Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Hauptfeind Nummer 2, 8.1.2003

Riesigen Felsformationen gleich stehen die größten Lautsprecher der Welt in der hügeligen Landschaft. Die Straße entlang der Demarkationslinie zu Nordkorea am 38. Breitengrad ist dicht befahren. Die Phonstärke im Krieg der Worte zwischen den beiden koreanischen Staaten wurde in den letzten Jahren drastisch reduziert, berichten Einheimische. Seit der historischen Reise des südkoreanischen Reformpräsidenten Kim Dae Jung in den Norden im Juni 2000 dröhnen nicht mehr politische Propagandsprüche aus den Stahlkolossen, sondern populäre Schlagermusik. Pjöngjang hat nachgezogen, auch wenn die nordkoreanische Hitparade sich gegen den erfolgreichen koreanischen Pop des Südens ziemlich schwer tut. An die Stelle der Haßparolen von früher ist in den touristengerecht eingerichteten Aussichtsarealen dickes Lob für die "Sonnenscheinpolitik" der Verständigung mit dem Norden getreten, die erstmals seit dem Koreakrieg die Hoffnung auf eine schrittweise Öffnung der Grenze nährt.
Aber nur 6o Kilometer von der südkoreanischen Hauptstadt entfernt stehen die ersten Einheiten der millionenstarken nordkoreanischen Armee, die seit dem Waffenstillstand von 1953 nie abgerüstet wurde. Waffenfähiges Uran aus der wieder angeworfenen Atomanlage von Yongbyon könnte Nordkorea in den nächsten Monaten nach China, Pakistan und Indien zur vierten Atommacht Asiens machen. Mit unabsehbaren Folgen für die Sicherheitssituation der Wirtschaftsriesen Japan und Südkorea. Über ein bis zwei Atombomben verfügen die nordkoreanischen Streitkräfte jetzt schon, vermutet der CIA.
Vom fernen North Carolina aus üben die F-14-Kampfbomber der US-Luftwaffe seit Jahren den Einsatz von bunkerbrechenden Atomwaffen gegen Nordkorea. US- Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hatte großmundig erklärt, die USA seien durchaus in der Lage zwei Kriege gleichzeitig zu führen und auch zu gewinnen. Die geschlossene Einheitsfront des Entsetzens, die diese Äußerung in Asien hervorrief, zwang das Weißen Haus zum Rückzieher und der Präsident versichert nun, es handle sich um einen rein diplomatischen Konflikt.
Als der CIA 1993 die ersten Beweise für ein nordkoreanisches Atomprogramm fand, da landete eine Aufstellung der möglichen Kriegskosten auf dem Schreibtisch Bill Clintons. Mit ein bis eineinhalb Millionen toten Koreanern, 80 000 bis 100 000 getöteten Amerikanern und der weitgehenden Zerstörung der beiden Hauptstädte Seoul und Pjöngjang rechnete damals der Operationsplan des Pentagon. Statt seiner Bomber schickte Clinton seinen Vor-Vorgänger Jimmy Carter nach Pjöngjang und es kam noch zu Lebzeiten von Übervater Kim Il Sung zu jenem mühsamen Dialog der USA mit Nordkorea, der jetzt zerbrochen ist.
Das Außenpolitikexperten George Bush's, die Clintons Flirt mit Nordkorea von Anfang an verdammt hatten, wollen nicht verhandeln, solange die Nordkoreaner ihr Atomprogramm nicht wieder stoppen. An die Stelle von materiellen Anreizen wie Öllieferungen und Wirtschaftshilfe sind wieder ultimative Forderungen getreten, die früher wegen der totalen Unberechenbarkeit des gegenwärtigen nordkoreanischen Regimes verworfen wurden.
In Seoul, wo man in der Entspannungspolitik mit dem Norden die Voraussetzung für die Fortsetzung der südkoreanischen Erfolgsstory sieht, ist die Bestürzung groß. Die amerikanische Unterstützung für die blutigen Militärdiktaturen der Vergangenheit scheint im Bewußtsein vieler Südkoreaner größeres Gewicht zu haben, als das militärische Schutzschild der 35 000 US-Soldaten im Land. Erst im vergangenen Herbst wurde zum zweiten Mal ein amerikakritischer Menschenrechtsaktivist in das Präsidentenamt gewählt.
