Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Haiti im Buergerkrieg, 3.3.2004

Die unverbluemteste Aussage kam vom Praesidenten selbst: Die amerikanischen Behoerden haetten den Auftrag alles tun, um zu verhindern, dass Fluechtlinge aus Haiti "unsere Kuesten" erreichen. Selbst Chaos und Buergerkrieg im benachbarten Armenhaus der westlichen Hemisphaere wuerden an seiner Entschlossenheit zum Schutz der Grenzen nichts aendern. Herzlosigkeit, wohlbekannt auch aus anderen Breitengraden, die Tradition hat. Als Anfang der Neunzigerjahre tausende Haitianer flohen, weil zu den Schrecken der Armut auch noch der Horror einer Militaerdiktatur gekommen war, da brachte die Coast Guard die Seebruechigen nach Guantanamo, um den Fluechtlingsstrom nur ja von Florida fernzuhalten. Vorsorglich werden auch jetzt neben dem ominoesen Terroristen-Gefangenenlager des Pentagon Fluechtlingsbaracken errichtet. Und dass der Befehl zum Einsatz fuer die Marines in Richtung Karibik mehr mit den Wahlmaennerstimmen in Florida zu tun hat, als mit der Sorge um Menschenleben in Port-au-Prince kann, mit wohl mit Sicherheit angenommen werden. Tatsaechlich ist aus aehnlichen Motiven vor zehn Jahren die rechte Militaerdikatur unter Raoul Cedras, die den linkspopulistischen Priester-Praesident Jean-Bertrand Aristide weggeputscht hatte, unter massivem amerikanischen Druck abgetreten. Der zoegernde Bill Clinton war von seinen linken Parteifreunden schliesslich ueberzeugt worden, Aristide zurueck an die Macht zu helfen.
Erstmals waren US-Truppen Ende des 19.Jahrhunderts auf Haiti gelandet. Zwei Marineexpeditionen waehrend des Ersten Weltkrieges folgten zwei Jahrzehnte amerikanischer Besetzung, die erst Franklin D. Roosevelt beendete. Was blieb waren enge Beziehungen des CIA zu den Sicherheitskraeften des jeweils herrschenden Regimes. Wichtig war Haiti fuer Washington nie. Trotzdem konnte die langjaehrige brutale Diktatur Francois Duvaliers, bekannt und gefuerchtet als "Papa Doc", ebenso wie sein Sohn und Nachfolger, "Baby Doc"Jean Claude Duvalier, lange auf Unterstuetzung aus Washington zaehlen. Das Regime in Port-au-Prince gab sich rabiat antikommunistich. Angesichts der geografischen Naehe zu Fidel Castros Kuba ein Pluspunkt, der half manches zu verdraengen. Die Militaers, die 1990 schliesslich den mit grosser Mehrheit gewaehlten Praesidenten Jean-Bertrand Aristide nach nur 9 Monaten stuerzten, brachten mit General Raoul Cedras einen Mann an die Spitze, der seit Jahren auf der Gehaltsliste des CIA gestanden war. Wobei nicht klar ist, ob der CIA selbst auch wirklich am Putsch beteiligt war. Aristide, der charismatische ehemalige katholische Priester, wurde damals zum Helden der amerikanischen Linken. Bill Clinton liess schliesslich Kriegsschiffe auffahren, um die Militaers in Port-au-Prince einzuschuechtern. Aber erst eine hochrangige Delegation, der auch der heutige Aussenminister Colin Powell angehoerte, kombiniert mit einer grosszuegigen materiellen Entschaedigung bewegte die Junte um Cedras zum Ruecktritt.
So populaer der US-Militaereinsatz zur Wiederherstellung der Demokratie auch bei schwarzen Buergerrechtsorganisationen und dem linken Fluegel der demokratischen Partei war: Geheimdienst, Pentagon und Republikanern war die Aktion ein Greul und Aristide ein Objekt des Hasses. Offen wurde ueber den Geisteszustand des als exzentrisch verschriehenen Politiker spekuliert, eine Diskussion die man bei nicht minder starrsinnigen Staatsmaennern weisser Hautfarbe eher selten erlebt . Dass Clinton amerikanische Soldaten zum "nation building" in einem bitterarmen Karibikstaat einsetzt, galt dem konservativen Establishment als sicherheitspolitischer Kardinalfehler. Noch im Wahlkampf 2000 beteuerte George W.Bush, dass er sich als Praesident gegen eine Intervention in Haiti entschieden haette. Linke Kritiker machen denn auch republikanische Hardliner in den Lateinamerika-Abteilungen des State Departments fuer den Aristide gegenueber feindlichen Kurs der letzten Jahre verantwortlich. Nach umstrittenen Parlamentswahlen blockierte Washington schliesslich alle Entwicklungshilfe an den aermsten Staat der westlichen Hemisphaere.
Die im besten Falls zwiespaeltige im schlechtesten Fall feindliche Haltung des uebermaechtigen Nachbarn war zweifelsohne nur ein Faktor unter vielen, die den Niedergang Haitis bewirkt haben. In den letzten Jahren haben sich die meisten ehemaligen Mitstreiter von Aristide abgewandt. Sie werfen dem Praesidenten Korruption, die Unterstuetzung fuer brutale Milizen und diktatorische Methoden vor. In einer wirtschaftlich hoffnungslosen Situation ist es nahezu unvermeidlich, dass eine Regierung die Unterstutzung der Bevoelkerung verliert. Aber in der New York Times erinnert die Haiti-Spezialistin Tracy Kidder daran, dass Aristide laut einer vom State Department unter Verschluss gehaltenen Gallup Umfrage noch 2002 der bei weitem populaerste Politiker Haitis war. Keiner der ehemaligen Militaers und einstigen Anfuehrer rechter Todesschwadrone, die an der Spitze der chaotischen Aufstandsbewegung stehen, hat auch nur einen Bruchteil der demokratischen Legitimitaet des zweimal mit ueberwaeltigender Mehrheit gewaehlten Praesidenten.
Im State Department in Washington vergleicht man das Scheitern Aristides gerne mit aehnlichen Umbruechen in Georgien oder Bolivien, wo der Sturz eines gewaehlten aber politisch abgewirtschafteten Praesidenten einen Neuanfang ermoeglicht hat. Linke Haiti-Kenner sehen in der Rebellion der letzten Wochen dagegen eine Revanche jener Militaers, die 1994 vertrieben wurden.
In seltener Eintracht haben der franzoesische Quai d'Orsay und das amerikanischen State Department Jean Bertrand Aristide schliesslich gezwungen aufzugeben. Die bisher einzige demokratische Entwicklungsphase in der Geschichte des Landes ist zu Ende. US-Soldaten stehen heute bei einer republikanischen Administration genauso auf der Insel wie vor zehn Jahren unter Bill Clinton. Was damals allerdings Geburtshilfe fuer einen demokratischen Neuanfang war, ist heute eine reine Polizeiaktion zur Begrenzung der destabilisierenden Folgen der Demontage des Aristide-Regimes, an der nach Ueberzeugung amerikanischer Buergerrechtsgruppen Washington selbst nicht unbeteiligt war. Jene Republikaner, denen in den Neunzigerjahren "nation building" ein Schimpfwort war, weil ein bei Wahlen siegreicher Linker wie Aristide davon profitiert hat, gehen heute den gleichen Weg mit den vertriebenen Killern von damals.

 

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