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Hinter
dem Zaun I, 20.2.2008
Bunte Panzer, grimmige Generäle und eine junge Generation, die
Richtung Westen blickt. Teil eins eines Reisetagebuchs aus dem Nahen Osten.
Im zerrütteten Zedernstaat
Die Zufahrt zu den Flüchtlingslagern von Sabra und Schatila im Süden
von Beirut führt durch einen bösen libanesisch-palästinensischen
Slum. Häuserruinen, Straßenhändler, eine stinkende Müllhalde.
Die Straßen sind von grünen Postern gesäumt. Darauf Schiiten,
die 2006 im israelisch-libanesischen Krieg starben. Die Armenviertel im
Süden der libanesischen Hauptstadt sind Hisbollah-Gebiet. Auf vielen
Häuserwänden prangt überlebensgroß Hassan Nasrallah,
der bärtige Führer der proiranischen Partei Gottes. Nach dem
erfolglosen Feldzug Israels wird er in großen Teilen der arabischen
Welt als Held gefeiert. Sein Bild hängt oft neben jenem von Ayatollah
Khomeini, dem Führer der islamischen Revolution im Iran.
Vor dreißig Jahren, als ich das erste Mal in Beirut war, dominierten
in diesen Straßen radikale Palästinenserorganisationen. Auf
den Plakaten wurden antiisraelische Selbstmordkommandos gefeiert. An jeder
Ecke prahlte ein anderer Milizionär mit seiner Kalaschnikow. Ein
Chaos, das im christlich-islamischen Bürgerkrieg der Siebzigerjahre
mündete. 1982 vertrieb der Libanonfeldzug Ariel Sharons die Palästinenserorganisationen,
die langjährige israelische Besetzung des Südlibanons förderte
den Aufstieg der schiitischen Hisbollah.
Checkpoints, Panzerstellungen, libanesische Soldaten: Beirut schaut aus,
als stünde es erneut vor einem Bürgerkrieg. Doch die Palästinenser
spielen in den Fieberschüben, von denen die libanesische Politik
seit Monaten zerrüttet wird, keine Rolle mehr. Selbst in den verwinkelten
Straßen von Sabra und Schatila erinnern nur verblichene Wandmalereien
an die Zeit der Intifada. Sogar an der Gedenkstätte für die
Opfer des Massakers von Sabra und Schatila, als christliche Milizen 1982
in einer drei Tage dauernden Orgie der Gewalt Hunderte, wahrscheinlich
Tausende Menschen unter den Augen der israelischen Besatzungsarmee ermordeten,
hängen grüne Hisbollah-Plakate. Der Platz steht unter Wasser,
Besucher gibt es keine.
Persönliche Gründe haben mich nach Jahren wieder zu einer Reise
quer durch den Nahen Osten an die Fronten eines Weltkonflikts geführt.
Meine zwanzigjährige Tochter Neva hatte als Geschenk für eine
gelungene Matura schon seit langem eine Nahostreise eingefordert - zum
Besuch von Freunden aus der Friedensbewegung und zum Augenschein an den
Schauplätzen der Auseinandersetzung. In den Bergen über Beirut
liegt die libanesische Autorin, Verlegerin und Künstlerin Mai Ghoussoub
begraben, mit der mich eine lange Freundschaft verbunden hat.
Mai Ghoussoub starb im Frühjahr 2007 völlig unerwartet in London.
Die Reiseroute hatten wir noch gemeinsam besprochen. Sie hatte darauf
bestanden, dass wir auch ihre Heimatstadt, die lebendige levantinische
Metropole Beirut, besuchen. Das freudlose, von Israel besetzte Ramallah
oder Hebron würden einer jungen Besucherin aus Europa ein falsches
Bild der arabischen Welt vermitteln. Diese Unterhaltung hatte vor dem
Juli 2006 stattgefunden. Dann brach der israelisch-libanesische Krieg
aus.
Durch ihren zerstörerischen Aufstieg wurde die Hisbollah zur treibenden
Kraft im Zedernstaat. Im Nahostkonflikt haben sich die handelnden Parteien
und Personen geändert. Aber auch Invasionen, Kriege und halbherzige
Friedensverhandlungen, antiisraelischer Terror und israelischer Staatsterror
führten keinen Millimeter näher an eine Lösung. Weder die
nationalen Ziele der Palästinenser noch Sicherheit für die Bürger
Israels wurden erreicht. Eine ernüchternde Bilanz, die sich durch
unsere gesamte Reise ziehen wird.
