaten keine ganz unberechtigte Sorge. Trotzdem können internationale Regeln helfen nationalen Gewerkschaften den Spielraum zu schaffen, Verbesserungen am Arbeitsplatz zu erreichen und etwa die Kinderarbeit zurückzudrängen. Ob solche Regeln auch tatsächlich erlassen werden, und zwar ohne durchsichtige diskriminatorische Motive des mit Arbeiterrechten gesegneten Nordens gegen südliche Konkurrenten, ist eine Frage des politischen Willens.
Aber schon die Möglichkeit allein zeigt Stärken und Schwächen der WTO: vor fünf Jahren nach langem Zögern von den USA mitbegründet, soll sie die Globalisierung reglementieren. An die Stelle des völlig ungeregelten planetaren Konkurrenzkampfes sollte eine von allen akzeptierte Institution stehen, die schlichtet, reglementiert und den Rahmen für Kompromisse bietet. Die Realität sah allzuoft recht anders aus. Besonders die Drohung der USA, sich einer ihr ungünstigen Entscheidung der WTO im Handelskonflikt mit Europa oder Japan einfach zu widersetzen, hat die Autorität der Organisation beträchtlich angekratzt.
Trotzdem ist die WTO - ganz wie die UNO - ein Stückchen Weltregierung: solange auch die stärksten Player sich den allgemeingültigen Regeln nicht völlig entziehen, bieten solche Institutionen für Schwächere mehr Schutz, als das reine Faustrecht des Großen. Hochgezogene Grenzen sind auf jeden Fall kein taugliches Mittel Ausbeutung und soziales Unrecht entgegen zu wirken. Im Gegenteil: der damit einhergehende Provinzialismus begünstigt die Willkür lokaler Potentaten.
Chinesisches Spielzeug und pakistanische Textilien, japanische Computer und exotische Früchte in heimischen Geschäften sowie Strümpfe von Wolford oder Glas von Swarowski in den Shopping Malls der Welt mögen die Kassen diverser Multis füllen. Gleichzeitig verkleinern sie jedoch die Welt und verfeinern die Sitten, ganz wie Montesquieu es ahnte.

 

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