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Irakkrieg
und Dritter Weg, 7.8.2002
Gebannt wie das Kaninchen auf die
Schlange blickt Europa zur Zeit nach Washington DC. Noch vor den Kongresswahlen
im November sei der große Schlag gegen den Irak zu erwarten, so
lautet die düstere Prognose, denn nur so könne die Administration
eine vernichtende Niederlage an den Urnen vermeiden. Tatsächlich
vergeht keine Woche, in der die amerikanischen Zeitungen nicht über
neue abenteuerliche Angriffspläne aus den Planungsetagen des Pentagon
zu berichten wissen. Die zuletzt geleakte sogenannte "inside-out"-Option
verspricht gar das Wunder eines kommandoartigen Blitzkrieges, der schneller
beendet wäre als die Öffentlichkeit überhaupt schauen kann.
Tatsächlich haben Börsenkrach und Buchhaltungsskandale das Vertrauen
in die republikanische Variante des "Kapitalismus pur" erschüttert.
Ein Hintergrund, vor dem das Bild des erfolgreichen Kriegsherrn George
Bush verblasst. Man erinnert sich, dass selbst Bill Clinton just am Höhepunkt
des Lewinsky-Dramas eine Irakkrise aus dem Boden zu stampfen wusste, die
im Abzug der UNO-Waffeninspektoren und einem tagelangen Bombardement Bagdads
mit Cruise Missiles mündete. Dass Dick Cheney und Donald Rumsfeld
gewillt sind noch viel weiter zu gehen, wenn es ihnen innenpolitisch nützt,
davon scheinen die meisten europäischen Regierungen überzeugt
zu sein.
Ob diese Überzeugung zurecht besteht, ist fraglich: bei amerikanischen
Militäraktionen von den Dimensionen eines möglichen zweiten
Irak-Feldzuges, der weit über die Clinton'schen Bombenangriffe hinaus
ginge, wiegen geopolitische Motive schwerer als das innenpolitische Kalkül.
Aber allein schon die Annahme, Bush & Co.seien bereit, um ein paar
Kongressitzen willens den Nahen Osten in Brand zu stecken, beweist, wie
weit sich Europa und Amerika im vergangenen Jahr auseinander entwickelt
haben.
Robert Kagan, einer der scharfsinnigste konservativen Politikwissenschaftler
der USA, liefert in der jüngsten Ausgabe von "Policy Review"
unter dem bezeichnenden Titel "Power and Weakness" das ideologische
Unterfutter für den sich ausweitenden transatlantischen Bruch. "Die
Amerikaner kommen vom Mars, die Europäer von Venus," erläutert
Kagan die seiner Meinung nach völlig unterschiedliche Herangehensweise
von Europäern und Amerikanern in der internationalen Politik. Während
die USA als aufsteigende Kraft bereit sind, all ihre Machtmittel zur Lösung
von Problemen der Weltpolitik einzusetzen, setzen die machtlosen Europäer
auf schwächliche Gebilde wie das Völkerrecht und internationale
Gerichtsbarkeit. Die Wurzeln dieser Unterschiede wären in der Geschichte
des 20.Jahrhunderts begründet, sagt Kagan, der auch Kant und Hobbes
bemüht, die Gegensätze seien unüberbrückbar. Der europäische
Glaube, mit dem Risiko Saddam Hussein könne man leben, sei in Wirklichkeit
nichts anderes als Ausdruck der eigenen Unfähigkeit, mit der vom
Irak ausgehenden Bedrohung fertig zu werden.
