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Gefaehrliches
Tabu, 26.4.2006
Dirigiert das kleine Israel in Wirklichkeit die Außenpolitik der
Weltmacht Amerika? Haben jüdische neokonservative Ideologen die USA
in den Irakkrieg getrieben, weil sie damit die Visionen der israelischen
Rechten verwirklichen wollten? Der verschwörungstheoretische Ansatz
hinter diesen Fragen wird in den USA häufiger debattiert, als man
gerne zugibt. Den Hinweis, die scheinbar irrationale Treue zum israelischen
Verbündeten, verstärkt durch religiöse Schwärmerei
im christlich-fundamentalistischen Flügel der regierenden Republikaner,
sei das Hauptproblem der amerikanischen Nahostpolitik, bekommt man von
ehemaligen Militärs ebenso zu hören wie von unzufriedenen Mitarbeitern
des State Department oder linken Antiimperialisten. Im scharfen Kontrast
dazu ist das enge Bündnis mit Israel im Mainstream der amerikanischen
Medien kein Thema.
Das Tabu bewusst durchbrochen haben vor einigen Wochen die beiden Politikwissenschaftler
John Mersheimer und Stephen Walt. Ihre Studie "The Israel Lobby"
hat innerhalb weniger Wochen mehr heiße Debatten ausgelöst
als andere Wortmeldungen in Jahren. Das mag mit Harvard und der University
of Chicago zu tun haben, den prominenten Universitäten, an denen
die Autoren unterrichten. Ein New Yorker Kongressabgeordneter war rasch
mit dem Vorwurf zur Stelle, die Untersuchung sei voller antisemitischer
Vorurteile. Die Kennedy School of Government in Harvard musste sich unter
massivem Druck vom Text ihres Institutsleiters distanzieren.
Tatsächlich klingt die umstrittene Studie streckenweise wie ein Pamphlet.
Man kann ihr vorwerfen, dass sie anprangert, statt zu erklären. Oft
reihen die Autoren Fakten aneinander, statt sie im historischen Zusammenhang
zu untersuchen. Erkenntniswert und Neuheit der Feststellung, dass die
USA im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen 32-mal ihr Veto eingesetzt
haben, um Israel vor einer Verurteilung zu schützen, halten sich
in Grenzen. Aber die Autoren sprechen Tatsachen aus, die von der amerikanischen
Öffentlichkeit souverän ignoriert werden. Dazu gehört die
idealisierende Sichtweise des israelischen Antiterrorkampfes in verschiedenen
nahezu einstimmig angenommenen Kongressresolutionen ebenso wie die proisraelische
Parteilichkeit der großen Medien.
Das Problem von Menschenrechtsverletzungen bei den israelischen Militäreinsätzen
ist der breiten amerikanischen Öffentlichkeit trotz laut "Foreign
Affairs" 317 Opfern gezielter Mordanschläge seit dem Jahr 2000
und an die 5000 palästinensischen Gefangenen unbekannt. Dass auch
die Palästinenser nationale Ambitionen haben, die im logischen Widerstreit
mit der israelischen Kolonisierungspolitik liegen, wird weitgehend ignoriert.
Anders als in Europa, wo man den Nahostkonflikt grundsätzlich als
Kampf zweier Völker um die gleiche Heimat sieht, dominiert in der
amerikanischen Sichtweise das propagandistisch verzerrte Bild "israelische
Demokratie" versus "palästinensischer Terrorismus".
John Mearsheimer und Stephan Walt treten dieser Sichtweise entgegen. Dabei
berufen sie sich auf Zahlen und Daten, die niemandem neu sind, der sich
je mit dem Nahostkonflikt beschäftigt hat, die man aber gerade in
den USA gerne vergisst. Gleichzeitig beschreiben sie die zentrale Rolle
der mit leicht verschwörerischem Unterton als "The Lobby"
bezeichneten proisraelischen Pressure-Groups in der amerikanischen Nahostpolitik.
Auch hier gilt: Um zu wissen, dass das American Israel Public Affairs
Committee AIPAC, die beim Kongress in aller Form als Vereinigung der Israelfreunde
registrierte Organisation, in Washington zu den stärksten Lobbys
gehört, vergleichbar nur mit der National Rifles Association, den
Exilkubanern oder der Öllobby, braucht man nicht Politikwissenschaftler
zu sein. Interessanter wäre es gewesen zu untersuchen, wie sich der
Israellobbyismus im Laufe der Jahre entwickelt und verändert hat.
Für einige ihrer kontroversiellsten Behauptungen bleiben die Autoren
jedoch die Beweise schuldig. Seit Jahren rätseln die Experten, was
wirklich hinter dem verhängnisvollen Drang der Regierung Bush zum
Irakkrieg gestanden ist. Nicht der Drang nach Öl zum Schutz der imperialen
Stellung Amerikas in der Welt, so behaupten Mearsheimer und Walt, habe
zur Invasion geführt, sondern die strategischen Interessen Israels.
Eine interessante These, zu deren Untermauerung die von den Autoren zitierten
bellizistischen Äußerungen israelischer Politiker allerdings
kaum ausreichen.
Seit dem Sechstagekrieg verfolgt Amerika seine imperialen Interessen im
engen Bündnis mit Israel. Das hat für beide Seiten nicht nur
Vorteile. Israel gilt als westlicher Vorposten und damit als Fremdkörper
des Mittleren Osten. Das gibt dem jüdischen Staat ein militärisches
Sicherheitsgefühl, gleichzeitig wird dadurch jedoch eine Integration
in die Region blockiert. Die USA haben den Vorteil eines todsicheren Verbündeten,
bleiben in der arabischen Welt aber unglaubwürdig, weil sie als Schutzmacht
der israelischen Kolonisierungspolitik auftreten. Das mag eine Allianz
sein, die im gegenwärtigen Konflikt zwischen dem Westen und dem islamischen
Fundamentalismus eine verheerend verschärfende Wirkung hat. Aber
die berühmte These, dass der Schwanz mit dem Hund wedelt und das
Sicherheitsbedürfnis Israels letztlich dafür entscheidend sein
wird, ob das amerikanische Pentagon seine Bomber tatsächlich gegen
nukleare Ziele im Iran ausschickt, lässt sich daraus nicht ablesen.
Damit könnte man zur Tagesordnung übergehen. Hätte der
Artikel der beiden US-Politologen nicht ein wildes Sperrfeuer überzogener
Reaktionen hervorgerufen, das der Historiker Tony Judt in der New York
Times schlicht als "hysterisch"; bezeichnet. Von einer Imitation
der "Protokolle der Weisen von Zion"; (Josef Joffe) ist die
Rede, ein anderer Kritiker (der Jusprofessor und Publizist Alan Dershowitz)
vermutet Ku-Klux-Klan-Mann David Duke und Naom Chomsky als Ideengeber.
Wer es sich so leicht macht, übersieht eine Kleinigkeit: das enge
Bündnis der USA mit Israel ist tatsächlich außergewöhnlich,
beide Seiten zahlen dafür auf ihre Weise einen Preis. Jede Diskussion
um die Anomalie dieser Beziehung aus der breiten Öffentlichkeit zu
verbannen, führt garantiert zum gegenteiligen Effekt: einem unter
der Oberfläche brodelnden Gefühl der vermeintlichen Zurückstellung
amerikanischer nationaler Interessen zugunsten Israels, das Verschwörungstheorien
jeder Art Tür und Tor öffnet.
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