Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Indische Verhaeltnisse, 31.5.2000

Die langjährige Regierungspartei tut sich sichtlich schwer in der neuen Rolle der Opposition. Zweimal hatte sie im vergangenen Jahrzehnt versucht den Griff des nationalistischen Parteienkartells zur Macht zu verhindern. Vergeblich. Nach einer turbulenten ersten Amtszeit mit nationalistischen Exzessen im Inneren und gefährlichen Spannungen nach außen hat der Chef der rechtskonservativen Regierung in der zweiten Regierungsperiode derart an Glaubwürdigkeit gewonnen, daß ein Machtwechsel in unmittelbarer Zukunft unwahrscheinlich scheint. Die Medien schließen einen Zerfall der nun völlig orientierungslosen großen Oppositionspartei nicht mehr aus.
Was wie ein Wachtraum des österreichischen Bundeskanzlers aussieht, ist die politische Realität des fernen Indiens. So ähnlich erscheint die Dynamik des Wechsels von der laizistischen Kongreßpartei zur jetzt regierenden Indischen Volkspartei-BJP im nunmehrigen Eine-Milliarde-Einwohnerland Indien den Turbulenzen der heimischen Innenpolitik, daß kein Editorialist von "Hindustan Times", "Times of India" oder einer anderen Qualitätszeitung es versäumt hat darauf hinzuweisen: denn auch in Indien füllte Haider tagelang die Titelseiten.
Noch vor wenigen Jahren galten die Politiker der BJP als gefährliche Hindu-Nationalisten. Spannungen mit Moslems, Sikhs oder anderen Minderheiten schienen vorprogrammiert. Dazu kam im Mai 1998 die aufsehenerregende Zündung von drei Atombomben in der Wüste von Pokhran. Indien drohte nach dem Abtritt der Kongresspartei, die das Land unter Nehru, Indira Gandhi und ihrem Sohn Rajiv zusammengehalten hatte, zu einem Faktor der Destabilität zu werden.
Inzwischen ist alles anders: Premierminister Vajpayee wurde zum angesehensten Politiker des Landes. Die schon in den frühen Neunzigerjahren eingeleitete marktwirtschaftliche Öffnung trägt ihre Früchte: das Wirtschaftswachstum beträgt seit Jahren sensationelle acht Prozent. Die schmale aber wachsende Mittelschicht sieht im einstigen nationalistischen Rabauken Vajpayee einen Garant weiterer Reformen. Selbst international hat sich das Blatt gewendet: Bill Clintons Besuch in dem wegen seiner Politik der Blockfreiheit von den USA stets scheel angesehenen Riesenland markiert den Beginn einer neuen Partnerschaft mit dem Westen.
Die Hohen Priester des Hindu-Nationalismus hat der Pragmatiker Vajpayee konsequent ausgebremst: Ideologe Sudarskan, Chef des nationalistischen RSS-Flügels innerhalb der BJP, ist so etwas wie der indische Jörg Haider. Er darf gegen Coca Cola, MacDonalds und andere Symbole des Westens wettern, aber sein Einfluß geht zurück. Vinod Metha, der angesehene Herausgeber des Wochenmagazins "Outlook" hält ihn inzwischen gar für einen "zahnlosen Tiger": "Grundsätzlich sind die hiesige Nationalisten um vieles gefährlicher als ein Jörg Haider", urteilt der indische Journalist, "Aber Vajpayee kann auf dem Klavier einer 15-Parteienkoalition spielen. Die Nationalisten werden ausgebremst und die Reformen gehen weiter." Tatsächlich will die Regierung jetzt sogar das schwer marode Staatsmonster "Air India" an ausländische Geldgeber verkaufen: ein Schlag ins Gesicht für einen großen Teil der nationalistischen Basis.
Aber was wirklich in den Tiefen des Landes passiert hängt nur sehr beschränkt von den Entscheidungen des fernen Zentrums in New Delhi ab. Hier enden ganz offensichtlich die Parallelen zu einem schwarzblauen Wachtraum in heimischen Gefilden. "Mit 25 Bundesstaaten und 18 Sprachen ist Indien ein Gebilde, das noch viel komplizierter ist als die EU", meint ein Diplomat , "Über vielen Konflikten schwebt nach wie vor das Damoklesschwert einer Schwächung der 1947 gewonnenen staatlichen Einheit." Der Boom der Software-Industrie in den südindischen Metropolen Bangalore und Haiderabad hängt zum Beispiel weniger von den strategischen Entscheidungen Delhis als der Computer-Begeisterung der Lokalregierungen zusammen. Die Lokalregierung des Bundesstaates Karnataka, in dem das indische Silicon Valley um die Stadt Bangalore liegt, agiert in der Landessprache Kannada. Mit dem in Delhi gesprochenen Hindu hat Kannada genausowenig zu tun wie etwa das Englisch des boomenden Irland mit dem in Brüssel gesprochenen Flämisch oder Französisch.
Premierminister Vajpayee hat sich mit Regionalparteien verbündet, die mit lokalchauvinistischen Parolen und brutaler Interessenspolitik groß geworden sind. Hier ortet "Outlook"-Herausgeber Vinod Metha die Achillesferse der Regierung: "Die Unbeweglichkeit der Koalition bewirkt, daß bei unzähligen Reformprojekten die Umsetzung schlichtweg auf der Strecke bleibt. Nicht die Informationstechnologie, auf die man jetzt so oft blickt, ist für das Land typisch, sondern die alles blockierenden riesigen verschwenderischen Bürokratien, die sich auf der Grundlage von Armut und Unterentwicklung gebildet haben. Sie bleiben bisher unangetastet." Dazu kommt das langsam tröpfelnde Gift des Hindu-Nationalismus, der zwar in der Regierungspolitik etwas in den Hintergrund getreten ist, aber "immer mehr seinen Weg in den offiziellen Diskurs des Landes inklusive der Schulbücher findet", ergänzt eine indische Filmemacherin. Angesichts der schweren Krise der Kongreßpartei, die nicht weiß, ob sie nach wie vor auf die Gandhi-Dynastie mit Rajiv-Witwe Sonja setzen soll, sei eine Alternative zu Vajpayees Rechtsregierung aber nicht in Sicht.
Der Aufstieg der indischen Nationalkonservativen mag vorläufig noch eine Erfolgsstory sein: die Langzeitrisiken scheinen nach wie vor beträchtlich.

 

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