Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

High Noon in Paris, 11.7.2001

Erinnert sich noch jemand an Whitewater? Das war der Name jenes Grundstücks in Arkansas, das nach Überzeugung der republikanischen Clinton-Jäger der ersten Stunde das Präsidentenehepaar via dunkler Immobilienspekulation zu reichen Leuten hätte machen sollen. Anders als bei den für amerikanische Politiker fast unvermeidlichen Verfahren wegen Übertretung der diversen Parteienfinanzierungsgesetze lautete der Kern des Vorwurfs damals: die Clintons hätten ihre Stellung zum eigenen materiellen Vorteil mißbraucht. Die Whitewater-Ermittlungen verliefen im Sand, aber schon allein der begründete Verdacht der persönlichen Bereicherung reichte aus, um die moralische Stellung des Präsidenten so zu untergraben, daß der Weg zu allen weiteren Beschuldigungen bis hin zum Amtsenthebungsverfahren geöffnet war.
Jacques Chiracs Whitewater heisst Gondard. Das ist der Name jenes Reisebüros in Neuilly-sur-Seine bei Paris, das in den frühen Neunzigerjahren die aufwendige Reisetätigkeit des damaligen Pariser Bürgermeisters und seines engsten Freundeskreises organisierte und dafür die beachtliche Summe von 2,4 Millionen Francs bar kassierte. Reiseziele waren New York und Salzburg, Mauritius, Tokio und die Balnearen. Überbracht wurden die mit 500-Franc-Scheine prall gefüllten Kuverts vom Chauffeur des Bürgermeister. Das Ehepaar Chirac taucht in den Unterlagen als "Herr und Frau Chodron" auf. Ehefrau Bernadette reiste gerne mit der Witwe des Ex-Präsidenten Pompidou, diese führte das Pseudonym "Pompichac".
Konnte der französische Präsident die Korruptionsvorwürfe aus seiner Zeit im Pariser Rathaus als lange Jahre akzeptierte Form der Parteienfinanzierung wegstecken, so stellt der Verdacht der privaten Bereicherung eine neue Qualität dar. Frankreichs politische Klasse geht davon aus, daß eine gerichtliche Einvernahme der Präsidentenberaterin und Chirac-Tochter Claude ebenso wie seiner Ehefrau Bernadette so gut wie sicher sind. Eine Mechanik ist in Gang gekommen, die entweder in der Abwahl Chiracs im kommenden Frühjahr oder aber - ganz amerikanisch - in einem Amtsenthebungsverfahren münden könnte.
Diese regelrecht amerikanischen Perspektiven an der Seine haben mit einer ganz unamerikanischen Enthüllung im gegnerischen Lager zu tun: der langjährigen trotzkistischen Vergangenheit des sozialistischen Premierministers und Chirac-Gegenspielers Lionel Jospin. Bis weit in die Achtigerjahre (Le Monde" glaubt bis 1987), als Jospin unter Francois Mitterand längst Erster Sekretär der Sozalistischen Partei war, hielt er unter dem Deckname "Michel" seine Doppelmitgliedschaft mit der von Pierre Lambert geführten und sektenhaft organisierten "Organisation Communiste Internationaliste OCI" aufrecht. Dies entsprach der sogenannten "entristischen" Taktik des lambertistischen Flügels des französischen Trotzkismus. Jospin bestreitet zwar, selbst ein solcher "Entrist" gewesen zu sein, dass er aber seine trotzkistisch-lambertistische Vergangenheit nun im Gegensatz zu früher nicht mehr verleugnen kann, hat sein Saubermann-Image beschädigt und gleichzeitig zu einer deutlich schärferen Gangart der sozialistischen Führung gegen Chirac geführt. "Vielleicht habe ich etwas verspätet auf Journalistenfragen geantwortet, aber das ist doch wohl weniger schwerwiegend als wenn man sich den Fragen der Richter entzieht", stellt er Chirac die Rute ins Fenster.
Und tatsächlich: seit Jospins trotzkistischem Coming Out und Chiracs Flugticket-Affaire erhält ein sozialistischer Abgeordneter immer mehr Zulauf, der schon monatelang ein Amtsenthebungsverfahren gegen Chirac betreibt. Arnaud Montebourg ist bislang von der Parteiführung an der kurzen Leine gehalten worden, kann sich aber jetzt über die erkleckliche Zahl von 33 Unterschriften auf seinem Antrag freuen. 58 Antragsteller braucht er, um in der Nationalversammlung das Thema Chirac auf die Tagesordnung zu setzen.
Rechte Abgeordnete malen einen Versuch der "Destabilisierung des Präsidentenamtes durch einen von Trotzkisten unterwanderte Linke" an die Wand. "Was soll den Revolutionäres oder gar Trotzkistisches dran sein, wenn man schlicht die Anwendung der Verfassung fordert," höhnt im Gegenzug Chirac-Jäger Montebourg.
"War Jospin jetzt Lambertist oder Mandelist?", wollte ein im Familienleben des französischen radikalen Linken sichtlich bewanderter Joschka Fischer beim letzten EU-Außenministertreffen von seinem Kollegen Hubert Vedrine wissen. Tatsächlich ist eine bewegte politische Vergangenheit, auch wenn man sie wie Jospin vergessen machen wollte, von ganz anderer Tragweite als jene strafrechtlich relevanten Tatbestände, mit denen sich Jacques Chirac herumschlagen muss. So haben denn auch in der französischen Diskussion die Feinheiten des Immunitätsgesetzes längst die Causa Jospin verdrängt.
Die Dynamik dieser Konfrontation wird sich in den nächsten Monaten wohl noch verschärfen. Will Jospin doch die Funktion der geheimen Finanzreserven allerhöchster Würdenträger prüfen lassen, aus denen Chirac seine Reisen bezahlt haben will. Gleichzeitig wird die einst der politischen Macht gegenüber so willfährige Justiz bei der Suche nach Schlupflöchern im Immunitätsgesetz immer kreativer.
Ein Staatspräsident, der dabei ist seine Immunität zu verlieren. Das Ende der Privatschatullen für die Spitzen des Staates und möglicherweise ein Amtsenthebungsverfahren gegen den Präsidenten wegen privater Affairen: Wenn das gegenüber den USA oft so allergische Frankreich damit nicht unvermutet vor einem gehörigen Amerikanisierungsschub steht? Mit einem Jacques Chirac, der nach Anleihen bei den Steherqualitäten Bill Clintons sucht. Paradoxerweise mitausgelöst durch den Disput um Lionel Jospins vergangene Begeisterung für einen gescheiterten russischen Revolutionär, der mit den Ikonen der amerikanischen Demokratie recht wenig gemein hatte.

 

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