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Hamas
siegt - was nun?, 1.2.2006
Die Palästinenser
galten lange Zeit als gebildet, politisch raffiniert und international
vernetzt wie kaum sonst eine Volksgruppe der arabischen Welt. Zum Teil
war das eine Folge der Diaspora, die in den verschiedensten Staaten verstreut
lebte. Ob im Golf oder im Libanon, in Jordanien oder im Irak: Palästinenser
gehörten zu den erfolgreichsten Geschäftsleuten, Journalisten
oder Ärzten. Nach der demütigenden Niederlage der großsprecherischen
arabischen Führungen gegen Israel 1967 entwickelte sich in der PLO
ein politischer Pluralismus von der konservativen Rechten bis zur marxistischen
Linken, von der andere Befreiungsbewegungen nur träumen konnten.
Die Entwicklung vom maximalistischen Terrorismus zum Osloer Friedensvertrag
war eine Folge dieser Tradition politischer Flexibilität.
In der politischen Welt des arabischen Nationalismus kam den Palästinensern
immer die Rolle einer Vorhut zu: im Guten wie im Schlechten. Das macht
den Triumph von Hamas zu einem Einschnitt, der in seiner Bedeutung weit
über die unmittelbar Betroffenen hinausgeht. Schließlich unterscheiden
sich Korruption und Ineffektivität der Palästinensischen Autonomiebehörde,
an die ungeachtet der israelischen Besatzung immer wieder die Maßstäbe
einer Regierung gelegt werden, nicht wirklich von der Misswirtschaft der
meisten Halbdiktaturen der arabischen Welt. Erstmals seit dem islamistischen
Wahlerfolg in Algerien 1992, der im Putsch der Militärs und Jahren
eines blutigen Bürgerkriegs mündete, ist eine fundamentalistische
Bewegung damit spektakulär legitimiert worden, die Führung eines
Volkes zu übernehmen. Das Signal ist überdeutlich: Freie Wahlentscheidungen
in Ägypten oder Jordanien, Saudi-Arabien oder Syrien könnten
durchaus zu ähnlichen Resultaten führen.
Dass der Wahlgang sogar im Würgegriff der Besatzung so unangreifbar
war, bestätigt die Stärke der pluralistisch-demokratischen Tradition
der Palästinenser. Aber an Hamas gibt es nichts zu beschönigen:
Es handelt sich um eine Partei mit einem obskurantistischen und aggressiv
antiaufklärerischen Weltbild, voll der antijüdischen Obsessionen
und antidemokratischen Reflexe. So wie bei der schiitischen Hisbollah
im Libanon gelten Spitäler und Armenbetreuung als die große
Stärke der Fundamentalisten. Aber wer bei Hamas nach Antworten auf
die Fragen der nationalen Selbstbestimmung und des Verhältnisses
zu Israel sucht, der stößt auf eine groteske religiöse
Scheinwelt voll der Siege, Helden und Märtyrer. Kein Vergleich zur
differenzierten Sichtweise der Aktivisten aus anderen Fraktionen, die
oft auf lange Jahre der Zusammenarbeit mit der israelischen Friedensbewegung
zurückblicken können. Dass sich die Palästinenser um des
ersehnten politischen Wechsels willen solchen Kräften in die Arme
werfen, zeigt, wie wenig vom Potenzial der anderen politischen Strömungen
übrig ist.
Eine siegreiche Hamas stellt zuallererst eine Bedrohung für jene
dar, die sie gewählt haben: In Gaza, wo der Einfluss der Fundamentalisten
bisher schon am stärksten war, sind Kinos seit langem geschlossen.
Immer präsenter werden im Straßenbild verschleierte Frauen.
Die religiöse Abschottung der Gesellschaft von der modernen Welt
ist voll im Gange. In der Westbank sind die Traditionen etwas anders,
nicht zuletzt aufgrund der alltäglichen Kontakte mit Israel und des
starken christlichen Bevölkerungsanteils. Eine Taliban-ähnliche
Herrschaft in Hebron oder Nablus kann sich niemand vorstellen. Aber eines
muss klar sein: Der Druck wird genau in diese Richtung gehen. Wie groß
die Gefahren für Israel und den Westen sind, ist weniger klar. Für
blutige Selbstmordattentate hat Hamas schon bisher keine demokratische
Legitimation gebraucht, den Waffenstillstand der vergangenen Monate hält
sie jedoch konsequenter ein als andere Gruppen. Auch die gezielten Mordanschläge
Israels wurden seltener. Für die USA ist der Hamas-Triumph ein politisches
Debakel. Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas, dem eine Schlüsselrolle
in der "Road Map" zum Palästinenserstaat zukommen sollte,
ist schwer angeschlagen.
Daran hat auch die Besatzungspolitik ihren Anteil. Wäre Israel wirklich
interessiert gewesen, der Autonomiebehörde den Rücken zu stärken,
hätte die Regierung in Jerusalem leicht einige Tausend Gefangene
freilassen können. Allein Marwan Barghouti, der verurteilte populäre
Fatah-Führer der jüngeren Generation, hätte als freier
Mann die Dynamik der politischen Entwicklung verschoben. Weitverbreitete
nahöstliche Verschwörungstheorien sehen Hamas sogar als israelische
Erfindung an, weil den Islamisten in den besetzten Gebieten jahrelang
viel größere Handlungsfreiheit gewährt wurde als Arafats
Fatah. Tatsache ist, dass auch die spätere systematische Ermordung
zahlreicher Hamas-Funktionäre durch Israel den Aufstieg der Organisation
in keiner Weise behindern konnte. In Steven Spielbergs viel diskutiertem
neuen Politthriller "München" stellt die Titelfigur Avner
Kauffman nach der Ermordung von elf angeblich für den Anschlag auf
die israelische Olympiamannschaft verantwortlichen Palästinensern
die Frage, ob der Rachefeldzug nicht völlig sinnlos war, weil für
jeden getöteten Terroristen zehn neue nachkommen. Die reale Geschichte
von Hamas bestätigt diese Zweifel. Umgekehrt sind bei den Palästinensern
paradoxerweise nicht wenige anfängliche Befürworter spektakulärer
Terroranschläge später zu engagierten Befürwortern eines
Dialogs mit Israel geworden. Eine Entwicklung, die allerdings Zeit und
Geduld erfordert, die im Nahen Osten fehlen. Uri Avnery, den Doyen der
israelischen Friedensbewegung, erinnern die martialischen Slogans dieser
Tage an die Siebziger-und Achtzigerjahre, als Israel nie und nimmer mit
der als terroristisch geltenden PLO verhandeln wollte und die Palästinenser
davon träumten, Israel aus der Welt zu schaffen. Am Ende war alles
anders, und man setzte sich doch zusammen. Aber erst nachdem viel Blut
geflossen war.
Ob man sich eine Wiederholung der Geschichte wünschen kann oder wünschen
soll? Mit ultimativen Forderungen und Maßnahmen, wie dem angedrohten
Einfrieren von aus internationalen Finanzquellen bezahlten Gehältern,
die das Chaos in den besetzten Gebieten nur vergrößern können,
werden sich die politischen Fieberkurven kaum senken lassen. Gerade Europa
sollte aus dem Beispiel der katholischen IRA gelernt haben, wie extrem
langwierig und mühsam der politische Integrationsprozess einer bewaffneten
Untergrundbewegung sein kann. Dabei war es in Irland ein Bürgerkrieg
zwischen Volksgruppen, die gleich aussehen, die gleiche Sprache sprechen
und an den gleichen Gott glauben.
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