Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Gipfel im Zwielicht, 30.5.2007

Eine Langzeituntersuchung der University of Maryland über kriegerische Konflikte brachte 2005 ein überraschendes Ergebnis: In den vorangegangenen 15 Jahren hat sich die Zahl der Kriege halbiert. Die Welt wird insgesamt gesehen friedlicher, trotz der verheerenden gegenteiligen Entwicklung im Irak und gewalttätiger Explosionen am Horn von Afrika und in Afghanistan. Durch eine Kombination von internationalem Druck und politischen Kompromissen sind in den vergangenen Jahrzehnten deutlich mehr bewaffnete Konflikte entschärft worden als neue entstanden sind. Oft ist es ein brüchiger Friede oder ein labiler Waffenstillstand, der an die Stelle der offenen Feindseligkeiten getreten ist. Jederzeit könnte ein Funke der gespannten Ruhe ein Ende bereiten. Aber ob auf dem Balkan, in Indonesien und Sri Lanka, an den verschiedenen afrikanischen Krisenherden, in Tschetschenien oder Zentralamerika: Weniger Menschen sterben in bewaffneten Kämpfen als in den meisten Jahren seit 1960. Ein wesentlicher Grund: mit dem Ende des Kalten Krieges ist auch die Bereitschaft der Großmächte zurückgegangen, Interessensgegensätze auszutragen, indem man Verbündete bewaffnet und zum Stellvertreterkrieg gegeneinander in den Kampf schickt. Kein potenzieller Konkurrent der USA käme auf die Idee, irakische Aufständische zu unterstützen, so wie das Moskau oder Washington unter unterschiedlichen Vorzeichen ganz selbstverständlich taten, um den Rivalen in ihrem Einflussbereich Schwierigkeiten zu bereiten. Die Stasi-Unterstützung für die RAF oder für palästinensische Terrorgruppen fällt ebenso in diese Kategorie, wie die CIA-Aktivitäten in den Achtzigerjahren in Afghanistan oder in Nicaragua.
Wenn die G 8 demnächst zu ihrem jährlichen Treffen an der deutschen Ostsee zusammen kommen, dann erwartet kein Mensch mehr Entscheidungen über Krieg und Frieden, wie das noch während der amerikanisch-sowjetischen Gipfel des vergangenen Jahrhunderts der Fall war. Klimawandel, Hunger in der Welt und die Ungleichgewichte in der Weltwirtschaft stehen im Zentrum. Zum zeremoniellen Pomp des Gipfels kommen, wie jedes Jahr, die bunten Proteste von Globalisierungsgegnern mit ihren unterschiedlichen Anliegen. Dabei gibt es bei den Treffen der führenden Industrienationen so gut wie nie wichtige Weichenstellungen. So spielten sich die diplomatischen Streitszenen zum Irakkrieg auf Außenministerebene im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen in New York ab, nicht zwischen den Staats- und Regierungschefs. Der Euro, die größte Neuheit im internationalen Finanzsystem seit dem Ende von Bretton Woods, wurde von François Mitterrand und Helmut Kohl im holländischen Städtchen Maastricht besiegelt. Auf die Gefahren der globalen Erwärmung reagierte die Staatengemeinschaft erstmals vor zehn Jahren in der alten japanischen Kaiserstadt Kyoto. Der anhaltende amerikanische Widerstand verhindert bis heute, dass die G 8 ein auch nur annähernd vergleichbares Signal setzen.
Das einzige Mal, dass im Kreis der mächtigsten Politiker der wichtigsten Verschiebungen in der Welt demonstrativ Rechnung getragen wurde, war die Aufnahme Boris Jelzins. Der Westen konnte sich im Gefühl des Sieges im Kalten Krieg sonnen. Da schmeichelte man gerne der geschlagenen, ehemaligen Supermacht durch die Aufnahme in den exklusiven Club. Diese Öffnung, damals offensiv betrieben von den USA unter Bill Clinton, wurde in der Folge immer wieder erweitert, durch Sessionen mit Staats- und Regierungschefs aus Asien, Lateinamerika und Afrika. Bei dieser Art von Weltdiplomatie ist das Protokoll meist wichtiger als Substanz, aber sie mag dazu beigetragen haben, dass zwischenstaatliche Spannungen weniger leicht zu kriegerischen Auseinandersetzungen eskalieren als in anderen Zeiten.
Im schottischen Gleneagles hat Tony Blair vor zwei Jahren den Kampf gegen die Armut in der Welt ins Zentrum des G-8-Gipfels gestellt. Zwei Jahre später zieht die internationale Hilfsorganisation Oxfam eine ziemlich gemischte Bilanz. Zwar wurden vielen der ärmsten Staaten ihre Schulden erlassen. Aber oft waren das sowieso uneinbringliche Forderungen, oder es stand ein dringendes politisches Interesse dahinter, wie beim Schuldenerlass für die proamerikanische Regierung in Bagdad. Von der versprochenen Trendwende in Richtung höherer Entwicklungshilfe ist nichts zu merken: 2006 sei die Unterstützung für arme Länder sogar zurückgegangen. Vor allem von besseren Entwicklungsmöglichkeiten durch günstigere Handelsbedingungen und eine Öffnung der Grenzen für Agrarprodukte aus der Dritten Welt sei nichts zu merken. Spätestens seit in Genua 2001 Zehntausende gegen Berlusconi, Bush & Co. trotz der inzwischen bekannt gewordenen gezielten Provokationen der Polizei auf die Straße gingen, gehören zu jeder Schlagzeile über das Treffen der führenden Präsidenten und Regierungschefs die Fotos mit Protesten und Demonstrationen. Die vergangenen Jahre haben gelehrt, dass das reale Gewicht solcher Mobilisierungen sich in Grenzen hält. Schließlich konnten 2003 auch Hunderttausende Demonstranten George Bush und Tony Blair von ihrem Angriff auf den Irak nicht abbringen. Die inzwischen fast schon automatische Parallelität von Gipfel und etwas ritualisierten Protesten sendet trotzdem eine gesunde Botschaft: Die große Politik hat es mit einer selbstbewussten Öffentlichkeit zu tun. Da kann man es nur begrüßen, wenn nicht nationalistische Hetzer und ressentimentbeladene Egoisten die Straßen beherrschen, sondern Umweltschützer, Friedensdemonstranten und Freunde der Dritten Welt. Das öffentliche Klima, das von den unbequemen Marschierern geschaffen wird, kann dazu beitragen, dass Friedenserhaltung und Konfliktvermeidung auch in Zukunft populärer bleiben als Militärbudgets und kriegerische Drohgebärden.

 

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