Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Die Belgische Krankheit, 23.7.2008

Scheinbar war es Routine: der belgische Ministerpräsident, kaum vier Monate im Amt, hatte zu nächtlicher Stunde seinen Rücktritt angeboten. König Albert II, ein trocken wirkender älterer Herr, beriet sich ein paar Tage mit Parteiführern und Sozialpartnern, lehnte die Demission aber schließlich ab. Gleichzeitig beginnen Verhandlungen zwischen Volksgruppen und Regionen, bei denen nur eines klar ist: der belgische Bundesstaat in der heutigen Form mit seiner bis ins letzte Detail austarierten Kompetenzverteilung zwischen Flamen und Wallonen ist am Ende.
Noch vor zwei Jahren schockierte der französischsprachige Fernsehsender RTBF die Öffentlichkeit mit einer getürkten Sondersendung über die angebliche Sezession Flanderns. Die Vorstellung, ein neuer, sprachlich "reiner" Staat könnte in Westeuropa entstehen, erschien als Produkt rechtsextremer Fieberphantasien. Inzwischen sind im niederländisch sprechenden nördlichen Landesteil die einst bieder-behäbigen Christdemokraten durch das Bündnis mit einer separatistischen Kleinpartei zur treibenden Kraft eines nationalistischen Revivals aufgestiegen. In Wallonien entsetzt es niemand mehr, wenn ein Think Tank die Modalitäten eines Anschlusses an Frankreich zur Diskussion stellt. Unbekümmert nehmen die Politiker Anleihen bei der Ideenwelt der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts: einen Korridor müsste man den Flamen entreißen, hört man im frankophonen Fernsehen, der die umkämpfte Hauptstadt Brüssel mit Wallonien verbindet. Schließlich ist die belgische Hauptstadt vollständig von quasi feindlichem flämischem Territorium eingeschlossen. Die Parallele zum deutschen Korridor nach Danzig vor 1938 ist natürlich maßlos übertrieben. Aber Tatsache ist: in der belgischen Politik geht es inzwischen nur mehr darum, wie die Volksgruppen weiter auseinanderrücken können.
Niemand kommt auf die Idee, dass vielleicht besser die mustergültig zweisprachige Hauptstadt Brüssel den Weg in die Zukunft weisen könnte, als das vom Einsprachigkeitswahn erfasste Flandern oder das gegenüber dem Flämischen ignorante Wallonien. Im letzten Dezentralisierungsschub der Sechzigerjahre wurde Brüssel zur eigenen Region gemacht, mit einem Ministerpräsidenten und bis ins Letzte ausgetüftelten nationalen Proporzregeln. Im Alltag ist Französisch die dominante Sprache, aber jede Polizeipatrouille muss auch in Flämisch amtshandeln können. Der Gegensatz zur unmittelbaren Umgebung könnte krasser nicht sein: verbissen kämpft dort das offizielle Flandern für die Alleinherrschaft der flämischen Sprache. Zweisprachige Aufschriften sind verpönt. Reisende, die den Weg nach Lille suchen, müssen dem Wegweiser in Richtung Rijssel folgen: der flämische Name für die nordfranzösische Stadt.
Daniel Cohn-Bendit, der als Europaabgeordneter den halben Monat in Brüssel lebt, erinnert der Bann gegen alles Französische in Flandern an die Türkei, wo drei kurdische Buchstaben verboten sind. Historisch waren die Flamen lange die Underdogs gewesen, ihre Sprache galt als bäuerlicher Dialekt der Ungebildeten. Politik und Recht, Verwaltung und Industrie waren in Belgien französisch. Noch im 19.Jahrhundert blieb die Schulbildung ausschließlich in der Sprache Voltaires. Die älteste flämische Universität ist kaum hundert Jahre alt. Erst mit dem Niedergang der südbelgischen Kohle-und Stahlindustrie ab den Fünfzigerjahren drehte sich das Blatt: unbelastet von alten Strukturen zog der Norden ökonomisch davon. Innerhalb weniger Jahrzehnte stieg Flandern zum deutlich reicheren Landesteil auf. Um nun, aus der neuen Position der Stärke, gegenüber dem ungeliebten Zentralstaat aufzutrumpfen. "Heute sind die Flamen nicht nur die Mehrheit. Sie haben auch die Macht.", urteilt aus der Position des deutsch-französischen Beobachters Daniel Cohn-Bendit, " Aber sie fühlen sich immer noch als Opfer. Und sie wollen Revanche."
