Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

In Kopenhagen ist der Traum einer Weltregierung gescheitert, 23.12.2009

Anders als Kopenhagen 2009 galt die Klimakonferenz von Kyoto 1997 als Erfolg. Erstmals hatten sich die Industriestaaten auf eine Begrenzung der Treibhausgase geeinigt. Der Handel mit Verschmutzungsrechten wurde eingeführt, vor allem auf Wunsch der USA. Doch Bill Clinton und Al Gore wagten es nie, dem Senat den innovativen Vertrag zur Ratifizierung vorzulegen. Schließlich verabschiedeten sich die USA völlig von jeder Klimapolitik. China, die aufstrebende Industrienation, war sowieso nie erfasst. Vom erhofften weltweiten Klimaregime blieben nur Fragmente.
Umgekehrt muss Kopenhagen nicht automatisch zu jenem Desaster werden, über das sich die Klimaaktivisten so heftig empören. Wie stark der Zug zu grünen Technologien wird, hängt primär vom Trendsetter Amerika ab. Aber ein Klimapaket, das den Kongress zum Exekutor einer internationalen Vorgabe gemacht hätte, wäre in Washington chancenlos geblieben. Die Freiwilligkeit der viel gescholtenen Kopenhagener Übereinkunft gibt Barack Obama dagegen die Möglichkeit, Amerika aus eigenem Antrieb zu einer neuen Energiepolitik zu drängen. Gemeinsam mit China produzieren die USA mehr als die Hälfte der zerstörerischen Treibhausgase. Ob es zu einer Trendwende kommt, hängt vom inneren Meinungsbildungsprozess der beiden Wirtschaftsgiganten ab und nicht von einem Vertrag der Vereinten Nationen.
Was in Kopenhagen tatsächlich gescheitert ist, das war der Versuch, einen Schritt in Richtung Weltregierung zu tun. Tatsächlich hat es ein derartig breites Powwow von Präsidenten und Regierungschefs noch nie gegeben. 130 Präsidenten und Regierungschefs der 193 Staaten des Planeten hatten sich auf den Weg gemacht, in der Erwartung einer globalen Weichenstellung unter der Schirmherrschaft der UNO. Boliviens Indiopräsident Evo Morales erinnerte an die verlorenen Jahrhunderte seines Kontinents, während Europa sich stürmisch industrialisierte. Venezuelas Hugo Chavez pries den Sozialismus, während hektische EU-Politiker von einem informellen Treffen zum nächsten hetzten. Dazwischen skeptische US-Senatoren, aufgeregte Klimalobbyisten und Werbeblätter der Energiekonzerne, die sich als die besten Umweltschützer präsentierten.
Die chaotische Mammutveranstaltung sollte nach jahrelangen Vorverhandlungen weltweit bindende Regeln aufstellen. Das Vorbild war die konzertierte Aktion, in der vor 20 Jahren die Industrienationen erfolgreich ozonzerstörende Substanzen verbannt hatten. Seither schrumpft das Ozonloch tatsächlich. Aber die Fluorchlorkohlenwasserstoffe ließen sich relativ einfach aus Spraydosen und Kühlschränken entfernen. Der Energiehaushalt berührt dagegen die Substanz jeder Volkswirtschaft.
Für ein internationales Klimaregime, dem sich alle Staaten zu unterwerfen haben, fehlt das Vertrauen. Über den Währungsfonds und die Weltbank hatte der Westen lange Zeit versucht, dem Rest der Welt seine finanzpolitischen Vorstellungen aufzuzwingen. Kein aufstrebendes Schwellenland will sich in der Energiepolitik ähnlichen Vorgaben unterwerfen. Wie neue Kohlekraftwerke in China gebaut werden, und ob hunderte Millionen Inder von der Fahrradrikscha zum Moped umsteigen, das will sich keine Regierung in Peking oder Delhi von einer internationalen Institution vorschreiben lassen.
Ob die EU ihre Einsparziele für CO2 von 20 auf 30 Prozent erhöht, wie Umweltorganisationen lautstark fordern, war in Kopenhagen unerheblich. Mit dem Ziel einer völkerrechtlich verbindlichen Regulierung der Treibhausgase war die Weltpolitik grundsätzlich überfordert. Den Europäern kann man höchstens den Vorwurf machen, dass sie sich durch einen unrealistischen Plan im Finale aus dem Spiel genommen haben. So wurde der pragmatische Kompromiss von Kopenhagen von den USA und China geschlossen. Die Schläge der enttäuschten Öffentlichkeit müssen aber auch die Regierungschefs der EU einstecken.
2009 endet als Jahr der Halbheiten, nicht nur in der Klimapolitik. Die Finanzkrise scheint entschärft, aber die Banker spekulieren munter weiter. Barack Obama, die Symbolfigur für einen weltweiten Neuanfang, steckt in den Mühen der Ebene. Die Europäer haben zumindest das unsinnige Hin und Her um ihren neuen EU-Vertrag beendet. Aber vor den Chancen eines neuen Integrationsschubs schrecken sie zurück. Ähnlich reagiert der Rest der Welt auf die Erkenntnis, dass Staat und Gesellschaft überall mit den Folgen der Erderwärmung konfrontiert sein werden.




 

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