Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Infolge des Missbrauchs schwindet die Macht der Kirche, 14.7.2010


Die Bischofskonferenz eines westlichen Landes neun Stunden lang in den Fängen der Polizei, das hat es noch nie gegeben. Der Vatikan spricht von Repression, schlimmer als im Kommunismus. Aber nicht religionsfeindliche Eiferer haben vergangenen Monat im Rahmen einer landesweiten Welle von Hausdurchsuchungen zwei Dutzend Vernehmungsbeamte in das erzbischöfliche Palais von Mechelen unweit von Brüssel geschickt, sondern die unabhängige Justiz des Vorsitzlandes der Europäischen Union.
Die Oberhirten mussten ihre Handys und Laptops abgeben und den Beamten bis zum späten Abend zur Einvernahme zur Verfügung stehen. Bis in die Krypta der Kathedrale drangen die Ermittler vor. Spezialisten der Polizei bohrten den Sarkophag eines verstorbenen Kardinals auf, um mithilfe einer Minikamera nach versteckten Dokumenten zu fahnden. Keine gewagte Szene aus Dan Browns "Da Vinci Code", sondern eine von mehreren Polizeirazzien des tiefkatholischen Belgiens an den Schaltstellen der Amtskirche. Unter Punkt fünf der Tagesordnung, das ergaben die beschlagnahmten Notizblöcke der Bischöfe, sollte der heikle Umgang mit den Unterlagen über frühere Missbrauchsfälle behandelt werden. Untersuchungsrichter Wim De Troy ermittelt wegen unterlassener Hilfeleistung gegen die Kirchenväter, weil Kardinal und Bischöfe niemals Anzeige erstattet haben, obwohl ihnen kirchenintern zahlreiche Dossiers über priesterliche Gewalt gegen Kinder vorlagen.
Höchstpersönlich verurteilte der Papst die Aktion der belgischen Behörden. Von der Fleißaufgabe einer Freimaurerfraktion war bei den kirchentreuen lokalen Politikern die Rede. Worauf die Justiz mit einer sensationellen Enthüllung zurückschoss: Beim ehemaligen Erzbischof von Brüssel, Kardinal Godfried Danneels, seien gespenstische Justizakten des grausigen Mordfalls Dutroux gefunden worden, darunter Fotos der von Dutroux missbrauchten und ermordeten Mädchen. Der Kardinal wurde von neuem einvernommen. Wiederum neun Stunden, präzisiert ein Sprecher im Brüsseler Justizpalast. Vor dem Gesetz seien eben alle gleich.
Der spektakuläre Clash zwischen Justiz und Kirche in Belgien ist der vorläufige Höhepunkt der Welle von Skandalen um Kindesmissbrauch durch römisch-katholische Priester, die vor mehr als zehn Jahren in den USA ihren Ausgang genommen hat. Die amerikanische Justiz wollte es als Erste nicht mehr akzeptieren, dass Verbrechen an Kindern von der Kirche primär als interne Angelegenheit behandelt wurden, ohne die Standards des bürgerlichen Gesetzbuches.
Losgetreten wurde die Lawine vor einem Jahrzehnt, als Reporter des Boston Globe bewiesen, dass die Amtskirche Beschwerden über einen aggressiven Kinderquäler in den eigenen Reihen ignorierte und den Priester von einem Kinderheim ins nächste schickte. Dem verantwortlichen Bostoner Kardinal, Bernard Law, drohte ein Gerichtsverfahren. Worauf der Papst den prominenten Kirchenmann in den Vatikan versetzte. Der Kirchenstaat agiert als Fluchthelfer, heißt es seither bei Opferverbänden.
Richter können irren. Die konzertierten Polizeieinsätze in Belgien sind auch intern umstritten. Aber die Sonderstellung, die die katholische Kirche in den westlichen Gesellschaften ungeachtet aller Säkularisierung nach wie vor einnimmt, schwindet.
Nach vielen Protesten, internen Debatten und Entschädigungszahlungen in dreistelliger Millionenhöhe haben die US-Bischöfe vor Jahren verfügt, dass Vertreter des Klerus bei Verdacht auf Kindesmissbrauch zwingend der weltlichen Justiz zu übergeben sind. Die New York Times bezeichnet es als schockierend, dass Papst Benedikt XVI. diese Regel auch acht Jahre später noch immer nicht auf die Weltkirche ausgedehnt hat. Dabei bröckelt das Tabu über die Vorgänge hinter Kirchenmauern auch in klerikal geprägten Kulturen. Selbst in Chile und Brasilien kommen die ersten Fälle ans Tageslicht.
In einigen US-Bundesstaaten wird ernsthaft erörtert, ob nicht Benedikt XVI. persönlich für die Vertuschungen belangt werden kann. Die Anti-Gott-Aktivisten Christopher Hitchens und Richard Dawkins wollen gar einen Haftbefehl gegen den Papst bei seinem nächsten GroßbritannienBesuch erwirken. Die beiden übertreiben, wie immer. Der Nachfolger Petri in einem britischen Gefängnis, eine absurde Vorstellung. Zur Sicherheit verweist der britische Catholic Herald auf eine sehr weltliche Barriere: Als Oberhaupt des Kirchenstaates genießt Benedikt XVI. Immunität und ist vor hyperaktiven Richtern völkerrechtlich geschützt.

 

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