Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

Fenster schließen
 
  Aktuelle Analysen
   

Gaspreis als Fortsetzung des Kaukasuskrieges, 14.1.2009

Niemand weiß, wie viele ukrainisch-russische Gasverträge es gibt und wer welche Zusatzabkommen hat. So beklagt der tschechische Außenminister und EU-Ratsvorsitzende Karel Schwarzenberg das juristische Chaos, das den Energienotstand in halb Europa begleitet. Manche vermuten eine Verschwörung der Oligarchen rund um die Mittlerfirma RosUkrenergo. Das geheimnisvolle Unternehmen wird abwechselnd verdächtigt, Milliarden für Wladimir Putin, dessen ukrainischen Gegenspieler Viktor Juschtschenko oder ganz einfach "die Mafia" zu scheffeln.
Die gefährliche Ausweitung des alljährlich wiederkehrenden Preispokers zwischen Moskau und Kiew zum kontinentalen Kräftemessen zeigt, wie instabil der Raum östlich der EU geworden ist. Nach dem Kaukasuskrieg vom vergangenen Sommer erlebt Europa zum zweiten Mal, mit welch rasender Geschwindigkeit sich die seit dem Zerfall der Sowjetunion unbewältigten Probleme zur akuten Krise ausweiten können.
In der Ukraine droht der erbitterte Führungsstreit zwischen dem stramm prowestlichen Präsidenten Viktor Juschtschenko und der begnadet populistischen Regierungschefin Julia Timoschenko das gesamte politische System in den Abgrund zu ziehen. Die ukrainische Währung ist schwer angeschlagen. Russland wiederum hat in der Krise einen großen Teil seiner Finanzreserven verloren. Der fallende Ölpreis zerstört die ökonomische Basis, auf der Putin die Politik des neuen russischen Selbstbewusstseins aufbauen wollte. Der einst so stolze Monopolist Gazprom ist plötzlich tiefverschuldet.
Mit der simplen Kontrolle der Gaspipelines durch unparteiische Beobachter, wie die EU das wünscht, wird sich diese Krise nicht lösen lassen. Geht es bei dem Streit doch um viel mehr als um die Preise. Selbst in der lupenreinen Marktwirtschaft sind Rohstoffflüsse nie geopolitisch neutral. Beim Gas ist das gesamte Preisgeflecht zwischen Mittelasien, Russland und der Ukraine ein Erbe sowjetischer Zeiten.
Aber die orange Revolution hat vor vier Jahren die Ukraine aus dem russischen Einflussbereich gelöst. Es war eine echte, demokratische Volksbewegung, unterstützt von Europa und den USA. In der russisch sprechenden östlichen Hälfte des Landes konnten die Führer der Revolution jedoch keine Wurzeln fassen. Seither droht die Westorientierung Juschtschenkos, der sein Land nicht nur in die EU, sondern auch in die Nato führen will, die Ukraine zu spalten.
Ein sicherheitspolitischer Anschluss Kiews an den Westen, koste es, was es wolle? Doch wieder eine Annäherung an Moskau? Oder neue Grundregeln in Europa? Auch darum geht es im aktuellen Streit ums Gas. Die von der Regierung Bush betriebenen Osterweiterungspläne der Nato für die Ukraine und Georgien prallten schon 2008 auf die russischen Versuche, ein Comeback als Weltmacht zu schaffen. Insofern ist der Gasstreit eine Fortsetzung des Kaukasuskriegs mit anderen Mitteln: Es tobt der Kampf um Einflusssphären in der russischen Nachbarschaft.
Glücklicherweise geht in Washington die neokonservative Ära zu Ende. Mit Obama ist die Chance zu einem Neuanfang auch mit Moskau gegeben. Russlands Präsident Dmitri Medwedew hatte schon vor dem Sommer die Idee einer neuen Sicherheitskonferenz lanciert, auf der von der Energieversorgung bis zu den umstrittenen US-Radarstellungen alle offenen Fragen zu diskutieren wären. Mit Ausnahme von Frankreichs Nicolas Sarkozy blieben die Europäer ablehnend. Vielleicht ermöglicht der Tarifstreit um das Gas ein Umdenken auch in großen Fragen.
Bei der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Helsinki anno 1975 fand der Westen mit Leonid Breschnew einen Modus Vivendi. Warum in einem vergleichbaren Prozess nicht auch mit Putin und Medwedew Lösungen finden? Dabei könnte sich herausstellen, dass es für ehemalige Sowjetrepubliken wie die Ukraine und Georgien bessere Möglichkeiten gibt, ihre Unabhängigkeit zu sichern, als allein die Mitgliedschaft im transatlantischen Bündnis. Während des Kalten Kriegs, als man sich in Europa um vieles heftiger über Einflusssphären stritt als heute, brachte die militärische Neutralität den Grenzstaaten Finnland und Österreich Demokratie und Stabilität. Auch heute ist Kreativität gefragt, damit sich kein Staat in Europa übervorteilt, eingekreist oder gefährdet fühlt. Erst dann wären russisch-ukrainische Streitigkeiten um den Gaspreis wirklich reine Handelskonflikte.

 

nach oben, Fenster schließen

 
  site by Adrian Rossmann