Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Grenzen der Staatsraison, Falter, 30.10.2002


Es war im Revolutionsjahr 1989 und Michail Gorbatschow regierte die Sowjetunion: ein kriminelles Kommando hatte in der Stadt Ordschonikidse im Kaukasus einen Schulbus überfallen und 30 Kinder mit einer Lehrerin als Geiseln genommen. Die Forderung lautete: zwei Millionen Rubel, ein Flugzeug und freies Geleit ins sichere Ausland. Die sowjetische Tradition des Umgangs in solchen Situationen war eindeutig: niemals nachgegeben. Der Sturmangriff war immer nur eine Frage der Zeit. Der Staat läßt sich nicht erpressen, hieß es, und um das zu demonstrieren war kein Preis zu hoch. Zur allgemeinen Überraschung setzte Gorbatschow jedoch eine völlig andere Vorgangsweise durch. Man solle ruhig die Forderungen der Entführer erfüllen, befahl der Generalsekretär. Das Leben der Geiseln zu schützen sei ihm das allerwichtigste. Zwei Tage später landete die entführte Maschine am Ben Gurion-Flughafen bei Tel Aviv. Die Gangster wurden festgenommen und mitsamt dem Lösegeld postwendend wieder in die Sowjetunion zurückgestellt. Es hatte kein einziges Opfer gegeben, ein Triumph für die Perestroika auch im Umgang mit kriminellen Erpressern.
Vergeblich hat Gorbatschow vergangene Woche an den Kreml appelliert, ähnlich vorzugehen,bei der Geiselnahme im Moskauer Theater-Zentrum das Leben der festgehaltenen Individuen über vermeintliche Staatsraison zu stellen und mit den Geiselnehmern ernsthaft zu verhandeln. In die gleiche Kerbe schlug der rechtsliberale Oppositionspolitiker Boris Nemtsow, der ein symbolisches Zeichen verlangte, daß Rußland auf keine militärische Lösung der Tschetschenienkrise setze. Jelena Bonner, die Witwe Andrej Sacharows, plädierte für Verhandlungen mit dem tschetschenischen Untergrundpräsidenten Aslan Maskhadow, dem einzigen einst frei gewählt Vertreter der Tschetschenen.
Ob ein solcher Weg tatsächlich erfolgreich gewesen wäre, weiß niemand. Tatsäche ist jedoch, dass er nicht einmal versucht wurde. Nicht einmal eine mit einem klaren Mandat der russischen Führung ausgestattete Verhandlungsdelegation hat es gegeben. Und der anfangs als gelungene Befreiungsaktion der russischen Alpha-Spezialeinheiten präsentierte Sturmangriff hat sich schließlich doch als furchtbares Blutbad herausgestellt. Klar: man darf die Zwangssituation einer Regierung nicht unterschätzen, der ultimativ mit der Sprengung eines vollbesetzten Theaters gedroht wird. Zumindest eine ehemalige Geisel betätigt die Darstellung der Behörden, die Geiselnehmer hätten in den Morgenstunden des vergangenen Samstags wirklich mit Erschießungen begonnen. Aber in seiner emotionellen abendlichen Fernsehansprache hatte Wladimir Putin mit den Worten Bilanz gezogen: "Rußland läßt sich nicht erpressen." Im Klima des "Krieges gegen den Terrorismus" scheint das individuelle Leben wieder weniger wert zu sein, als die Demonstration unnachgiebiger Härte des Staates.
Wie wenig das gängige Argument, Nachgiebigkeit gegenüber Erpressern lade nur zur Wiederholung solcher Aktionen ein, mit der Wirklichkeit zu tun hat, zeigt ein Blick in die österreichische Vergangenheit. Bruno Kreisky hat sowohl beim OPEC-Anschlag als auch bei der Geiselnahme durch ein palästinensisches Kommando zur Schließung des Transitlagers von Schönau Anfang der Siebzigerjahre auf allen Linien nachgegeben. Der Schutz des Lebens der Geiseln war ihm oberstes Gebot. Dass dadurch Terrorismus quasi "belohnt" würde, wie ihm Kritiker