Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Hochschaubahn Weisses Haus, 24.1.2001

Wie eine riesige Ladung Valium kommen die Bushies über Washington, ätzt das liberale Wochenblatt "New Republic". In Ehren ergraut stammen die meisten Minister und Berater aus ferner republikanischer Vorzeit, politisch geformt in den Jahren Ronald Reagans oder gar unter Nixon und Ford. Das eintönige Grau der amerikanischen Vorstandsetagen erobert die Hauptstadt. Der klassische Generationssprung rückwärts. Wie anders sei das vor acht Jahren gewesen: die "New Republic" erinnert an den Wirbelwind der Clinton`schen Machtergreifung, symbolisiert durch die Horde blutjunger Mitarbeiter, die nun zum grenzenlosen Entsetzen des altgedienten Personals die Gänge des Weißen Hauses mit Jeans und Coke bevölkerten. Bis um drei Uhr früh konnte man in den Bars der Stadt auf aufgeregte Clinton-Kids stoßen. Während der Commander in Chief selbst den Griff zum Saxophon zum Höhepunkt selbst der politischsten Abend-events zu machen pflegte.
Bill und Hillary Clinton haben von Anfang an den abgrundtiefen Haß der amerikanischen Rechten auf sich gezogen: wer unvorbereitet auf die tagtäglich über den Äther verbreiteten Haßtiraden eines Rush Limbaugh über den Pot-rauchenden, ehebrechenden Vietnamkriegsgegner und Homosexuellenfreund an der Spitze des Staates samt seiner über Leichen gehenden Ehefrau gestoßen ist, der mußte glauben, die Anfänge eines veritablen Bürgerkrieges zu erleben. G.Gordon Liddy, rechtskräftig verurteilter Watergate-Einbrecher und ebenfalls Radio-Talks-Show Star der Rechten, ließ am Wochenende auf seiner Ranch Freunde auf Pappkartons mit Bill und Hillary schießen. Zur Entspannung.
Politisch war diese Polarisierung nicht wirklich nachvollziehbar, hatte Clinton als sogenannter "New Democrat" seine Partei doch in vielen inhaltlichen Fragen nach rechts gerückt. Der Konflikt war kulturell: das konservative Amerika schien hier noch einmal jene Kämpfe nachzuspielen, die in den Sechzigerjahren tatsächlich das Land gespalten hatten. So erscheint der Haß auf Clinton als verspätetes Echo des Establishments auf den gesellschaftlichen Durchmarsch der Protestgeneration.
Vereinzelte Clinton-Hasser gab es auch auf der Linken. Für Christopher Hitchens, bis zuletzt gnadenloser Polemiker gegen das Power Couple aus Arkansas, lag das Schlüsselerlebnis in den ersten Monaten der Wahlkampagne von 1992: der umkämpfte Kandidat unterbrach damals demonstrativ seine Wahlreise, um bei der Hinrichtung des zum Tode Verurteilten Doppelmörders Rickey Ray Rector in Arkansas zu sein. Rector war seit Jahren debil gewesen: er hatte sich bei seiner Verhaftung selbst ins Hirn geschossen. Weder das Verfahren noch das Urteil gegen ihn hatte er verstanden. Von der Henkersmalzeit verweigerte er beharrlich den Nachtisch: für später, ließ er die Wächter wissen. Christopher Hitchens glaubt, daß Rector sterben mußte und Clinton eine Begnadigung verweigerte, weil der Gouverneur von Arkansas vom Jenniffer Flowers Skandals ablenken wollte.
Die Feinde von rechts und links verweisen auf den ganzen Clinton. Nie hat er sich für eine Sache eingesetzt, von der er sich nicht einen politischen Vorteil versprach. So sind eine ganze Reihe der größten Probleme Amerikas unangetastet geblieben: die Gefängnispopulation wächst unaufhörlich; an den absurd hohen Prozentzahlen schwarzer Männer im Alter von 15 bis 35 Jahren, die der Justiz ins Gehege kommen hat sich ebensowenig geändert wie an der erfolglosen Drogenpolitik der US-Regierung mit ihren irrationalen Strafen. Wiederholte Erhöhungen der Mindestlöhne haben die unteren Einkommensschichten am Wirtschaftsaufschwung teilhaben lassen, die sozialen Unterschiede sind trotzdem größer geworden. Das große Projekt der Gesundheitsreform, derentwegen Clinton in die Geschichte eingehen wollte, ist gescheitert und die ihm von den Republikanern diktierte Sozialhilfereform kann sich in Rezessionsphasen als grimmiger Bumerang für die Armen herausstellen. Aber Clinton hat die konservative Ära Reagan-Bush beendet und die Pläne der konservativen Revolutionäre um Newt Gingrich auf eine radikale Zerschlagung selbst der letzten Schutzfunktionen des Staates durchkreuzt. Der anfangs schwer verunsicherten amerikanischen Öffentlichkeit hat er die Angst vor der Globalisierung genommen und damit sowohl Gewerkschaften als auch Demokraten zu gestaltenden Kräften der neuen Zeit der technologischen Revolution und grenzüberschreitenden Finanzmärkte gemacht. Ein Zugang, von dem sich auch erfolgreiche europäische Sozialdemokraten inspirieren ließen.
Ähnlich zwiespältig fällt die außenpolitische Bilanz aus: weder Washingtons anachronistische Kuba-Politik noch die erfolglose Irak-Blockade mit ihren verheerenden Folgen wurden korrigiert. Bedenkenlos sandte auch Clinton, ganz so wie seine Vorgänger, tödliche Waffen gegen ferne Ziele, wenn dies Ablenkung von eigenen Problemen versprach. Aber dem starken isolationistischen Druck hat er widerstanden und das amerikanische Eingreifen in Bosnien und Kosovo brachte den Wendepunkt für die nicht enden wollende Serie der blutigen Balkankriege. Nie zuvor war der transatlantische Ideentransfers so intensiv wie unter Bill Clintons Präsidentschaft. Die Amerikanisierung der europäischen Politik fand durch ihn neue Nahrung, aber die Partner diesseits des Atlantiks durften sich Hoffnung auf eine bislang nicht dagewesene Europäisierung des amerikanischen politischen Denkens machen.
Den wilden Turbulenzen rund um den Clinton`schen Hof innerhalb des berühmten Politik-besessenen Washingtoner "Beltways" standen für die meisten Amerikaner Stabilität und Wirtschaftsboom nach innen und Friede nach außen gegenüber. Nur so konnte das Unterklassen-Kind im Präsidentensessel der geballten Macht seiner konservativen Widersacher trotzen.
In der neuen Ära wird es umgekehrt sein: die Regierung Bush mit ihre tiefen Wurzeln in den alten Eliten muß primär mit von außen kommenden Turbulenzen rechnen. Weder der Kurswechsel in Richtung Aufrüstung und "America first" in der Außenpolitik noch die weit über die Wahlversprechen hinausgehenden konservativen Akzente der Innenpolitik werden leicht die gewünschte Akzeptanz finden. Seit Ronald Reagans Zeiten waren in Washington nicht mehr so viele Machtpositionen republikanisch besetzt: vom Kongreß über den Supreme Court bis zum Weißen Haus haben die Konservativen das Sagen. Im Land selbst ist von einem Rechtsruck allerdings nichts zu merken: kein Wunder, daß eine verklärende Clinton-Nostalgie schon eingesetzt hat, ehe der Ex-Präsident die Stufen des Weißen Hauses richtig verlassen hatte.

 

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