Beim unabhängigen Verlag
Die legendären Bars und Nachtklubs nahe der Beiruter Strandpromenade
sind trotzdem überfüllt. Erstaunlich rasch wurden die zerbombten
Brücken und Gebäude wiederaufgebaut. Der Libanon profitiert
von einem Wettlauf der Geberländer, die sich politischen Einfluss
sichern wollen. Nur im Süden Beiruts, wo einmal das Hauptquartier
der Hisbollah stand, liegen Häuserreihen noch immer in Schutt und
Asche. Dass wir im "Sicherheitsdreieck" fotografieren, ruft
in kürzester Zeit das schiitische Wachpersonal herbei. Glücklicherweise
glauben sie uns, dass wir politisch interessierte Touristen sind und keine
Agenten.
Die meisten Gebäuderuinen im Stadtzentrum stammen aus früheren
Kriegen. Fast jeder Libanese weiß, welches Geschoß welche
Zerstörung anrichtete. Um die Ruinen an der Place des Martyres stehen
Zelte jeder Größe. Hier versammeln sich Anhänger der Hisbollah
und ihre christlichen Verbündeten. Die prosyrische Opposition rund
um die Hisbollah ringt mit der prowestlichen Regierung um Einfluss. Auch
nach Ende des Krieges herrscht permanenter Ausnahmezustand. Nach einer
Serie politischer Morde herrscht Angst und Unsicherheit. Ob er um sein
Leben fürchtet? Das fragen wir einen Journalisten, der für seine
Kritik an Syrien bekannt ist. Er zuckt nur mit den Schultern. Wehren könne
man sich sowieso nicht. Wer die Killer schickt, weiß niemand genau.
Je nach politischem Standpunkt vermuten Gesprächspartner einen der
zahlreichen syrischen Geheimdienste, den Iran, Israel oder die CIA. Condoleezza
Rice glaubte 2006 in den israelisch-libanesischen Wirren die "Geburtsschmerzen"
eines neuen Nahen Ostens auszumachen. Geblieben sind Angst und Zerstörung.
Als wir die Bergstraße aus Beirut nach Beith Shebab entlangfahren,
wo Mai Ghoussoub begraben liegt, verschwinden die Hisbollah-Poster. An
ihre Stelle treten die Porträts von grimmig dreinblickenden Generälen
und prominenten christlichen Opfern, die bei den jüngsten Attentaten
starben. Mai Ghoussoub war in den Siebzigerjahren eine Aktivistin der
Studentenbewegung. An ihre feurigen Slogans durch das Megafon erinnern
sich selbst ergraute Funktionäre in Sabra und Schatila. Während
des Bürgerkrieges betreute sie ein medizinisches Zentrum in den Armenvierteln
Beiruts. Als ihre Gruppe die Korruption der PLO kritisierte, mussten sie
vor Jassir Arafat Rede und Antwort stehen. Beim Krankentransport eines
verwundeten Palästinensers wurde Mai Ghoussoub beschossen und verlor
ein Auge. In den Achtzigerjahren baute sie im Londoner Exil Al Saqi auf,
den inzwischen größten unabhängigen arabischen Verlag.
Gewagte Titel über Sexualität, Kunst, religiöse Minderheiten
und politische Outsider sind das Markenzeichen von Al Saqi.
In Hamra, dem Geschäftszentrum von Beirut, besuchen wir die Außenstelle
des Verlages. Die Geschäftsführerin Dina ist eine der wenigen,
die Ermutigendes aus der arabischen Welt berichtet. Die wichtigsten Umsätze
macht Al Saqi bei den großen Buchmessen. In Katar, Saudi-Arabien
und anderen konservativen Staaten sind das Großereignisse, erzählt
Dina, die von privaten Besuchern richtiggehend überrannt werden.
Die Araber suchen Bücher, die sie im lokalen Handel nicht erhalten
- vor allem Romane mit unkonventionellen Themen, aber auch Analysen politischer
Querdenker. Dem Publikum genügt es anscheinend nicht, immer nur Produkte
der offiziellen Zensur oder Propaganda der Fundamentalisten zu lesen.
Drüben herrscht Normalität
Weil wir aus Israel gekommen sind, war die Reise in den Libanon recht
kompliziert. In Wien hatten wir uns eigens einen Zweitpass besorgt. Denn
wer bei der libanesischen Grenzkontrolle einen israelischen Stempel im
Pass hat, darf nicht einreisen. Umgekehrt gilt das genauso. "Mit
den Brüdern verbindet uns eine heiße Leidenschaft", scherzte
der israelische Mitarbeiter der Jordanian Airlines in Tel Aviv. Er wollte
sicherstellen, dass beim Umstieg in Amman alle Spuren israelischer Kontrollen
entfernt werden. Seine jordanischen Kollegen vergaßen natürlich
glatt darauf. Glücklicherweise sahen die libanesischen Grenzer nicht
so genau hin.
