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Ins
Ungewisse, 14.11.2007
Höchstwahrscheinlich haben die charismatischen Gründer der französischen
Hilfsorganisation Arche de Zoe ihre abenteuerliche Aktion gut gemeint.
Als humanitäre "Arche Noah", das suggerierte schon der
Name, wollte man sich über alle bürokratischen Regeln hinwegsetzen,
um Kinder zu retten, die in Darfur vom Völkermord bedroht sind. Monatelang
bereiteten sich Familien in Frankreich darauf vor, ein Flüchtlingskind
aufzunehmen. Viele spendeten mehrere tausend Euro, um die Rettungsaktion
überhaupt möglich zu machen. Aber der Plan endete im Albtraum.
Die 103 Kinder, die mit einem gemieteten Flugzeug aus Dörfern im
Grenzgebiet in ein Aufenthaltslager der Provinzstadt Abeche gebracht wurden,
von der aus der Weiterflug nach Paris geplant war, waren offensichtlich
zum großen Teil keine Waisen. Die Organisatoren sind im Tschad inhaftiert.
Ihr Schicksal hat zu einem derart heftigen Streit zwischen den Behörden
des zentralafrikanischen Staates und der französischen Regierung
geführt, dass auch die von der Europäischen Union geplante Militäraktion
davon berührt ist. Die österreichischen Soldaten, die in den
nächsten Monaten als Teil des europäischen Kontingents nach
Afrika fliegen werden, müssen sich auf einen Einsatz voller Risiken
und politischer Unsicherheiten einstellen.
Noch beteuern die Experten in Brüssel, dass sich am Plan für
die bisher größte Militäroperation der Europäischen
Union nichts ändert. Aber zumindest die politischen Rahmenbedingungen
haben sich radikal verschoben. Die europäische Mission soll die Flüchtlingslager
im Grenzgebiet zu Darfur sichern. Darauf haben die Vereinten Nationen
und die Nachbarstaaten des Sudan seit langem gedrängt. Auch der Präsident
des Tschad, Idriss Deby, hat lautstark diese Mission gefordert. Wohl auch
mit dem Hintergedanken, dass die unsichere Grenzregion dann nicht mehr
so leicht als Aufmarschgebiet bewaffneter Oppositionsbewegungen dienen
kann. Über dem Segen der Regierung in N'Djamena für die EU-Truppe
liegt jetzt ein Fragezeichen. Präsident Idriss Deby, der sich seit
Jahren durch eine geschickte Balance zwischen Volksgruppen, Stammesführern
und ausländischen Einflüssen an der Macht hält, hat die
schwersten Beschuldigungen gegen die Aktivisten von Arche de Zoe erhoben:
Seiner Meinung nach handelt es sich schlicht um Menschenhändler.
Die zum Abflug nach Frankreich zusammengeführten Kinder hätten
an pädophile Banden weitergegeben werden sollen, behauptet der Präsident.
Vielleicht sei sogar ihre Ermordung geplant gewesen, um die Organe weltweit
zu verkaufen. Hinweise darauf, dass dieser schreckliche Verdacht begründet
sein könnte, gibt es bisher keine. Aber in den Dörfern und Städten
des Tschad wächst die Wut gegen europäische Organisationen jeder
Art. Die von Arche de Zoe zusammengeführten Kinder waren in langwierigen
Verhandlungen mit Dorfältesten und Familienangehörigen durch
das Versprechen auf bessere Schulen und eine bessere Erziehung gelockt
worden. Von einem Transport nach Europa war nie die Rede. Jetzt suchen
empörte Dorfbewohner im Kinderheim der Provinzstadt Abeche unter
den weinenden Kindern ihre Nichten und Neffen, Söhne und Töchter.
Zum automatischen Misstrauen gegen Abgesandte aus der einstigen Kolonialmacht
Frankreich kommt auch eine religiös-kulturelle Dimension: Die Dörfer
des Tschad sind streng islamisch. Die Vorstellung, dass Kinder unter Vorspiegelung
falscher Tatsachen in eine nichtislamische Kultur transferiert werden
sollen, schürt zusätzlich die Emotionen.