Politisch war der folgenschwerste Schritt die strikte regionale Trennung der Parteien. Flämische und wallonische Christdemokraten, Sozialisten und Liberale sind voneinander völlig getrennte Organisationen. Nur die Grünen bilden zumindest im Bundesparlament eine gemeinsame Fraktion. Politiker beziehen ihre Legitimität allein aus der Zustimmung in ihrer Volksgruppe. Es gibt keine Abgeordneten, die sich sowohl flämischen als auch wallonischen Wählern verantwortlich fühlen. Die schleichende Separation hat dazu geführt, dass Wallonen und Flamen in völlig verschiedenen Welten leben, denken und wählen. Eine belgische Öffentlichkeit gibt es inzwischen fast so wenig, wie in der ganzen EU eine europäische Öffentlichkeit. Immer mehr verlagert sich das politische Gewicht weg vom Bundesparlament in Brüssel und hin zu den aufsteigenden Regionalparlamenten. Eine Entwicklung, die paradoxerweise sehr direkt mit der EU zusammenhängt. Denn wäre noch der schwächliche belgische Francs das Zahlungsmittel, und nicht der starke Euro, die politischen Blockaden der letzten Jahre hätte längst zu einem Absturz der Währung mit schwerwiegenden wirtschaftlichen Folgen geführt. Die Eliten wären rasch gezwungen gewesen, einen Ausweg aus der Krise zu finden. Erst die Sicherheit, fester Bestandteil des gemeinsamen Europas zu sein, schafft Belgien den Luxus zur quälend langsamen Desintegration.
Ob es tatsächlich zur formellen Spaltung des Landes, mit zwei Staatsoberhäupter, zwei Armeen und zwei Fußballnationalmannschaften kommen wird, ist unklar. Aber in einem Punkt sind die flämischen Parteien unnachgiebig: das belgische Sozialversicherungssystem muss regional geteilt werden. Der tüchtige Norden habe es satt, Jahr für Jahr Milliarden an unmotivierte Arbeitslose und faulenzende Sozialrentner im Süden zu überweisen, so trommeln es seit Jahren die flämischen Medien. Neben der durch die EU-Präsenz noch wichtiger gewordenen gemeinsamen Hauptstadt Brüssel und dem etwas abgewirtschafteten Königshaus gehört das Sozialsystem zu den stärksten Klammern des belgischen Staates. Sogar die aus der Nachkriegszeit stammende Gleitende Lohnskala, nach der Löhne, Gehälter und Sozialleistungen automatisch an die Inflation angepasst werden, konnten die Gewerkschaften bis heute verteidigen. Den Grundsatz eines geteilten Wohlfahrtstaates haben die meisten wallonischen Parteien längst akzeptiert. Die Sozialdemokraten, die in den Städten des Südens einst stolz sowjetische Wahlresultate um 80 Prozent einfuhren, sind durch nicht enden wollende Korruptionsaffären in den Grundfesten erschüttert. Bei zukünftigen Verhandlungen wird es wohl primär um die Modalitäten und den Preis für eine in Zukunft national abgestufte soziale Solidarität gehen.
Die Kombination von regionalem Egoismus der Reichen und dem wirtschaftlichen Aufstieg historisch benachteiligter Nationalitäten zeigt sich auch in anderen Teilen Europas. Genauso wie nationalistische Flamen träumen Basken und Katalonier, Schotten und Norditaliener vom Leben in einem neuen, engen Kleinstaat und befreit von den Verpflichtungen gegenüber ärmeren Nachbarn. Nationale Selbstgerechtigkeit und soziale Entsolidarisierung scheinen beim neuen Regionalismus Hand in Hand zu gehen.


 

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