In den Libanon hatten wir zuerst vom Süden aus durch den israelischen
Grenzzaun geblickt. Von der prächtig erhaltenen Kreuzfahrerfestung
Akko fuhren wir in Richtung Nordosten. Kyriat Schmona ist die größte
Stadt nahe der Grenze. 2006 schlugen hier die gefürchteten Katjuscharaketen
der Hisbollah ein. Die gesamte Bevölkerung musste wochenlang im Süden
Zuflucht suchen. In den Siebzigerjahren nahmen Palästinenserkommandos
hier Dutzende Schulkinder als Geiseln. Die Kinder starben, als israelische
Sondereinheiten sie zu befreien versuchten. Die Attentäter wurden
in den Palästinenserlagern als Helden gefeiert. Die friedliche Atmosphäre
der Shoppingmalls, Schulen und Cafés von Kyriat Schmona lassen
die gewaltsame Geschichte nicht einmal erahnen.
Wir fahren einige Kilometer weiter in den Norden, in die unmittelbare
Grenzstadt Metula. Vom Aussichtsposten hat man einen guten Blick auf die
gegenüberliegenden libanesischen Dörfer El Kairi und Marjayoun.
Als die israelische Armee Marjayoun 2006 einnahm, flüchteten Tausende
Bewohner. Die israelische Luftwaffe attackierte den Flüchtlingstreck
- es gab Dutzende Tote und Verwundete. Auch jetzt sterben noch Menschen
an den Splitterbomben, die Israel in den letzten Kriegstagen zu Tausenden
abwarf. Ein Zaun mit der aus früheren Zeiten stammenden sinnigen
Bezeichnung "Good Fence" trennt die Stadt vom Niemandsland.
Israelisches Militär und weiße Uno-Panzer patrouillieren zwischen
den verfeindeten Staaten, in der Ferne flattert eine gelbe Hisbollah-Fahne
im Wind. Israelische Touristenbusse fahren bis zur Tafel mit der Warnung
"No entry. Closed military area". Anscheinend gibt es hier auch
Pazifisten. Einer der verlassenen Panzer ist bunt bemalt, am Heck prangt
ein großes Friedenszeichen.
Hier lebt Joseph, ein Agrartechniker, der unbekümmert ein halbes
Dutzend Katzen den Grenzzaun entlang spazierenführt. Joseph zeigt
uns Neubauten auf der libanesischen Seite, die nur wenige Hunderte Meter
von der Grenze entfernt in die Höhe schießen. Ein Zeichen,
dass auch "drüben" die Normalität einkehrt, meint
er. Er selbst bewohnt das allererste Haus nach der Grenze in Israel. Während
des letzten Krieges ist er hier geblieben, erzählt er. Die Hisbollah
wollte Ziele möglichst weit im Landesinneren treffen. Die Raketen
sind daher hoch über Metula hinweg geflogen. Die größte
Veränderung, die er in den letzten Jahren festgestellt hat? Joseph
rettet zwei Kätzchen, die sich im Zaun verheddert haben. In den Moschawim,
den genossenschaftlichen Siedlungen der Region, kommen die Landarbeiter
nicht mehr aus dem Libanon, meint er, sondern jetzt aus Thailand.
Panzer, Denkmäler für Gefallene, verstreute Hausruinen: Die
Landstraße auf dem Golan erinnert an Kämpfe, die länger
als der israelisch-libanesische Krieg zurückliegen. Wir übernachten
hoch in den Bergen, in Majdal Shams, einem der vier verblieben Drusendörfer
auf dem Golan. Die bunte drusische Fahne flattert in jeder Straße.
Mit ihren vielen Farben erinnert sie uns deplatzierterweise an die heimische
Regenbogenparade. Die Drusen sind eine geheimnisvolle religiöse Minderheit,
die zerstreut in allen Staaten der Region leben. Die meisten Drusen des
Golan sind im Sechstagekrieg 1967 nach Syrien geflüchtet und können
seither nicht mehr zurück. Aus Protest organisieren Familienangehörige
von beiden Seiten gemeinsame Feste direkt am Grenzzaun, der am Dorf vorbeiführt.
Trotz der Feindschaft zwischen Syrien und Israel ist die Grenze durchlässiger
geworden: Tausende drusische Jugendliche aus dem Golan studieren in Damaskus,
die Stadt ist nur vierzig Kilometer entfernt.
