Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Irakkrise: da freut sich bin Laden, Falter, 12.7.2002

Der "Downing-Plan" war von bestechender Klarheit. Durch den gezielten Einsatz amerikanischer Hightech-Waffen sollten die Schaltstellen des irakischen Regimes getroffen werden. Einige hundert Special Commands könnten dann am Boden zerstören, was der Präzision der Cruise Missiles und Smart
Bombs entgangen war. Wie in Afghanistan die Nordallianz schließlich triumphierend in Kabul eingezogen war, würde auch einer Allianz von Kurden, Schiiten und dissidenten irakischen Offizieren mit amerikanischer Unterstützung die Befreiung Bagdads gelingen. Kurz, eine militärisch
beschränkte Operation von ein paar Wochen sollte es werden, mit nur begrenzten weltpolitischen Verwicklungen und einem sicherheitspolitischen
Jackpot, von dem jeder amerikanische Präsident nur träumen kann, nämlich dem Sturz Saddam Husseins und der Installierung einer proamerikanischen Regierung in der irakischen Hauptstadt.

Vor zwei Wochen musste Wayne A. Downing, der das verlockende Konzept entworfen hatte, das Weiße Haus verlassen. Der forsche General mit den guten Kontakten zu den Anti-Irak-Hardlinern in Washington scheiterte an Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice und den mächtigen "Joint Chiefs of Staff", dem Generalstab der amerikanischen Streitkräfte. Die "Joint Chiefs" halten sich an die Philosophie ihres früheren Chefs und heutigen Gegenübers im State Department, Colin Powell. Nur bei überragender militärischer
Übermacht dürfen sich die Vereinigten Staaten auf eine militärische Konfrontation einlassen, so der Kernsatz der früheren "Powell-Doktrin". Nur
so sei die Zahl der eigenen Opfer so klein zu halten, dass in der amerikanischen Öffentlichkeit keine Kriegsmüdigkeit aufkommt. Also sieht der
militärische Aufmarschplan gegen den Irak laut New York Times den Einsatz von 200.000 Soldaten vor, ausgehend von Stützpunkten in acht Nachbarstaaten und einer ganzen Armada von Luft- und Seestreitkräften. Sollte es je dazu
kommen, würden die Vorbereitungen dazu Monate dauern und Milliarden kosten. Der Afghanistan-Krieg wird mit seinen beschränkten militärischen Dimensionen offensichtlich ein singuläres Ereignis bleiben.

Und das, obwohl viele irakische Oppositionelle davon überzeugt sind, dass Parallelen in einem Bereich absolut zutreffen könnten. Der Jubel in den
Straßen der irakischen Städte wäre nach einem Sieg über Saddam Hussein mit
jenem von Kabul nach der Vertreibung der Taliban durchaus vergleichbar, glauben sie. Tatsächlich haben 1991 Kurden im Norden und Schiiten im Süden die militärische Niederlage der irakischen Truppen zu spontanen Aufstandsbewegungen genützt, die gezeigt haben, wie schwach die soziale Basis des irakischen Regimes ist.

Menschenrechtsorganisationen berichten von einem selbst für Diktaturen
außergewöhnlichen Ausmaß an Repression, willkürlichen Hinrichtungen und dem
Verschwinden politischer Gefangener. Das unglückliche Sanktionsregime der
Vereinten Nationen hat nichts getan, um die totalitäre Kontrolle des Regimes
über die Bevölkerung zu schwächen. Jetzt allerdings verunsichern die
Kriegspläne in Washington die irakische Führung, gleichzeitig geben sie
jenen Bevölkerungsschichten Hoffnung, die sich nach einem Ende des nun schon
Jahrzehnte dauernden Albtraums der Saddam-Hussein-Diktatur sehnen, glaubt
die Opposition.

Möglich, dass für die militärischen Planer die nach dem Debakel von 1991
wiederhergestellten Streitkräfte des einst hoch entwickelten Irak den großen
Unterschied zu dem von dezentralisierten Taliban-Milizen terrorisierten
früheren Afghanistan ausmachen. Entscheidend sind jedoch die völlig anderen
geopolitischen Rahmenbedingungen. Zwar kann man auf der Homepage der
Patriotischen Union Kurdistans auch heute noch von den schrecklichen
gesundheitlichen Langzeitfolgen des Giftgaseinsatzes von Halabja lesen, der
Angriff selbst liegt aber 14 Jahre zurück.

Der Irak-Beauftragte der Internationalen Atomenergiebehörde, Jacques
Baute, zeichnet in der Wiener UNO-City zwar detailliert die
Täuschungsmanöver der irakischen Behörden zur Vertuschung ihres
Atomprogramms in den Achtziger- und Neunzigerjahren nach, Beweise für die
aktuelle Herstellung von Massenvernichtungswaffen hat er jedoch keine.
Selbst CIA und FBI konnten keinen Zusammenhang zwischen den Angriffen des
11. September und dem Irak herstellen. Dementsprechend gering wäre auch die
internationale Akzeptanz einer neuerlichen US-Militäraktion am Golf, obwohl
direkte Freundschaftsbezeugungen für den irakischen Präsidenten
international Jean-Marie Le Pen, Jörg Haider und Wladimir Schirinowski
vorbehalten bleiben.

Ein Afghanistan-Feldzug wäre heute vor allem ein gefährlicher Ersatz für
die fehlende zukunftsorientierte Nahostpolitik der USA. Je lauter die
US-Behörden vor neuen Terroranschlägen warnen, desto stärker reduziert
George Bush den "Krieg gegen den Terrorismus" auf seine rein militärische
Dimension. Konnte man in der Folge des 11. September noch hoffen, George
Bush junior würde sich an George Bush senior ein Beispiel nehmen, der
Israelis und Araber an den Verhandlungstisch in Madrid zwang, so träumen
heute die tonangebenden Hardliner in Washington davon, gemeinsam mit Ariel
Sharon gegen Saddam Hussein zu ziehen.

Das Weiße Haus hat die von Ariel Sharon betriebene verhängnisvolle Reduktion
des historisch gewachsenen israelisch-palästinensischen Konflikts auf ein
Problem des palästinensischen Terrorismus weitgehend übernommen. Von den
großen Plänen eines wirtschaftlichen und demokratiepolitischen
Entwicklungsschubs für die islamische Welt, der dem Fundamentalismus den
Boden entziehen sollte, ist nichts geblieben. Stattdessen sind die
Vereinigten Staaten dabei, ihre Verteidigungsdoktrin in Richtung präventiver
Angriffe gegen so genannte Terrorstaaten zu ändern. Erster Kandidat wäre der
Irak. Eine Berücksichtigung der möglichen explosiven Folgen für eine
zutiefst destabilisierte Region ist nicht vorgesehen. Über das unvermeidlich
folgende Chaos wird sich Osama bin Laden freuen dürfen. Die
Kriegsvorbereitungen gegen Saddam Hussein werden damit auch zur
Ersatzhandlung für ein fehlendes politisches Konzept, um der Herausforderung
des Terrorismus à la al-Quaida zu begegnen. Europa täte gut daran, auf
skeptischer Distanz zu einem solchen Feldzug zu bleiben, in dem zwar viel
militärisches Know-how, aber schrecklich wenig politische Ideen stecken.

 

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