Nicholas Sarkozy, der durch immer neue außenpolitische Blitzaktionen
gerne die sozialen Proteste im eigenen Land in den Hintergrund drängt,
hat in N'Djamena inhaftierte Journalisten und Flugbegleiter persönlich
nach Frankreich gebracht. Jetzt verlangt er aber auch die Überstellung
der festgenommenen Arche-de-Zoe-Organisatoren. In der französischen
Öffentlichkeit eine populäre Forderung, schließlich will
sich niemand die Bedingungen im Gefängnis eines zentralafrikanischen
Landes so genau vorstellen. Aber der Justizminister des Tschad verweist
genüsslich darauf, dass doch auch in Europa afrikanische Straftäter
vor europäische Gerichte gestellt werden. Warum sollten da für
Franzosen in Afrika andere Maßstäbe gelten? Man muss sich einen
solchen Zwischenfall nur einmal unter umgekehrten Vorzeichen vorstellen:
Beim Versuch, hundert Kinder aus einem beliebigen europäischen Land
illegal außer Landes zu schmuggeln, wären ein Dutzend Ausländer
festgenommen worden. Der Ruf nach voller Härte des Gesetzes wäre
wohl unüberhörbar. Heute fordern dagegen Demonstranten in Paris
die baldige Heimkehr der verhafteten Franzosen. Ein Lehrbeispiel für
die postkolonialen Barrieren zwischen Europäern und Afrikanern.
Damit wird ab Anfang nächsten Jahres auch die europäische Eingreiftruppe
konfrontiert sein. Der koloniale Umgang der Helfer mit jenen, denen geholfen
werden soll, stellt gerade in Afrika eine permanente Versuchung dar. Das
gilt nicht nur für Extremfälle wie die Abenteurer der Arche
de Zoe, die möglicherweise nur im letzten Augenblick realisiert haben,
dass sie von der gigantischen Logistik im Grenzgebiet zu Darfur überfordert
waren und zumindest mit irgendwelchen hilfsbedürftigen Kindern nach
Frankreich heimkehren wollten. In weiten Teilen des Kontinents gelten
Mitarbeiter von Hilfsorganisationen, deren mächtige Jeeps durch die
Krisengebiete rollen, afrikanischen Nationalisten als Symbole eines neuen
Herrschaftsverhältnisses. Für die EU-Soldaten wird es kein Leichtes
sein, nicht sofort in diesen postkolonialen Teufelskreis hineinzuschlittern.
Als der Völkermord Anfang der Neunzigerjahre Ruanda verwüstete,
sahen die alten Kolonialmächte Belgien und Frankreich tatenlos zu.
In Darfur sind die Menschen vor allem Opfer von Bürgerkrieg und erbarmungsloser
Repression. Ob der Begriff "Völkermord" zutrifft, ist umstritten.
Wenn sich jetzt neben ein paar tausend überforderten Soldaten der
Afrikanischen Union auch Europäer um ein Minimum an Stabilität
für die Flüchtlinge bemühen, dann steckt auch Eigeninteresse
dahinter. Mit den Wanderbewegungen aus afrikanischen Krisenregionen ist
der alte Kontinent schließlich schon jetzt überfordert.
Mit den bequemen österreichischen Uno-Einsätzen früherer
Zeiten wie in Zypern oder am Golan wird der Tschad auf jeden Fall wenig
zu tun haben. Das Debakel rund um die Hilfsaktion von Arche de Zoe erinnert
die europäische Friedenstruppe daran, auf welche Risiken sie sich
einlässt. Die sind nicht nur militärischer, logistischer und
sprachlicher Natur. Die größte Gefahr droht vom Überlegenheitsgefühl,
das Europäer so gerne demonstrieren, wenn sie in Afrika aktiv werden.
Der darauf unvermeidlich folgende Kulturclash hat schon manche gutgemeinte
Initiative in den Morast geführt.
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