Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Heile Welt, Ade, 3.11.1999

Bronislaw Geremek, gelernter Mediävist und amtierender polnischer Außenminister, läßt sich weder von den beängstigend rasch wachsenden Anti-EU-Stimmen im eigenen Land noch von den rechtspopulistischen Konvulsionen bei manch zukünftigem Partner beeindrucken: "Uneingeschränkt stolz" sei er angesichts des in den letzten 10 Jahren Erreichten: "Stabile demokratische Verhältnisse, die Wirtschaft im Aufschwung und Europa auf dem Weg zu einem niemand ausschließenden neuen Anfang. Wer hätte das in Polen nach dem Zusammenbruch des Kommunismus für möglich gehalten?"
Die Tragödie des Balkan ist das traurige Gegenbeispiel. Aber insgesamt hat Bronislaw Geremek recht: Europa ist die große Erfolgstory der Jahrhundertwende. Mit Romano Prodi und Javier Solana verfügt die EU jetzt auch über eine Führungsmannschaft, die in größeren Dimensionen denkt. Der Zusammenschluß des gesamten Kontinents bis an die Ausläufer Rußlands ist wahrscheinlich. Das neue Gebilde wird schwerfällig sein und schrecklich langsam in der Entscheidungsfindung. Aber, wenn alles gut geht, ein Hort der Stabilität.
Das ist auch dringend gefragt. Denn das internationale politische System tritt in eine Phase der Krisen und Unsicherheiten ein. Noch George Bush's Idee von der "Neuen Weltordnung" nach dem Ende des Kalten Krieges beruhte auf der Einsicht, daß auch die USA als alleinige Supermacht funktionierende internationale Institutionen brauchen und nicht Machtpolitik pur betreiben können. Der Multilaterialismus der ersten Clinton-Jahre mit der Betonung auf den Vereinten Nationen wurde allerdings bald vom Hang zum Unilateralismus verdrängt, wie Boutros Boutros Ghali, der einstige UNO-Generalsekretär, in seinen spannenden Erinnerungen ("Unvanquished. A US-UN Saga") eindrücklich beschreibt.
Jetzt hat der Senat in Washington mit der Ablehnung des Atomteststoppvertrages einen Meilenstein der bisher von den USA verfolgten Abrüstungspolitik begraben. Das erste Mal seit dem Zweiten Weltkrieg wurde der Präsidenten in einer geopolitisch derart entscheidenden Frage desavouierte: pointiert stellen die amerikanischen Medien Vergleiche mit der isolationistischen Wende der USA nach dem Ersten Weltkrieg her, als der Kongreß Woodrow Wilson den Beitritt zum Völkerbund verweigerte.
Zusätzlich blockiert der Kongreß nach wie vor die ausstehenden 1,7 Milliarden Dollar für die Vereinten Nationen. Wenn es bis Ende des Jahres keine Lösung gibt, droht den USA der Ausschluß aus der UNO-Generalversammlung: mit schwerwiegende Folgen für die Handlungsfähigkeit der Weltorganisation. Sogar jenes Programm, über das russische Atombomben auseinander genommen werden und russische Nuklearphysiker Beschäftigung finden, wollen die Herren Jesse Helms und Trent Lott finanziell aushungern.
"Instinktiven Isolationismus" konstatiert der Kolumnist William Pfaff bei der gegenwärtigen republikanischen Kongreßführung. Man will sich möglichst wenig auf die Händel im Rest der Welt einlassen, setzt aber im Notfall auf die zwingenden Kraft der eigenen militärischen Übermacht. Während die Gelder für internationale Institutionen, Auslandshilfe und das State Department gekürzt werden, steigen die US-Militärausgaben. Keine sehr beruhigenden Aussichten für eine Welt, in der die Nachfrage nach Krisenmanagement stetig wächst.
Sukzessive lassen nämlich weltweit die abschreckenden Nachwirkungen des Kalten Krieges nach. Zum Beispiel in Asien: nicht nur haben Indien und Pakistan relativ ungestraft ihre ersten Atombomben gezündet. Indiens nationalistischem Premierminister Vajpayee brachte der Schritt in eines neues regionale Wettrüsten einen fulminanten Wahlsieg. Die Regierung in Delhi plant jetzt den weiteren Ausbau der Atomstreitmacht. Nachdem sich in Pakistan genau jene Militärs an die Macht geputscht hatten, die den von den USA erzwungenen Rückzug aus Kaschmir im vergangenen Sommer abgelehnt habe, erscheint ein beschleunigter atomarer Rüstungswettlauf in Südasien unvermeidlich. Mit unabsehbaren Auswirkungen auf China, die traditionelle Atommacht Asiens: Nationalismus füllt im Reich Jiang Zemins die durch die schwindende Attraktivität des Marxismus-Leninismus immer größer klaffendere Lücke. Kaum vorstellbar, daß sich Peking auf Dauer zurückhält, wenn der alte Rivale Indien zur echten Atommacht aufsteigt. Vor allem dann nicht, wenn aus den USA vornehmlich Kanonenbootpolitik-Signale kommen und keine Einbindung in ein für alle bindendes umfassenderes politische System in Aussicht steht.
Ein beängstigende Variante roher Militärpolitik ohne jede diplomatische Schnörksel demonstriert zur Zeit Rußlands zweiter Tschetschenienfeldzug. Das Friedensabkommen von 1996 wird von Moskau einfach wie Luft behandelt: Tschetscheniens Präsident Aslan Maschadow, um keinen Deut weniger demokratisch gewählt als Boris Jelzin, gilt nun als Terrorist, obwohl seine Feindschaft mit dem islamisch-fundamentalistischen Guerillaführer Schamil Basajew seit Jahren bekannt ist. Mit verbissener Zustimmung einer chauvinistischen Öffentlichkeit kann sich der neue Premierminister Vladimir Putin erfolgreich als großer Kriegsherr präsentieren.
Überraschender als die Seelenruhe, mit der das russische Militär die Bombardierung von Märkten und Dörfern als "Terroristenbekämpfung" verkauft, ist allerdings das demonstrative Desinteresse des Westens. Weder das etwa in China (zu Recht) so auf Menschenrechte beharrende US-State Department noch die genau zur Vermeidung solcher Tragödien geschaffene Organisation für Entwicklung und Zusammenarbeit in Europa OSZE (in der Österreich nächstes Jahr den Vorsitz übernimmt), haben sich bisher ernsthaft des Kaukasuskrieges angenommen. Die Rücksicht auf die russischen Atomwaffen kombiniert mit der offensichtlichen Sorge des Westens vor einem möglichen Argumentationsnotstand, sollte der Kreml auf den Kosovo-Feldzug der NATO hinweisen, wiegen offensichtlich schwerer als internationale Menschenrechtsverträge.
Ganz logisch wird diese Zurückhaltung allerdings erst, wenn in für die westliche Führungsmacht USA nicht mehr gemeinsame internationale Institutionen und das Ringen um einen internationalen Verhaltenskodex im Vordergrund stehen ( wie das etwa der Doyen der amerikanischen Außenpolitik Richard N.Haass in der jüngsten Ausgabe von "Foreign Affairs" fordert), sondern die von den Republikanern vertretene reine Machtpolitik basierende auf militärischer Überlegenheit. Mit einer geschwächten UNO und der Entwertung internationaler Verträge wird die Weltpolitik unberechenbarer. Der Erfolg beim Aufbau überregionaler Institutionen mit echter Autorität bleibt sichtlich auf Europa beschränkt. Umso wichtiger, daß er zumindest hier gelingt.

 

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