Kagans Thesen haben unter den außenpolitischen Experten der USA
eine Diskussion von einer Heftigkeit ausgelöst, die an den Disput
um das von Francis Fukuyama mit dem Zusammenbruch des Kommunismus prophezeite
"Ende der Geschichte" erinnert. Aber jeden Tag bestätigt
der Blick in die Diskussionsseiten der amerikanischen Zeitungen, dass
Robert Kagan das seit dem 11.September vorherrschende politische Denken
ausdrückt. Für Europas Politiker bedeutet dieser wachsende Kluft,
dass es für Konservative um vieles schwieriger wird, sich von George
Bush in ähnlicher Weise inspirieren zu lassen, wie das Margret Thatcher
oder Helmut Kohl einst durch Ronald Regan möglich war. Und der sogenannte
"Dritte Weg" jener Sozialdemokraten, die wie Tony Blair und
Gerhard Schröder in der Imitation Bill Clintons ihre Grundlage gefunden
haben, der ist sowieso am Ende. Dementsprechend tun sich auch die Sozialdemokraten
in Großbritannien und Deutschland zur Zeit besonders schwer.
Während Gerhard Schröder fünf vor zwölf darauf gekommen
ist, dass er um das politische Überleben kämpfen muss, steht
Tony Blair der schwierigste Herbst seiner Karriere bevor. So viele Gewerkschaften
des öffentlichen Sektors überlegen Streiks, um endlich eine
Verbesserung für ihre seit Margret Thatchers Zeiten zu radikalen
Sparmaßnahmen verdammten Mitglieder zu erreichen, dass die britische
Presse bereits (ziemlich voreilig) an den "winter of discontent"
von 1977/78 erinnert, der zum Sturz der letzten Labour-Regierung vor der
Ära Thatcher geführt hat. Aber was Tony Blair dauerhafter trifft
als der sporadische gewerkschaftliche Widerstand, das ist das Image des
"Pudels" von George Bush. Kein Werbespruch des politischen Gegners
hat dem erfolgsgewohnten Premierminister so geschadet, wie der beissende
Spott der Presse für die Treue Blairs zum Großen Bruder in
Amerika, die eigentlich voll in der Tradition der "speziellen Beziehungen"
zwischen Großbritannien und den USA steht. Selbst an der insularen
britischen Öffentlichkeit scheint somit die wachsende Amerikaskepsis
der Europäer nicht vorbei gegangen zu sein. In der Wirtschaftspolitik
ist Tony Blair dabei, den für "New Labour" typischen drakonischen
Sparkurs zu verlassen: Schatzkanzler Gordon Brown hat ganz im Stil traditionell
keynesianischen Deficit Spendings eine drastische Erhöhung der Bildungsausgaben
angekündigt. Trotz einer sich abzeichnenden inneren Zerreißprobe
für seine Labour Party und offener Ablehnung eines wichtigen Teils
der Presse scheint Blair jedoch bisher bereit George Bush in der Irak-Politik
weiter zur Seite zu stehen, egal wohin dieser Kurs konkret auch führen
mag. Aber in Großbritannien ist es bis zu den nächsten Wahlen
noch weit. Gerhard Schröder dagegen bleibt nur mehr die Hoffnung
auf ein starkes Finish mit dem Rücken zur Wand, so wie dies auch
Bill Clinton immer gelungen ist. Dass ihm ein Irakkrieg noch vor dem Wahltermin
alle Konzepte über den Haufen wirft, wie das noch vor kurzem Viele
in Berlin gefürchtet haben, ist inzwischen unwahrscheinlich.
Proamerikanische Linke und marktbegeisterte Rechte in Europa müssen
sich auf jeden Fall in gleicher Weise daran gewöhnen, dass sie aus
dem offiziellen Washington in der nächsten Zeit keine inhaltlichen
Impulse erwarten dürfen. Die ist eher von jenen zunehmend offensiveren
Bush-Kritikern zu erwarten, die sowohl die auffällige Wirtschaftsnähe
im Inneren als auch den messianischen Unilateralismus nach außen
aufs Korn nehmen. Durchaus möglich, dass sie beim Irak-Feldzug, so
wie ihn sich die Hardliner um Bus vorstellen, noch einiges mitzureden
haben werden.
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