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Heimkehr
nach Europa,5.9.2007
Wenn ich den noch etwas ungewohnten Weg zum Kommissionsgebäude der
EU im Brüsseler Europa-Viertel zurücklege, dann ertappe ich
mich als langjähriger Amerikakorrespondent regelmäßig
dabei, suchenden Blicks nach Sicherheitskontrollen und Polizeisperren
vor dem politischen Machtzentrum Europas Ausschau halte. Touristen posieren
vor der schmucklosen zweisprachigen Aufschrift "Commission Europáenne.
Europese Commissie". Belgische Landwirte verteilen Obst, Journalisten
hetzen zum täglichen Mittagsbriefing, von der anderen Seite der Straße
sind die Protestrufe polnischer Demonstranten gegen eine Schrumpfung der
legendären Danziger Werft zu hören. Aber vom angeblichen "Krieg
gegen den Terrorismus", der auf der anderen Seite des Atlantiks die
politischen Eliten seit sechs Jahren fest im Griff hält, ist an der
Drehscheibe für 500 Millionen EU-Bürger nichts zu merken. Die
europäischen Institutionen beschäftigen sich mit Energieversorgung
und Bildung, der fehlenden Chancengleichheit der Geschlechter und rund
um den neuen "Reformvertrag" vor allem mit sich selbst.
In den USA endet dagegen nach wie vor jede Debatte, von der Einwanderung
über die Benzinpreise bis zur Gesundheitsversorgung, bei der nationalen
Sicherheit. Obwohl die Anschläge in London und Madrid gezeigt haben,
dass sich das terroristische Bedrohungsszenario für Europa wahrscheinlich
nicht wesentlich von jenem der USA unterscheidet, liegen die politischen
Schwerpunkte weit auseinander.
Anders als in seiner ersten Amtszeit versuchte George W. Bush zuletzt
Alleingänge zu vermeiden. In der Konfrontation mit Nordkorea oder
dem Iran ist die amerikanische Regierung um möglichst breite Allianzen
bemüht. Aber in den Tagen nach dem 11. September 2001 hatte das Weiße
Haus die strategische Entscheidung gefällt, Bush zum "Kriegspräsidenten"
zu machen. Karl Rove, der inzwischen zurückgetretene politische Chefberater,
hoffte durch den Kitt der kriegerischen Rhetorik die konservative Mehrheit
für Jahrzehnte zu festigen.
Weder Tony Blair noch heute Gordon Brown, die Regierungschefs eines anderen
von Terroranschlägen betroffenen Staates oder gar EU-Politiker à
la Jose-Manuel Barroso hatten die Idee oder auch nur die Möglichkeit,
auf eine derartige politische Karte zu setzen. Bis zu seinem letzten Tag
im Weißen Haus wird George W. Bush an diesem martialischen Anspruch
des Kriegspräsidenten gemessen werden. Inzwischen geht es allerdings
längst nicht mehr um Osama bin Laden und ein paar hundert international
vernetzte Dschihadisten. Zu dem aus politischem Kalkül zum "Krieg"
erhöhten Antiterrorkampf ist der reale Krieg im Irak gekommen, der
jeden Tag seine Toten und Verwundeten kostet. Für Washington geht
es in Bagdad um viel mehr als Terrorismus: Die imperiale Stellung der
USA in der Welt steht auf dem Spiel, sollte der mutwillige Angriff auf
Saddam Hussein zum verheerenden Bumerang für die Stellung des Westens
im Mittleren Osten werden. Jeder weiß: Auch der Präsidentschaftswahlkampf
2008 wird sich vor allem um die nationale Sicherheit drehen. Zum Teil,
weil die Republikaner mit keinem anderen Thema auch nur die geringsten
Erfolgschancen hätten. Aber auch unabhängig von aller Wahltaktik
ist ein Ausweg aus dem Morast des Irakkrieges für die USA die dringlichste
Frage der Zukunft.
Europa hat es da besser. Der neokonservative außenpolitische Publizist
Robert Kagan hat vor Jahren gemeint, die Amerikaner kämen vom Mars,
die Europäer von der Venus. Nach Jahrzehnten der Kriege hätten
die Europäer eine derartige Abneigung gegen gewaltsame Abwehrmechanismen
gewonnen, dass sie nur mehr in Kategorien von friedlichen Kompromissen
denken können, während die Amerikaner sich mit aller Macht weltweiten
Bedrohungsszenarien entgegenstellen. Allerdings: Wer möchte nach
Guantánamo, Abu Ghraib und den täglichen Massakern im Bagdad
nicht lieber mit der Liebesgöttin Venus verwandt sein als mit dem
auf Abwege geratenen Kriegsgott Mars?
Die europäische Selbstzufriedenheit bekommt man als frisch aus den
USA heimgekehrter politischer Reporter in Brüssel an allen Ecken
und Enden zu spüren. Mit dem Brustton der Überzeugung empören
sich Gesprächspartner über die systematische Missachtung des
Völkerrechts durch den großen Bruder USA und die angebliche
Bush-freundliche Voreingenommenheit der amerikanischen Presse. Viele europäische
Amerika-Kritiker wollen die lebendige politische Vielfalt der USA, die
nach einer zugegebenermaßen überlangen Schrecksekunde um den
11. September 2001 auch den amerikanischen Medien wieder die alte Schärfe
gegeben hat, einfach nicht zur Kenntnis nehmen.
Ob die Europäer wirklich uneingeschränkt stolz darauf sein können,
dass ihnen das amerikanische Missionsbewusstsein in der Weltpolitik fehlt?
Historisch gesehen fällt Europa damit von einem Extrem ins andere.
Daran erinnert wenige Schritte von den massigen EU-Gebäuden entfernt
der Brüsseler Parc Cinquantenaire mit seinen verblichenen Monumenten
des europäischen Kolonialismus. König Leopold II. ließ
im 19. Jahrhundert den Kongo missionieren. Hunderttausende wurden beim
Raubbau der Bodenschätze massakriert, die belgische Oberschicht stieg
zu den Superreichen des Kontinents auf. Der Menschheit haben europäische
Welteroberungsfantasien nichts Gutes gebracht. Aber das ist lange her.
Am Ende von Jahrzehnten amerikanischer Vorherrschaft ist umgekehrt die
Nachfrage nach einem inhaltlichen Korrektiv zur Führung in Washington
groß. Das Angebot könnte aus einem geläuterten Europa
kommen. Aber so richtig dazu durchgerungen scheint sich der Alte Kontinent
nicht zu haben, einmal eine Rolle in der Welt zu spielen, die etwas weniger
als früher auf unmittelbare Eigeninteressen abzielt.
In ihren täglichen Briefings informieren die multilingualen, aber
staubtrockenen Sprecher der EU-Kommission in Brüssel über geplante
Entflechtungsmaßnahmen für die Energiewirtschaft, verbotene
Staatshilfe für die Danziger Werft und den Verdacht auf wettbewerbverzerrende
Steuergeschenke an die katholische Kirche Italiens. Bei Tony Snow, dem
charismatischen Pressesprecher des Weißen Hauses in Washington,
war es um die Irakstrategie gegangen, die Konfrontation mit dem islamischen
Extremismus und die jüngsten Abhörprogramme des Präsidenten.
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