| |
|
In
der Ecke, 18.10.2006
Kann sich noch jemand an die helle Begeisterung erinnern, die in den Achtzigerjahren
bei manchen europäischen Intellektuellen die nordkoreanische "Juche"
(gesprochen: "Dschusche")-Ideologie ausgelöst hat? Die
Schriftstellerin Luise Rinser ließ sich bei mehreren ausgedehnten
Nordkoreareisen von dem scheinbar in Pjöngjang herrschenden totalitären
Egalitarismus ebenso blenden wie der linkssozialistische DDR-Dissident
Rudolf Bahro. Sogar Bruno Kreisky zeigte sich von Diktator Kim Il Sung,
der mit seinem Personenkult selbst Mao und Stalin in den Schatten stellte,
ziemlich beeindruckt. Mitten im Kalten Krieg, als Tausende aufeinander
zielende amerikanische und sowjetische Atomwaffen die größte
Gefahr für den Planeten waren, hatte die von Nordkorea verbreitete
Ideologie einer sozialistischen Totalautarkie offenbar einen merkwürdigen
Reiz. Über die Golden Star Bank in der Wiener Mariahilfer Straße
wickelte das Regime diskret die kommerzielleren Seiten seiner Beziehung
zum kapitalistischen Westen ab. Diese Zeiten sind lange vorbei. Während
im südlichen Teil der Halbinsel Demokratisierung und wirtschaftlicher
Aufstieg Hand in Hand gingen, gleicht Nordkorea einem faschistoiden Regime
vor dem Untergang. Nahrungsmittellieferungen der internationalen Gemeinschaft,
Treibstoff aus China und Devisen von den Kooperationsprojekten mit Südkorea
sind die wichtigsten Überlebensquellen. Rassistische Besessenheit
mit der Reinheit des koreanischen Blutes wurde unter Kim Jong Il zur Abgrenzung
von dem als durch fremde Völker verseucht geltenden Südkorea
ebenso wichtig wie die verbliebenen Versatzstücke der marxistisch-leninistischen
Lehre. Die Choreografie der gigantischen Massenspiele mit ihren Zehntausenden
Teilnehmern vereint die stalinistische Tradition des Regimes mit der gefeierten
ethnischen Homogenität, schreibt der Nordkoreaexperte B.R. Myers
in der New York Times. Dieses Nordkorea ist jetzt endgültig zur neunten
Atommacht der Erde aufgestiegen.
Für Südostasien, jetzt schon gefährdet durch die wachsende
chinesisch-japanische Rivalität und die Unsicherheit über die
Folgen des schrumpfenden Gewichts der USA, erhöhen die Atombomben
Kim Jong Ils das Risiko einer dauerhaften Destabilisierung. In Südkorea
und Japan wird nun eine neue Diskussion unvermeidlich sein, wie möglichen
nuklearen Erpressungsversuchen Nordkoreas begegnet werden kann. China
fürchtet einen nuklearen Rüstungswettlauf, mit möglichen
atomaren Ambitionen nicht nur in Japan und Südkorea, sondern auch
in Taiwan oder Indonesien. Ein Schritt zurück von der Bombe unter
Druck von außen ist unwahrscheinlich. Käme es einmal zu einem
vereinigten Korea und würden nicht verheerende kriegerische Entwicklungen
alles bisher Erreichte zerstören, wäre der neue Staat schlagartig
ein Machtfaktor ersten Ranges.
So inakzeptabel Nordkoreas Griff zur Bombe für den Rest der Welt
auch sein mag: Mit der oft behaupteten Irrationalität des Regimes
hat er nichts zu tun. Im Gegenteil. Seit Mitte der Neunzigerjahre, als
die Inspektoren der Internationalen Atomenergiebehörde erstmals ausgewiesen
wurden, verfolgt die nordkoreanische Führung ihr nukleares Rüstungsprogramm
als Sicherheitsgarantie für das eigene Überleben. Der Abbruch
des Verhandlungsprozesses mit den USA durch George Bush hat diese Bemühungen
beschleunigt. Ebenso wie die vorangegangenen Raketentests signalisiert
die Zündung der unterirdischen Bombe nach innen und nach außen:
Der zentrale staatliche Machtapparat in Nordkorea ist nicht nur intakt,
er ist auch fähig, ein derart teures und kompliziertes Projekt voranzutreiben.
Insofern ist die Begeisterung der nordkoreanischen Sprecher über
ihre "glückliche Bombe" verständlich. Kim Jong Il
ist gelungen, was Saddam Hussein nie geschafft hat: sein Land durch den
Status einer Atommacht für Außenfeinde so gut wie unangreifbar
zu machen.
Die amerikanische Politik des "regime change" unter Einsatz
der militärischen Übermacht der USA ist damit Geschichte. David
Frum, der neokonservative Redenschreiber, der George Bushs Spruch von
der "Achse des Bösen" erfunden hat, trug das Seine dazu
bei, dass die Bösewichter dieser Erde, um in der Diktion der amerikanischen
Administration zu bleiben, wirkungsvolle Gegenmaßnahmen ergreifen
konnten. Aber nicht nur die Koreapolitik der Regierung in Washington ist
gescheitert. Ebenso blamiert steht China da, das Nordkorea aufgefordert
hat, von seinen Plänen abzugehen. Auch Chinas Hu Jintao, der Kim
Jong Il noch im Jänner in Peking persönlich ins Gewissen geredet
hat, kann in Nordkorea offensichtlich nur sehr wenig bewirken. Ungeachtet
der noch aus der Zeit des Koreakrieges rührenden Allianz der Nachbarn
und der chinesischen Wirtschaftshilfe, schlug Kim Jong Il die chinesischen
Warnungen demonstrativ in den Wind. Eine Erniedrigung durch den unbequemen
Verbündeten, die erklärt, warum China so ungewöhnlich heftig
auf die nordkoreanische Explosion reagiert hat.
Wieso die USA sich jetzt durch verschärfte Sanktionen jenes Resultat
erwarten, das sie durch die Mischung von längst angewandten sanktionsähnlichen
Zwangsmaßnahmen im Bankenbereich, internationalem Druck und vollmundigen
Drohungen in den letzten Jahren nicht erreicht haben, ist schleierhaft.
Nordkorea ist seit über einem Jahrzehnt einer der isoliertesten Staaten
der Erde und weitgehend immun gegen Druck von außen. Wieso sollte
ausgerechnet hier funktionieren, was in jahrelangem Boykott gegen Kuba,
den Irak oder den Iran nicht das gewünschte Ergebnis gebracht hat?
In den allermeisten Fällen macht Entspannung die innere Differenzierung
in einer totalitären Gesellschaft eher möglich als internationale
Konfrontation. Jimmy Carter, der Anfang der Neunzigerjahre im Einverständnis
mit Bill Clinton half, den Verhandlungsprozess zwischen Washington und
Pjöngjang in Gang zu bringen, plädiert dafür, den Dialog
wieder aufzunehmen, wenn sich der Pulverdampf um die Explosion und ihre
diplomatischen Nachwehen einmal gelegt hat. Von einem Atomtest beschränkter
Intensität zu einer Bombe, die tatsächlich als Waffe eingesetzt
werden kann, ist es ein weiter Weg, erinnert Carter. Ob die von Pjöngjang
gewünschten Sicherheitsgarantien jetzt noch die gewünschte Abrüstung
bringen werden, muss bezweifelt werden. Aber die gefährlichsten Situationen
entstehen dann, wenn sich ein Regime so in die Ecke gedrängt fühlt,
dass es glaubt, nichts mehr zu verlieren zu haben.
nach oben,
Fenster schließen
|