Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Goetterdaemmerung, 13.12.2006


Amerika beginnt zu begreifen, dass es dabei ist, den Irakkrieg zu verlieren. Mit allen Folgen, die das für eine um ihre globale Hegemonie kämpfende Weltmacht hat. Das ist die eigentliche Bedeutung des brutal ungeschminkten Berichts der Irakstudiengruppe der Elder Statesmen um James Baker und Lee Hamilton. Wenige Wochen zuvor hatte das Wahlvolk der republikanischen Regierungspartei das Vertrauen entzogen. Jetzt erklären die zehn Weisen, streng paritätisch aus Demokraten und Republikanern zusammengesetzt, die gesamte Strategie der Regierung Bush für den Mittleren Osten für gescheitert. In jedem parlamentarischen System wäre ein Regierungschef nach derartigen Schlägen unverzüglich zurückgetreten. In anderen Breitengraden würden die Bürger wahrscheinlich so lange auf die Straße gehen, bis der Präsident die Zeichen der Zeit erkennt.
George Bush wird die letzten beiden Jahre seiner Amtszeit ziemlich einsam sein. Sogar sein eigener neuer Verteidigungsminister, Robert Gates, macht kein Hehl daraus, wie wenig er von der bisherigen Linie der Regierung hält. Ehemalige neokonservative Einpeitscher, wie der frühere Bush-Redenschreiber David Frum, erklären das Irakdebakel mit allerhöchster Inkompetenz an der Spitze. Wenn er gewusst hätte, wie unfähig diese Regierung ist, dann hätte er von der Invasion des Irak abgeraten, erstaunt der ehemalige Pentagon-Vordenker und langjährige Kriegsbefürworter Richard Perle die Leser des trendigen Magazins Vanity Fair.
Das großartig anmutende Projekt eines vom Irak ausgehenden proamerikanischen Umbaus des gesamten Nahen Ostens hat sich nicht nur als undurchführbar erwiesen, es hat die USA und die Region in eine neue Krise gestürzt, aus der es keinen positiven Ausweg gibt. Für europäische Ohren klingt das nicht neu. Aber in den USA waren die Beteuerungen Bushs und Rumsfelds, ihre Strategie werde doch noch zum Sieg führen, offizielle Staatsdoktrin. Schon mit dem vernichtenden ersten Satz des Irakberichts, wonach die Lage im Irak "schlimm" sei und sich "ständig weiter verschlimmere", wird das Lügengebäude aller bisherigen beschönigenden Behauptungen zerstört. Damit geht eine Ära zu Ende: Die bittere Wirklichkeit hat sich gegenüber den bisher geltenden imperialen Fantasien durchgesetzt.
Beim ersten offiziellen Eingeständnis, dass die USA auf der Verliererstraße sind, bleibt die Irakstudiengruppe auf halbem Weg stehen. Das ist nicht verwunderlich: Jetzt beginnt der langsame Entscheidungsprozess, wie die Supermacht mit dieser Erkenntnis umgehen soll. In Vietnam zog sich dieser Vorgang über Jahre hin und kostete Tausenden Amerikanern und Hunderttausenden Vietnamesen das Leben. Die Niederlage wollte die Regierung bis zum Tag, an dem der letzte Helikopter von der US-Botschaft in Saigon abgehoben hat, nicht offen eingestehen. Der Preis des Scheiterns könnte im Nahen Osten mit seinen strategischen Ölreserven und seinen rivalisierenden, bis an die Zähne bewaffneten Machtgruppen noch höher werden als in Indochina. Dementsprechend verzweifelt läuft in Washington jetzt die Suche, wie die Niederlage gemanagt werden kann.
Die 79 Vorschläge, mit denen der Bericht von Baker und Hamilton schließt, werden von Militärexperten verworfen und von der republikanischen Rechten als Weg in die Kapitulation bekämpft. Schließlich war der nach dem Beispiel der "Vietnamisierung" verlangte forcierte Aufbau irakischer Streitkräfte mithilfe amerikanischer Berater schon bisher nicht erfolgreich. Konservative Senatoren und Abgeordnete wehren sich gegen Verhandlungen mit dem Iran und gegen Syrien ebenso wie gegen eine neue Haltung im israelisch-palästinensischen Konflikt. Anstatt die Nation zu einen, vertieft die Forderung nach pragmatischer Neuorientierung die Gegensätze innerhalb der republikanischen Partei.
Die Zeit der Bush'schen Scheinwelt ist abgelaufen, aber es bleibt unklar, in welche Richtung ein neuer Kurs führen wird. Eine gefährliche Situation. Die Kommissionsmitglieder haben sich vor der Aussage gedrückt, was geschehen soll, wenn ihre Vorschläge zu einer "Irakisierung" des Kriegs plus einem Teilabzug der US-Truppen im nächsten Jahr wieder nicht zur Beruhigung führen. Was tun, wenn die Kampftruppen das Land verlassen haben und Tausende amerikanische Berater zum Ziel der Aufstandsbewegung werden? Soll Amerika zusehen, wenn das Chaos zu einem viel größeren regionalen Krieg führt?
Die Entscheidung, ob der Irak im Extremfall aufgegeben werden soll, ist trotz des neuen Realismus in Washington noch nicht gefallen. Für Nancy Pelosi, die neue demokratische Parlamentspräsidentin, steht ein fixer Rückzugsplan im Vordergrund. Sie würde den befürchteten Verlust amerikanischen Einflusses in der Region in Kauf nehmen. John McCain, der eigenwillige republikanische Senator und wahrscheinliche Präsidentschaftskandidat, verlangt mehr Truppen für den Irak: Dieser Logik folgend müssen die USA die Bürgerkriegsparteien mit Hunderttausenden zusätzlichen Soldaten in die Knie zwingen, koste es, was es wolle. McCain hat in Vietnam als Kampfpilot Einsätze geflogen, er verbrachte fünf Jahre in Kriegsgefangenschaft. Die Niederlage 1975 war seiner Meinung nach darauf zurückzuführen, dass die USA zu wenig bombardiert haben und vor einer Invasion Nordvietnams zurückschreckten. Den Irak in die Steinzeit zurückzubomben, um ihn nicht aufgeben zu müssen, das wäre in letzter Konsequenz die Folge einer solchen Position.
"Es kann noch alles viel schlimmer werden", warnt der linksliberale Publizist Frank Rich in der New York Times, "nicht nur im Irak. Je länger wir glauben, dass die Niederlage nicht endgültig ist, desto größer ist das Risiko, dass wir auch andere Kriege verlieren, die noch zu retten sind. Zum Beispiel in Afghanistan." Seit dem Invasionsbefehl im Frühjahr 2003 sind im Irak bisher alle Worst-Case-Szenarien Wirklichkeit geworden. Das macht für die Zukunft pessimistisch. Der einzige Lichtblick in dieser düsteren Situation ist der Baker-Hamilton-Bericht selbst. Es ist das Zeichen der Stärke eines politischen Systems, wenn es in einer derart aufgeheizten Lage aufzeigt, dass der Kaiser völlig nackt ist. Auch die Wählerinnen und Wähler haben die Weichen umgestellt. Selbst wenn weiter harte Zeiten bevorstehen: Ein solches System hat bessere Chancen, mit Niederlagen umzugehen, als weniger flexible imperiale Mächte früherer Zeiten.


 

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