Salman Fakreddine, Chef des Al-Marsad Zentrums für Menschenrechte
in Majdal Shams, erzählt vom hartnäckigen Widerstand gegen die
israelischen Besatzer. Der Bürgermeister der Drusendörfer wird
vom israelischen Innenminister ernannt. Gegenüber den israelischen
Siedlern auf dem Golan fühlen sich die Drusen krass benachteiligt.
Auf Gewalt haben sie sich aber nie eingelassen. Das hat ihnen wahrscheinlich
ermöglicht, als kleine Gruppe zu überleben. Offiziell ist der
Golan von Israel annektiert. Aber wenn es einmal zu einem Friedensvertrag
mit Syrien kommt, weiß jeder, dass es neue Grenzen geben wird. Inzwischen
arrangiert man sich. Der Golan verschafft den Israelis die einzige Möglichkeit
zum Schifahren im eigenen Land. Die Drusendörfer bieten Zimmer zur
Übernachtung. Langsam belebt der Tourismus die lokale Wirtschaft
- ungeachtet aller politischen Spannungen. In Israel selbst gelten die
heimischen Drusen, die mit den Glaubensbrüdern auf dem Golan nichts
zu tun haben wollen, als patriotisch und dem Staat treu ergeben: in der
israelischen Armee sind sie wegen ihrer arabischen Sprachkenntnisse gefragt.
Salman Fakreddine ist der Sprecher der Golan-Drusen. Über den Machtkampf
zwischen den palästinensischen Gruppierungen Hamas und Fatah schüttelt
er nur den Kopf. Den Menschen bleibt nur mehr die Wahl zwischen Gott und
Korruption, meint er traurig. Salman ist nicht religiös, sagt er,
trotzdem akzeptiert ihn die Gemeinschaft. Ein Demokrat zwischen allen
Stühlen: Mit dem wachsenden religiösen Einflüssen in seinem
Volk kann er wenig anfangen, die arabischen Regierungen verachtet er und
die israelischen Besatzer will er loswerden.
Eine traurige Feier
Wir fahren am See Genezareth vorbei. Die leere Landstraße soll uns
durch das Jordantal in der Westbank nach Jerusalem bringen. Wir wollen
zu einer Demonstration der "Frauen in Schwarz", einer der ältesten
israelischen Friedensgruppen, die ihren zwanzigsten Geburtstag begeht.
Rechts und links der Straße Dutzende neue israelische Siedlungen.
Eine junge Autostopperin ist auf dem Weg zu ihrem Militärersatzdienst.
Wir fragen sie, ob sich die Siedler hier bewusst sind, dass sie das alles
aufgeben müssen, wenn es zu einem Frieden kommt. Irgendwie schon,
meint sie. Aber man hoffe halt, dass es dazu nicht kommt.
Wer auf der Autostraße 90 in Richtung Jerusalem fährt, sieht
nichts vom drakonischen Besatzungsregime, über das die Palästinenser
klagen. Bequem durchquert man den nördlichen Teil der Westbank. Wo
das besetzte Gebiet genau beginnt, merkt man nicht. Auf israelische Anbaugebiete
folgen palästinensische Plantagen, auf jüdische Siedlungen arabische
Dörfer. Dazwischen halb verlassene Checkpoints. Einmal weht die israelische
Fahne, dann die palästinensische. Später erklärt man uns,
dass Militärposten die Dorfbewohner aus der Umgebung immer wieder
daran hindern, solche Schnellstraßen zu benutzen. Beim Durchfahren
erahnt man das nicht. Trotzdem verstehe ich jetzt jene jüdischen
und arabischen Intellektuellen besser, die ein Zweistaatenkonzept als
Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts ausschließen.
Sie halten einen gemeinsamen binationalen israelisch-palästinensischen
Staat für realistischer, denn die beiden Gesellschaften seien viel
zu stark ineinander verwoben. Daniel Barenboim, der israelische Pianist
und Dirigent, hat deswegen heuer die palästinensische Staatsbürgerschaft
angenommen. Die Schicksale von Israelis und Palästinensern ließen
sich nicht mehr trennen, begründete er seinen Schritt. Nun ist er
der erste israelisch-palästinensische Musiker.
Wir besuchen die "Women in Black", eine der unbeugsamsten Friedensgruppen
Israels. Die Idee zu einem Frauenprotest gegen die Besatzung kam von den
argentinischen "Müttern der Plaza de Mayo", die jahrelang
gegen die Militärdiktatur auf die Straße gegangen waren. Jeden
Freitag treffen sich die Demonstrantinnen am Jerusalemer Paris Square,
nicht weit vom Sitz des Premierministers. An schlechten Tagen kommt nur
eine Handvoll Aktivistinnen. Zum zwanzigsten Jahrestag sind es ein paar
hundert Menschen.