in In-und Ausland vorwarfen, war dem Sozialdemokraten ziemlich egal. Und tatsächlich wurde kein Nachahmungstäter durch diese bekannt weiche Haltung der österreichischen Bundesregierung auf den Plan gerufen. Umgekehrt hat die während Jahrzehnten durchgehaltene kompromisslose Haltung des "keine Verhandlungen mit Terroristen" zahlreicher israelischer Regierungen keinen Attentäter abgeschreckt. Weder der blutige russische Sturmangriff auf das von Tschetschenen besetzte Spital von Budennovsk 1995 noch der unter Putin verfolgte Kriegskurs Moskaus konnten verhindern, dass der ferne Tschetschenienkrieg in tragischer Weise auch die russische Hauptstadt erfasst hat. Geiselnahmen und Terrorüberfälle haben eben viel tiefere Wurzeln als die erwartete Härte oder Nachgiebigkeit der geforderten Staatsorgane.
So gesehen weisen die Geiselnahme in Moskau und die Selbstmordanschläge in Israel erschreckende Ähnlichkeiten auf. Anders als Attentäter in der Tradition des 11.September, denen es um einen quasireligiösen "Heiligen Krieg" gegen den Westen geht, handelt es sich dabei um die Produkte eines bislang erfolglosen Unabhängigkeitskampfes. Die Anschläge sollen den Abzug der russischen beziehungsweise israelischen Besatzer herbeiführen, den die traditionellen Führungen um Aslan Maskhadow sowie Jassir Arafat mit ihrer Verhandlungstaktik nicht erreicht haben. In beiden Fällen ist - aus unterschiedlichen Gründen - ein versuchter Friedensprozeß gescheitert. Maskhadow und Arafat gelten in Moskau beziehungsweise Jerusalem nicht mehr als akzeptable Gesprächspartner. Im anhaltenden Widerstandskampf gegen die Besatzer zerfällt die Gesellschaft in der Westbank und Gaza ebenso wie in Tschetschenien in rivalisierende Clans und Fraktionen. Der religiöse Fundamentalismus wächst ebenso wie die Bereitschaft zu selbstmörderischen Wahnsinnstaten.
Die Parallele hat allerdingsihre Grenzen: Nablus sieht nicht aus wie Grosny, mit der Zerstörungspolitik der russischen Streitkräfte in Tschetschenien läßt sich selbst das drakonische israelische Besatzungsregime nicht vergleichen. Bei allen Krisenerscheinungen der palästinensischen Gesellschaft gab es in der Westbank oder Gaza nie einen ähnlich dramatischen Verfall wie in Tschetschenien, wo das organisierte Verbrechen in seiner brutalsten Form jahrelang das Land regierte. Auf palästinensischer Seite gibt es gleichzeitig nichts, das dem Moskau-freundlichen tschetschenischen Quislingregime gleicht, das die russische Armee zu etablieren versucht, auch wenn so manche israelische Politiker vergleichbare Pläne wälzen. Aber sowohl unter den Palästinensern als auch den Tschetschenen gibt es jetzt offensichtlich eine neue Generation, die entschlossen ist den Krieg ins Land der Besatzer zu tragen.
Liberale Moskauer Medien hoffen, dass die angesichts der ständig wachsenden Opferzahlen eintretende Ernüchterung in der Öffentlichkeit vielleicht doch dazu führen könnte den Druck auf den Kreml in Richtung Kurswechsel in der Tschetschenienpolitik zu verstärken. Habe sich doch gezeigt, dass die ausschließlich militärische Strategie im Gegensatz zu allen Versprechungen Putins weder Sieg noch Friede gebracht hat und nun sogar die Sicherheit der Bürger in Moskau gefährdet ist. Eine Hoffnung, die sich angesichts einer weltweit um sich greifenden Militarisierung des Denkens bei Konfliktlösungen im Zusammenhang mit dem "Krieg gegen den Terrorismus" nicht leicht erfüllen lassen wird.

 

 

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