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Haiti offenbart
Europas Schwächen, 20.1.2010
Es scheint, als ob die schlimmsten
Geißeln der Menschheit alle gleichzeitig auf den Inselstaat Haiti
niedergehen. Erdbeben und Hunger, Misswirtschaft und Hurrikan, Obskurantismus
und die bittere Erblast der Sklaverei. Haiti ist Symbol für Elend
und Revolte. Die Welle der internationalen Solidarität seit der Erdbebenkatastrophe
ist einer jener wilden Pendelschläge, mit denen die Weltgeschichte
die Antilleninsel in den letzen zwei Jahrhunderten wiederholt getroffen
hat.
"Papa Doc" Jean Claude Duvalier terrorisierte die Menschen jahrzehntelang
als antikommunistischer Verbündeter der USA. Bis in die 90er-Jahre
tobte der Kampf um den linken Expriester Jean-Bertrand Aristide. Erst
Aristides Nachfolger, dem amtierenden Präsidenten Rene Preval, der
im jüngsten Beben Amtssitz, Wohnhaus und seine halbe Familie verloren
hat, gelang es, mithilfe hunderter Uno-Blauhelme ein Minimum an staatlicher
Infrastruktur aufzubauen. Das alles ist jetzt verloren.
Auf der Insel Hispaniola, auf deren westlichem Teil Haiti liegt, war einst
Christoph Kolumbus gelandet. Die spanischen Eroberer plünderten das
Gold, ihre Krankheiten rotteten die ursprüngliche Bevölkerung
aus. Dank des Anbaus von Tabak, Zucker und Kaffee stieg Haiti zu einer
der ertragreichsten Kolonien Europas auf. Sklaven aus Afrika schufen Ende
des 18. Jahrhunderts ein Viertel des Reichtums Frankreichs. 1789, zum
Zeitpunkt der Französischen Revolution, lebten 700.000 Sklaven und
32.000 Weiße auf dem Territorium.
Nicht Naturkatastrophen haben das historische Unglück Haitis begründet,
erinnert der französische Publizist Bernhard Guetta, sondern die
Expansion Europas. 1804 machte die siegreiche Revolte der Mulatten und
schwarzen Sklaven Haiti zum nach den USA zweiten freien Staat des amerikanischen
Kontinents. Aber ein Triumph der historischen Gerechtigkeit blieb aus.
Die befreite Republik der ehemaligen Sklaven hat nie zu jener Stabilität
gefunden, die den Sprung aus der Armut ermöglicht hätte.
Haiti wurde zum umstrittenen Mythos für Unbotmäßigkeit
und Rebellion. Als Bill Clinton in den 90er-Jahren Aristide gegen rechtsextreme
Putschisten zurück an die Macht half, tobten in den USA die Republikaner.
Heute bezeichnet Pat Robertson, der einflussreiche republikanische Fernsehprediger,
das Erdbeben als "Strafe Gottes" für einen Pakt, den die
Haitianer mit dem Teufel geschlossen hätten. Robertson ist kein verrückter
Extremist, der Mann war einst Chef der "moralischen Mehrheit"
unter Ronald Reagan. Schon die "schwarzen Jakobiner" aus der
Zeit des antikolonialen Kampfs waren in den USA als höllische Voodoo-Gesellen
verschrien. Damals galt die Sklaverei in den Südstaaten als gottgewollte
Institution. Doch auch in den USA wurden innerhalb weniger Tage hunderte
Millionen Dollar gesammelt.
Tatsächlich erstreckt sich die Welle der Solidarität vom Weißen
Haus in Washington bis zum Kommissionsgebäude in Brüssel, vom
Vatikan bis zu Fidel Castro. Ein Zeichen dafür, wie der rasante Informationsfluss,
menschliches Leid über tausende Kilometer sichtbar macht, die Menschheit
zusammenführen kann.
In den USA hat sich Barack Obama persönlich an die Spitze der Solidaritätsbewegung
gestellt. Die Supermacht kann Flugzeugträger einsetzen und benachbarte
Militärstützpunkte öffnen. Im Chaos ist Soforthilfe ohne
militärische Infrastruktur nicht möglich. Auch Frankreich und
Spanien, die mit Haiti historisch verbunden sind, schicken Militärflugzeuge
und Soldaten. Aber eine wirklich gemeinsame EU-Hilfsaktion gelang den
Mitgliedsstaaten bislang nicht.
Denn jeder Mitgliedsstaat verfolgt seine eigenen Projekte und Pläne.
Während die USA ihre Marineinfanteristen in Bewegung setzen, muss
EU-Außenpolitikchefin Catherine Ashton erst einen Sonderrat der
Außenminister befragen. Der Liberalenchef im Europaparlament, Guy
Verhofstadt, erinnert daran, dass Belgien, Frankreich und Deutschland
schon 2003 die Einrichtung einer gemeinsamen Katastrophenhilfebehörde
unter dem Namen "EU-Fast" vorgeschlagen haben. Die Idee versickerte,
weil sich einige Staaten gegen den Zugriff der Union auf militärische
Infrastruktur für humanitäre Zwecke wehrten. Naturkatastrophen
legen eben erbarmungslos Stärken und Schwächen bloß.
Sind in Haiti die Toten erst einmal begraben, dann wird ein schmerzlicher
Neuanfang beginnen. Die Welt wird es den Überlebenden schuldig sein,
dem ärmsten Land der westlichen Hemisphäre auch weiter zur Seite
zu stehen.
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