Schwarz symbolisiert die Trauer über die Gewalt der Besatzer. Auch
an diesem Tag dominiert diese Farbe. "End the Occupation" steht
auf den Transparenten. Auf der anderen Straßenseite fordern rechte
Gegendemonstranten die Todesstrafe für "Verräter".
Nurit Peled-Elhanan, die Tochter des bekannten verstorbenen Friedensgenerals
Matti Peled, hält die erste Rede. Sie ist eine Symbolfigur der Friedensbewegung.
Ihre eigene 13-jährige Tochter starb bei einem Selbstmordanschlag
in der Fußgängerzone der Ben Yehuda Street in Jerusalem. Trotzdem
denunziert sie Hand in Hand mit palästinensischen Frauen das israelische
Militär. Wir werden oft als Schlampen beschimpft, sagt Ronni Hammermann,
eine der Aktivistinnen. Aber inzwischen akzeptiert ein großer Teil
der israelischen Gesellschaft, dass die Besatzung den Frieden verhindert.
Ronni sieht darin auch einen Erfolg der hartnäckigen Protestbewegung.
Der verkaufte Kibbuz
Abgesehen von einer Minderheit Unentwegter interessieren sich in Israel
nur wenige Menschen für die Realität der Besatzung. Die mentale
Distanz zur bitteren palästinensisch-israelischen Wirklichkeit ist
vor allem in Tel Aviv deutlich zu spüren. In den Hauptstraßen
der Stadt herrscht buntes Treiben, fast genauso wie in französischen
oder italienischen Küstenstädten. Ramallah scheint hier so weit
weg wie Kabul oder Tschetschenien.
Tel Aviv floriert. Hightech-Firmen schießen hoch, deren Geschäftspartner
sitzen in Paris, San Francisco oder Schanghai. Die israelischen Kids denken
international und erzeugen Dynamik für die ganze Gesellschaft. Israel
geht es tatsächlich viel besser als noch vor wenigen Jahren. Doch
aus dem einstigen Hort der sozialen Gerechtigkeit wurde ein Land mit enormen
wirtschaftlichen Gegensätzen. Nur in den USA sind die Unterschiede
zwischen Arm und Reich noch größer.
Einst blickte die idealistische junge Linke hoffnungsvoll auf die Kibbuzbewegung.
Diese steht nun vor ihrem Ende. Nördlich von Haifa besuchen wir den
Kibbuz Mabarot. Es ist eine der letzten Siedlungen, in denen die streng
egalitären Prinzipien des linkssozialistischen Hashomer Hatzair angewendet
werden. Mario, einer der führenden Funktionäre in Mabarot, begrüßt
uns mit einer Hiobsbotschaft: Der Kibbuz hat vor wenigen Tagen die Babymilchproduktion,
von der alle leben, mehrheitlich an den Weltkonzern Nestlé verkauft.
Der Kaufvertrag enthält zwar eine Galgenfrist von zehn Jahren, doch
allen ist klar, dass damit das egalitäre Experiment zu Ende geht.
Nur die älteren Kibbuzbewohner weinen dem nach. Die Jungen wollen
alle privatisieren, erklärt Mario.
Noch gelten in Mabarot die alten Regeln: Ihre Einkünfte liefern die
900 Mitglieder an den Kibbuz ab. Vom Generaldirektor bis zur Putzfrau
erhalten alle 5000 Schekel, etwa 900 Euro. Dafür zahlen sie keine
Fixkosten, keine Sozialabgaben, keine Versicherungen. Die trägt das
Kollektiv. Es besitzt sogar einen gemeinsam verwalteten Autopark. Auf
fünf Personen kommt ein Wagen. Mario wohnt in einem idyllischen Haus
inmitten von Palmen und exotischen Pflanzen. Noch gehört es dem Kibbuz.
In zehn Jahren wird alles privatisiert, glaubt er. Mario ist in den Achtzigerjahren
mit der ganzen Familie vor der Militärdiktatur aus Argentinien geflohen.
Lange Jahre war er führender Funktionär der linkssozialistischen
Mapam-Partei. Jetzt müssen wir ihn dazu drängen, über israelische
Politik zu diskutieren. Sogar im Kibbuz gab es bei den letzten Wahlen
eine Stimme für die rechtsradikale Partei von Avigdor Lieberman.
Mario hingegen empfahl seinen Freunden, für den damaligen Kandidaten
der Arbeiterpartei Amir Peretz zu stimmen. Das ärgert ihn jetzt noch:
Peretz wurde als Verteidigungsminister zu einem der Hauptverantwortlichen
des Libanonkrieges 2006.
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