Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

Fenster schließen
 
  "Falter" - Artikel
   

In Tunesien entscheidet sich der Kampf gegen den Terrorismus, 26.1.2011

Kaum sind die letzten gestrandeten Touristen ausgeflogen, schwindet das Interesse Europas am tunesischen Umbruch. Ein schwerer Fehler, ist das kleine Urlaubsland durch seine erfolgreiche Revolution doch zum Schlüssel für die gesamte Region geworden. Straßendemonstrationen nach dem Vorbild der Jasminrevolution erschüttern das benachbarte Algerien ebenso wie den fernen Jemen. Selbstverbrennungen als verzweifelter Protest gegen Misswirtschaft und Hunger werden aus Mauretanien und Saudi Arabien gemeldet.
Elektrisiert verfolgt die arabische Welt die Dynamik der Revolution in Tunesien. Denn nicht Allah Akbar-Rufe prägen die Bewegung, sondern die Forderung nach Demokratie und Gerechtigkeit. Erstmals seit langem scheint in einem arabischen Land eine demokratische Entwicklung mit Pressefreiheit und einem Mehrparteiensystem als Resultat einer Volksbewegung möglich. Gelingt das Experiment, dann hätte das weitreichende geopolitische Folgen. Die verhängnisvolle Frontstellung zwischen prowestlichen Diktaturen und einer primär islamistischen Opposition wäre durchbrochen.
Der Demokratisierungsprozess kann aber auch schief gehen, so wie vor zwanzig Jahren in Algerien. Als die islamistische Frontpartei FIS 1991 vor dem Wahlsieg stand, putschte das Militär. Jahre des Bürgerkrieges mit zehntausenden Toten waren die Folge. Ein vergleichbares chaotisches Ende der friedlichen Jasminrevolution wäre ein Triumph für Hardlinern und Extremisten.
Drei Wochen nach der Flucht des Langzeitpräsidenten Ben Ali herrscht in Tunesien ein Gleichgewicht der Schwäche. Die Staatspartei RCD hat ihre oberste Führung verloren. Polizei und Milizen sind in Auflösung begriffen. Alle politischen Gefangenen wurden befreit und die Zensur ist gefallen.
Gleichzeitig geht die spontane Massenbewegung weiter. Linke Gewerkschaften sind stärker präsent als islamistische Gruppen mit ihren grünen Fahnen. Manche Oppositionsführer sind direkt aus dem Gefängnis in die Übergangsregierung gewechselt, wie der 33jähriger Blogger Slim Amamou. Das ist so, als ob Daniel Cohn-Bendit nach dem Mai 68 Minister geworden wäre, zitiert Le Monde eine aufgewühlte Demonstrantin.
Schiedsrichter sind im Augenblick die Streitkräfte. Armeechef General Rachid Ben Ammar, der sich geweigert hatte auf die Demonstranten zu schießen, ist der Held des Tages. Nur die Militärs können die bewaffneten Reste der alten Macht in Schach halten und die öffentliche Sicherheit garantieren.
Die politische Schlüsselfrage ist, wie die laizistische Tradition des Landes mit dem islamistischen Zeitgeist zusammenspielt. Tunesiens Staatsgründer Habib Bourguiba wollte die Religion ähnlich konsequent von der Politik fern halten, wie Kemal Atatürk Jahrzehnte zuvor in der Türkei. Dass der erste Präsident während des Fastenmonats Ramadan vor laufender Kamera demonstrativ Orangensaft trank, weiß noch heute jedes Kind. Vor ihrem Verbot 1989 kamen die Islamisten immerhin auf 17 Prozent der Stimmen. Noch ist nicht entschieden, ob sie planen für Scharia, Schleier und Gottesstaat in die Schlacht zu ziehen, oder ob die islamistischen Führer so wie in der Türkei Teil des Demokratisierungsprozesses werden können.
Mohammed Bouazizi, der junge Straßenverkäufer, dessen Selbstmord die Protestwelle ausgelöst hat, wollte seinen Schwestern ein Universitätsstudium finanzieren, sagt die Mutter. Der wichtigste Märtyrer der Revolution war also ganz sicher kein Fundamentalist. Aber 2002 hatte ein Al Kaida-Kommando in der Synagoge von Djerba ein Massaker angerichtet.
Die Chancen der Extremisten werden davon abhängen, ob das neue Tunesien wirtschaftlich hochkommt oder nicht. Steigt die Arbeitslosigkeit weiter, dann schafft das Raum für Fanatiker und Demagogen.
Beim wirtschaftlichen Neubeginn kommt den Europäern eine Schlüsselrolle zu. Tunesien gehört zu den Ecksteinen des sogenannten Barcelona-Prozess der EU, der Nordafrika stabiler machen soll. Das Geld, das zur Abwehr der Migrationsströme aus dem Süden ausgegeben wird, sollte besser zur Unterstützung eines demokratischen Neubeginns eingesetzt werden. Die Europäische Union würde im ureigensten Interesse handeln. Nach dem beschämenden Schweigen in den Wochen des Umsturzes ist ein Strategiewechsel dringend erforderlich.
Ein Erfolg der Demokratie in Tunesien wäre für den Kampf gegen den Terrorismus entscheidender, als alle Operationen der westlichen Geheimdienste seit dem 11.September 2001 zusammen.

 

nach oben, Fenster schließen

 
  site by Adrian Rossmann