Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Gegen den nationalstaatlichen Sumpf: Europa statt Krise, 13.5.2009

Der streitbare Daniel Cohn-Bendit hat einen bestechenden Vorschlag: Damit EU-Wahlen europäischer werden, sollten ein Drittel der Abgeordneten über multinationale Listen gewählt werden. Mit Kandidaten aus unterschiedlichen politischen Kulturen und Wahlkämpfen in mehreren Sprachen.
Davon sind wir weit entfernt. Die ernüchternde Realität: In den Mitgliedsstaaten laufen 27 weitgehend voneinander getrennte, eher müde Wahlauseinandersetzungen.
Auf den ersten Blick erscheint das paradox. Da wählen die Europäer ein Abgeordnetenhaus, das Jahr um Jahr mehr Einfluss bekommt. Aus der ganzen Welt pilgern Präsidenten, Nobelpreisträger und politisch Interessierte nach Straßburg. Man will sehen, wie Vertreter von Nationen, die einander einst millionenfach umgebracht haben, jetzt im parlamentarischen Alltag über Handytarife, Bankenregeln und Sekretariatszulagen streiten.
Aber die eigenen Bürger schauen kaum hin. Die Meinungsforscher erwarten diesmal für die meisten Mitgliedsstaaten eine noch niedrigere Wahlbeteiligung. In der Krise ist Europa zwar populärer geworden, ihre Hoffnungen projizieren die Menschen aber vor allem auf die Nationalstaaten.
Regieren besteht in Europa zu 80 Prozent darin, EU-Beschlüsse umzusetzen. Gleichzeitig tun die Politiker aber alles in ihrer Kraft Stehende, um zu verhindern, dass europäische Legitimität jenseits der Nationalstaaten entsteht. Daher reicht für Silvio Berlusconi ein Schnellkurs, um aus italienischen Showgirls europäische Abgeordnete zu machen. Den liberalen Briten Graham Watson, einen möglichen zukünftigen Präsidenten des Europäischen Parlaments, versteckt die eigene Partei so konsequent, dass in London selbst politisch Versierte noch nie von ihm gehört haben. In Österreich macht die als Europapartei geltende ÖVP auf ihren Plakaten den Wählern weis, dass zwar "Europa wählt", aber "Österreich entscheidet". Klar, in einem Verbund von 500 Millionen entscheiden acht Millionen Österreicher, das nennt man dann Demokratie.
Die politischen Schwächen des Europaparlaments sind manifest: langwierige Entscheidungsprozesse, unübersichtliche Dimensionen und ausgeprägte Gesichtslosigkeit. Parlamentspräsident Hans-Jörg Pöttering, ein altgedienter CDU-Politiker, der es nach der bissigen, aber treffenden Beschreibung des Spiegel als Redner mühelos schafft, seine Zuhörer innerhalb weniger Sekunden ins Wachkoma zu versetzen, bleibt außerhalb eines 100-Meter-Radius um das Parlament völlig unbekannt. Aber Europa ist mit solchen Konstellationen zusammengewachsen. Das langwierige Prozedere zwischen der EU-Kommission, dem Rat der Mitgliedsstaaten und dem Europäischen Parlament verhindert populistische Anlassgesetzgebung. Nationalistische Zerwürfnisse werden durch das unverständliche Gestrüpp europäischer Verfahrensregeln verhindert. Trockene Eurokraten und graue EU-Abgeordnete können sich Distanz zu heimischem Boulevard und nationalistischen Schüben leisten.
Für politisches Theater sorgen höchstens Extremisten, die an den Grundfesten der europäischen Nachkriegsentwicklung rütteln, wie zuletzt Le Pen mit seiner Relativierung des Holocausts.
Die geringe Wahlbeteiligung kann da niemand wundern. Ein Vergleich mit den USA drängt sich auf. Bei den letzten Kongresswahlen vor Obama 2002 ging kaum mehr als ein Drittel der amerikanischen Wahlberechtigten zu den Urnen. Dabei hat Amerika, was Europa abgeht: eine gemeinsame Öffentlichkeit und dank der Präsidentschaftswahlen alle vier Jahre die Möglichkeit zu Richtungsentscheidungen. An der Legitimität des Kongresses in Washington hat das geringe Interesse der Wähler trotzdem nie etwas geändert.
Auf dem alten Kontinent gaben 2004 immerhin 45 Prozent einem Europaabgeordneten ihre Stimme. Obwohl in Europa erschwerend der machtpolitische Vorrang der Nationalstaaten dazukommt. In den größten Demokratien verfolgt im Normalfall offensichtlich nur ein Teil der Bevölkerung die große Politik.
Wenn der Reformvertrag einmal in Kraft ist, wird das Straßburger Parlament trotzdem neue Kompetenzen bekommen. Ein beruhigendes Zeichen dafür, dass die europäische Integration allen Unkenrufen zum Trotz lebendig bleibt. Normalität in Krisenzeiten muss kein Nachteil sein. Den Sprung aus ihrem nationalstaatlichen Sumpf werden die Europäer bei diesen Wahlen allerdings nicht schaffen.

 

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