Im Außenministerium in Seoul sieht man ein klares Ziel hinter allen Tricks und Wendungen des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong Ils: Garantien für das langfristige Überleben seines archeostalinistischen Herrschaftssystems auch nach Jahren einer anhaltend schweren Wirtschaftskrise mit mörderischen Hungersnöten. Kim habe erkannt, dass ein Kollaps Nordkoreas, das noch in den fernen Sechzigerjahren wirtschaftlich entwickelter war als der Süden, nur durch eine tiefgreifende Modernisierung nach chinesischem Vorbild verhindert werden kann. Aber dafür braucht er ausländische Hilfe in Milliardenhöhe. Denn der im vergangenen Jahr begonnene Umstieg vom Rationierungssystem, das den Bürgern Nahrung, Kleidung und Unterkunft zumindest in der Theorie garantiert hat, auf Wettbewerb und Profitdenken, wird zusätzliche Instabilität bringen. Das angereicherte Plutonium von Yongbyon sei im Kalkül des nordkoreanischen Diktators ein reines Druckmittel, ebenso wie Familienzusammenführungen mit Südkorea oder die inzwischen reichlich mißglückte Versöhnung mit Japan, lautet diese Interpretation. Gefährliche Unberechenbarkeit und spektakuläre Fehlkalkulationen säumen auf jeden Fall seit Jahren diesen Weg.
Aufgeben muß Kim Jong Il vorläufig die Hoffnung auf großzügige Wirtschaftshilfe nach dem "Gipfel der Entschuldigungen" mit Japans Premierminister Koizumi im vergangenen September. Der Entschuldigung Koizumis für die Verbrechen während der japanischen Besetzung Koreas von 1905 bis 1945 hätte nach nordkoreanischen Vorstellungen ein Milliardenfluß von Yen folgen sollen. Aber auch Kim hatte sich gleich mehrmals in ziemlich außergewöhnlicher Weise entschuldigen müssen, und zwar für die Entführung mehrerer japanischer Zivilisten durch seinen Geheimdienst vor 25 Jahren. Das unglaubliche Schicksal der Entführungsopfer und ihrer Angehörigen hat in Japan inzwischen eine derart gegen Nordkorea eingestellte Stimmung entstehen lassen, dass von der erhofften Entspannung nicht mehr viel übrig ist.
Der australische Asienexperte Gavan McCormack verweist in der Londoner "New Left Review" darauf hin, dass Eingeständnisse, wie sie Kim Jong Il ausgerechnet gegenüber der verhaßten ehemaligen Kolonialmacht Japan gemacht hat, die Substanz einer totalitären Staatsmacht treffen.
Umso überraschender war es für die USA, dass Nordkorea im vergangenen Oktober freimütig den Kauf von Geräten zur Uran-Anreicherung zugab. Wenn es Pyöngjang dabei weniger um die Verwirklichung eines forcierten Atomwaffenprogramms geht, wie die Tauben in Seoul meinen, sondern darum einen Durchbruch in den Beziehungen zu den USA zu erzwingen, dann war das wiederum eine folgenschwere Fehlkalkulation.
Ein totalitäres Regime im Überlebenskampf in einer der geopolitisch sensibelsten Regionen der Erde, das keinen Weg aus der Totalkonfrontation mit der westlichen Welt findet und nun glaubt auf Atomwaffen als eine der letzten Karten setzen zu müssen: gibt es eigentlich ein viel bedrohlicheres Szenario?
Es klingt wie eine Parodie: aber beunruhigt scheint die Bush-Regierung vor allem darüber zu sein, dass die Nord-Koreaner mit ihrem Atom-Showdown vom Irak ablenken. Immerhin ein Glück, dass man sich in Washington nicht an die eigene noch kein Jahr alte Sicherheitsdoktrin erinnert, die für solche Fälle präventive Militärschläge vorsieht.

 

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