Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Hold them back, 14.2.2007


Ist die Entscheidung zu einem Angriff gegen den Iran in Wirklichkeit bereits gefallen? Oder anders gefragt: Versucht George Bush das Irakdebakel in den letzten 23 Monaten seiner Amtszeit durch einen Schlag gegen das iranische Atomprogramm auszugleichen? Ganz so wie ein schlechter Aktienhändler, der auch bei den schwersten Verlusten immer wieder auf die falsche Karte setzt? Die Frage bewegt in Washington besonders die Demokraten, die fürchten, dass ein High Noon mit Teheran die gegenwärtige Antikriegsstimmung auf eine harte Probe stellen und ihre heterogene neue Mehrheit im Kongress spalten würde.
Schon vor Wochen hat der Präsident einen zweiten Flugzeugträger samt Begleitkonvoi in den Golf beordert. Das Pentagon ließ Patriot-Luftabwehrraketen an die verbündeten arabischen Golfstaaten liefern. Während sich im Irak die Razzien gegen iranische Einrichtungen häufen, läuft in den USA eine von langer Hand vorbereitete Propagandakampagne gegen die Ajatollahs. Immer öfters ist von Spuren in den Iran die Rede, wenn die Sprecher des Pentagon nach Schuldigen für die täglichen blutigen Angriffe im Irak suchen - und das, obwohl die Aufstandsbewegung zum größten Teil aus sunnitischen Fundamentalisten besteht, die sich als Todfeinde der schiitischen Mullahs verstehen. Der Streit um das Atomprogramm treibt einem Höhepunkt zu. Am 21. Februar läuft ein Ultimatum des Uno-Sicherheitsrates ab, mit dem der Iran zur Einstellung der Plutoniumanreicherung gezwungen werden soll. Im US-Fernsehen laufen Werbespots, die Mahmoud Ahmadinejad mit Adolf Hitler vergleichen und die Gefahr eines Holocaust gegen Israel an die Wand malen. Für die Regierung Bush hat die Konfrontation mit dem Iran, egal, wie weit sie getrieben wird, einen großen Vorteil: Je mehr über die iranische Bedrohung geredet wird, desto weniger steht die irakische Katastrophe im Zentrum.
Auch wenn es nicht bewiesen ist, bezweifelt kaum jemand, dass die iranische Urananreicherung tatsächlich einmal zu Atombomben führen soll. Wie erfolgreich die Iraner mit ihren Tests sind, ist aber selbst unter Experten höchst umstritten.
Nach Erkenntnissen des amerikanischen Geheimdienstes ist mit einer iranischen Atombombe vor der Mitte des nächsten Jahrzehnts kaum zu rechnen. Das macht es schwer, einen Angriff als Akt der Selbstverteidigung zu rechtfertigen.
Eher zufällig sind dieser Tage erstmals seit Jahren ernsthafte Verhandlungen zwischen den USA und Nordkorea in Gang gekommen. US-Verhandler Christopher Hill will eine "libysche Lösung": Für wirtschaftliche Zusammenarbeit und politische Anerkennung müsste sich das nordkoreanische Regime zur atomaren Abrüstung bereit erklären. Ein Szenario, das in Wirklichkeit auch der einzig sinnvolle Ausweg für den Iran wäre. Oder will jemand der Welt glaubhaft machen, dass rationale Entscheidungsprozesse im totalitär regierten Pjöngjang leichter möglich sind als im diffizilen Machtgefüge der Islamischen Republik?
Gewiss, ein nuklear bewaffneter Iran ist ein hohes Risiko, aber dauerhaft verhindern ließe sich ein iranisches Nuklearprogramm durch einige Wochen Luftangriffe nicht. Ein verbittertes und zusätzlich radikalisiertes Regime in Teheran würde erst recht alles tun, um die Bombe zu entwickeln. Und Mahmoud Ahmadinejad könnte in einer bewaffneten Konfrontation mit einem Außenfeind jene interne Unterstützung zurückgewinnen, die ihm gegenwärtig immer mehr abhandenkommt.
Gewiss, der iranische Präsident vertritt eine unangenehme Spielart des fundamentalistischen Obskurantismus. Aber die Dämonisierung des schiitischen Mullahregimes als treibende Kraft allen Übels in der Region hat etwas Lächerliches. Ja, Mahmoud Ahmadinejad schmückt sich mit einer Bande von Holocaustleugnern, er hasst Israel und wünscht sich einen Regimewechsel in Jerusalem ähnlich wie in der Sowjetunion oder in Afghanistan. Aber das soll ein Kriegsgrund sein?
Erinnert sich noch jemand an das sogenannte "Downing Street Memo" vom 23. Juli 2002? Ein Dreivierteljahr vor Beginn des Irakkrieges berichtete der britische Geheimdienstchef dem Kriegskabinett in London nach einem Besuch in Washington: "Geheimdiensterkenntnisse und Tatsachen werden der Politik entsprechend ausgerichtet." Der Angriff sei beschlossene Sache. Heute werden angebliche Geheimdiensterkenntnisse niemandem mehr zugemutet, man versucht es gleich mit reiner Propaganda.
Allerdings: George Bush war 2002 in völlig anderer Verfassung und ist heute innenpolitisch so isoliert wie nie zuvor. Von Militäraktionen gegen den Iran will die amerikanische Öffentlichkeit nichts wissen, selbst die schärfsten Hardliner plädieren nur für Luftangriffe und nicht für eine Invasion. Und die Schwäche der Administration verschafft den Europäern viel größere Einflussmöglichkeiten als vor fünf Jahren. Denn ohne Verbündete wollen die Amerikaner ihr Land ganz sicher nicht in einen neuen Konflikt stürzen.
Dass der wirtschaftliche Druck auf den Iran angesichts des niedrigen Ölpreises zu ernsten innenpolitischen Problemen für Ahmedinejad geführt hat, ist ein Erfolg des gemeinsamen Vorgehens der USA und der EU. Gleichzeitig sollten sich die Europäer jedoch auch unmissverständlich gegen Militärschläge Israels oder der USA aussprechen - noch bevor im Weißen Haus die Weichen unwiderrufbar in Richtung Krieg gestellt sind. Im gegenwärtigen Patt zwischen dem republikanischen Weißen Haus und dem demokratischen Kongress könnte ein klares Wort der Verbündeten auf jeden Fall entscheidend dafür sein, die USA vor einem letzten Abenteuer der gegenwärtigen Administration zu bewahren.


 

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