Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Geteiltes Europa, 28.2.2007


Es ist kaum zu übersehen: Für die Generäle ist der Streit über amerikanische Raketenabwehrstellungen in Osteuropa ein Geschenk des Himmels. Endlich haben die Militärs in Washington ein anderes Thema als den leidigen Irak. Szenarien von weltweiter Radarüberwachung, zielgenauen Raketen und unzerstörbaren Silos könnten, so hofft das Pentagon, die verfallende Infrastruktur des "Walter Reed Hospitals" für verletzte Veteranen oder die Lücken beim Schutz vor ferngelenkten Bomben in Bagdad aus den Schlagzeilen verdrängen. Ähnlich ist die Logik für die russischen Kollegen: nicht mehr von Quälerein und Selbstmorden von Rekruten in den zerfallenden Kasernen ist die Rede. Die internationalen Kommentare widmen sich der Prahlerei des Chefs der Strategischen Raketeneinheiten über die angebliche Zielgenauigkeit, mit der russische Waffen amerikanische Raketensilos in Osteuropa treffen könnten.
Nach Abrüstungsverträgen, dem Verlust des alten Imperiums und Jahren der Erniedrigung verfügt der Kreml nach wie vor über das einzige Waffenpotenzial der Erde, das Amerika auslöschen könnte. Den Traum der US-Militärs, im nuklearen Bereich einen derartigen Vorsprung zu erreichen, dass Russland im Fall eines Schlagabtausches keine Chance hätte, will Wladimir Putin durchkreuzen. Die hohen Ölpreise füllen die russische Staatskassa und erstmals seit Jahren baut die russische Armee wieder Silos und neue Interkontinentalraketen. Eine Rückkehr des Kalten Krieges signalisieren die schrillen Töne aus Moskau nicht. Es stehen einander keine miteinander konkurrierenden Gesellschaftsmodelle samt dazugehörender Ideologie gegenüber, wie einst in dem alle Kontinente umfassenden Konflikt zwischen amerikanischem Kapitalismus und sowjetischem "realsozialistischem" Kommandosystem. Aber offensichtlich hat Wladimir Putin in der letzten Phase seiner Amtszeit den Kampf um Einflusssphären wieder aufgenommen, in dem Russland seit dem Zerfall der Sowjetunion immer nur verloren hat.
Als das sowjetische Imperium in den Seilen hing, aber in den westlichen Hauptstädten noch immer Angst auslöste, gab George Bush senior dem Reformer Michael Gorbatschow ein Versprechen: Die USA würden den sowjetischen Rückzug aus Osteuropa nicht ausnützen, um für sich Vorteile herauszuschlagen. Jahre später reicht die Nato bis an die russischen Grenzen. Sogar Georgien und die Ukraine machen sich Hoffnungen auf einen Beitritt zum Bündnis.
Die Raketensilos in Tschechien und Polen, über die verhandelt wird, will die Bush-Administration just zu einem Zeitpunkt der spürbaren amerikanischen Schwäche verwirklichen. Russland ist in der Lage, dafür zu sorgen, dass die USA für militärische Expansionsschritte einen Preis zu zahlen haben. Egal ob im iranischen Atomkonflikt oder beim Antiterrorkampf - überall dort, wo der US-Unilateralismus versagt, kann Putin die Vorhaben Washingtons durchkreuzen.
Draufzuzahlen drohen bei neuen Spannungen vor allem jene Nachbarstaaten, denen die lange Lähmung des Kremls den Spielraum für demokratische Experimente mit amerikanischer Unterstützung geschaffen hat. Georgien oder die Ukraine könnte ein eisiger Wind aus Moskau als Erste treffen. Aber auch die EU wird auf eine Probe gestellt. Beim Vorstoß für neue US-Militärbasen könnte die alte Idee Donald Rumsfelds Pate gestanden sein, dass innereuropäische Spannungen zwischen Gegnern und Befürwortern einer engen Anlehnung an die USA für die amerikanische Diplomatie auch Vorteile hat. Wenn die geplanten US-Stützpunkte nur dazu da sein sollen, zukünftige Raketen aus dem Iran abzufangen, dann fragt man sich, warum Radaranlagen und Silos nicht in den traditionellen Nato-Mitgliedsstaaten Griechenland und Türkei gebaut werden?
Nicht ganz überraschend ist die Spaltung zwischen "altem" und "neuem" Europa aus der Zeit des Irakkriegs wieder da. Die Regierungen in Prag und Warschau, die dem Pentagon gerne grünes Licht geben möchten, fühlen sich durch die Drohungen aus Moskau bestätigt. Die eigene Souveränität ist den derzeit in Warschau und Prag den Ton angebenden Politikern nur dann sakrosankt, wenn es gegen die EU geht. In Westeuropa fallen dagegen die letzten Bastionen der Freundschaft mit George Bush. Selbst Großbritannien beginnt seine Truppen aus dem Irak abzuziehen, während der US-Präsident mehr und mehr Soldaten schickt. Sogar Romano Prodi, der den Bush-Fan Silvio Berlusconi abgelöst hat, ist bei seiner Abstimmungsniederlage zu einem Opfer des in Europa grassierenden Antiamerikanismus geworden. Eine europäische Sicherheitspolitik erwächst aus der gemeinsamen Distanz der Regierten zu Washington allerdings nicht. Im Gegenteil: Mag es noch so viele Europäische Räte mit feierlichen Resolutionen geben, die Blauäugigkeit, mit der Exkanzler Gerhard Schröder den autoritären Kurs Putins gedeckt hat, hat man in Osteuropa nicht vergessen. Die polnische Führung baut nun ihre nationalistischen Spiele auf dem Generalverdacht auf, Deutschland konspiriert eben gerne mit Russland.
Wenn die Funken fliegen zwischen Moskau und Washington, dann wachsen die zentrifugalen Kräfte in Europa. Der Balanceakt zwischen amerikafreundlichem Atlantismus, Rücksichten auf den russischen Nachbarn und den zaghaften Bestrebungen einer gemeinsamen EU-Sicherheitspolitik, mit dem die meisten europäischen Regierungen dem Misstrauen zwischen alten und neuen Mitgliedsstaaten begegnen wollen, wird immer komplizierter. Für die Öffentlichkeit hat das Aussprechen von Gegensätzen auch Vorteile: Vielleicht findet das weltweite Schweigen zu den Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien ein Ende, wenn sich das einigende Band des Antiterrorkampfes zwischen Washington und Moskau lockert? Die russischen Geheimdienste könnten im Gegenzug mit ihrem Wissen über CIA-Übergriffe aufwarten, mit denen Völkerrecht und Rechtsstaat untergraben werden. Aber das ist ein schwacher Trost. Denn ein durch unterschiedliche Außenfeinde auseinanderdividiertes Europa wird sich nur schwer zu einer gemeinsamen Weltsicht durchringen.

 

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