| |
|
Iran,
Irak und die EU, Falter, 14.5.2003
Die Argumentationsline
klingt bekannt: der Schurkenstaat sei drauf und dran gefährliche
Massenvernichtungswaffen zu entwickeln. Internationale Verträge sind
verletzt. Die Weltgemeinschaft sei verpflichtet zu handeln, die Vereinten
Nationen sind gefordert. Für den Fall, dass diese ihren Aufgaben
nicht nachkommen, halten die Vereinigten Staaten sich auch andere Optionen
offen. Die Vordenker des Pentagon erwägen die Möglichkeit eines
Regimewechsels und zur Sicherheit hilft man der radikalen Opposition im
Exil sich zu organisieren und zu bewaffnen.
Die Rede ist nicht von Saddam Hussein und dem inzwischen beseitigten irakischen
Regime, sondern von der nächsten Etappe im imperialen Feldzug der
neokonservativen Revolutionäre in Washington DC. Das Ziel ist der
Iran und die Zeichen sind untrüglich. Noch ist die versprochene demokratische
Zukunft für den Irak in weiter Ferne, da werden in den Think Tanks
der amerikanischen Hauptstadt bereits die Weichen für eine neue Runde
gestellt. Der Anlass scheint günstig: Selbst die Atomenergiebehörde
in Wien gibt sich über die Fortschritte des iranischen Atomprogramms
besorgt. In den Kellern des Nuklearzentrums von Natanz im Zentraliran
sollen mehr als hundert Zentrifugen, die zur Anreicherung von waffenfähigem
Uran geeignet sind, vor der Fertigstellung sein. Die iranische Führung,
so heißt es in Washington, will so rasch wie möglich Atomwaffen
entwickeln, um dem Schicksal Saddam Husseins zu entgehen.
Nicht Syrien, dem im ersten Überschwang nach dem Einmarsch in Bagdad
die ersten Drohgebärden aus Washington galten, steht zur Zeit im
Mittelpunkt der außenpolitischen Diskussion in den USA, sondern
der brüchige Mullahstaat der Erben des Ayatollah Chomeini. Das Pentagon
hat bereits eine Vorleistung auf mögliche kriegerische Schlußfolgerungen
gebracht: mit den vom Irak aus operierenden und einst mit Saddam Hussein
verbündeten Volksmodjahedin, deren Trainingslager noch vor wenigen
Wochen von der US-Air Force bombardiert wurden, hat das Special Command
unvermutet ein Waffenstillstandsabkommen geschlossen. Für Donald
Rumsfeld gibt es ganz offensichtlich auch gute Terroristen. Dass die Volksmodjahedin
neben der halben iranischen Regierung in den Achtzigerjahren auch amerikanische
Diplomaten in den Luft gesprengt haben, ist plötzlich Nebensache.
Auch eine politische Leitfigur für den "Regime change"
in Teheran haben die amerikanischen "Neocons" bereits gefunden:
Reza Pahlevi, der im US-Bundesstaat Virginia lebende Sohn des letzten
Schah könnte nach Vorstellung des konservativen American Enterprise
Institutes den Iran mittelfristig wieder in die amerikanische Einflussphäre
führen.
Die Regierenden in Teheran reagieren hochnervös. Mit gutem Grund.
Denn sowohl in Afghanistan als auch im Irak, den Nachbarländern im
Osten und Westen, steht jetzt amerikanisches Militär. Und der stockende
Demokratisierungsprozeß hat die eigene Bevölkerung derart frustriert,
dass immer mehr junge Iraner in Richtung Amerika schielen und sich wünschen,
die US-Marines sollten doch möglichst bald über den Schatt El
Arab kommen und auch das Mullahregime in Teheran hinwegfegen. Die überraschte
"Le Monde"-Korrespondentin Afsane Basir Pour hat derartige Ausbrüche
nach dem Sturz Saddam Husseins in Teheran gleich mehrmals zu Ohr bekommen.
Grund zur Nervosität gibt es ob solcher Pläne auch für
die Europäer. Denn seit Jahren verfolgt die EU eine Politik des Dialogs
mit der iranischen Führung. Vom britischen Außenminister bis
zum österreichischen Bundeskanzler sind EU-Politiker in Teheran gern
gesehene Gäste. Europäische Firmen füllen das durch die
amerikanischen Sanktionen gelassene Vakuum. Dass die Bush-Administration
auch im Fall einer Konfrontation mit der Islamischen Republik alles daran
setzen wird, auf dem alten Kontinent Verbündete zu suchen, kann als
sicher angesehen werden. Wie gut die Karten der Amerikaner dabei sind,
erlebt die EU auch in der irakischen Nachkriegszeit: ungeachtet aller
europäischen Beteuerungen von der zentralen Rolle der UNO sind sowohl
Großbritannien als auch Polen bereit an der "Koalition der
Willigen" zur Besetzung des Iraks nach amerikanischen Vorgaben und
ohne UNO-Mandat teilzunehmen. Eine Irankrise in ein, zwei Jahren würde
diese Spaltung noch um vieles gefährlicher machen.
Angesichts des ungebremsten Gestaltungswillens der amerikanischen Führung
in Richtung einer allein auf die USA bezogenen imperialen Weltordnung
hat die EU nur mehr ein beschränktes "window of opportunities",
um zu einem eigenständigen Faktor in der Weltpolitik zu werden. Ob
diese Chance wahrgenommen wird oder nicht, ist die eigentliche Frage,
um die es bei der von Giscard D'Estaing ausgelösten Diskussion um
eine ständige Europäische Präsidentschaft geht. Mit Unterstützung
der großen EU-Mitgliedsstaaten Frankreich, Deutschland und Großbritannien
will der Vorsitzende des EU-Reformkonvents die alle sechs Monate rotierende
eher protokollarische Präsidentschaft durch einen bis zu fünf
Jahre amtierenden EU-Präsidenten mit echtem politischen Gewicht ersetzen.
Die kleinen EU-Staaten, die wie Österreich gemeinsam mit der EU-Kommission
um Romano Prodi gegen dieses Projekt Sturm laufen, übersehen die
weltpolitische Relevanz einer solchen Entscheidung. Längst geht es
nicht mehr um die Frage, ob sich in der EU die durch die EU-Kommission
und das EU-Parlament vertretene gemeinschaftliche Methode oder die zwischenstaatliche
Methode der Regierungschefs durchsetzt.
Geklärt werden muss, ob die EU auch nach der Erweiterung ein politisches
Projekt mit internationalen Ambitionen bleibt oder ob sie auf das Niveau
eines regionalen gemeinsamen Marktes zurückfällt. Ein politisches
Projekt kann die EU nur bleiben, wenn es eine Führung mit ausreichender
Autorität gibt, um das Verhältnis der Union ebenso wie der einzelnen
Mitgliedsstaaten zum neuen Kurs der USA zu prägen. Angesichts der
gewaltigen weltpolitischen Verschiebungen hat nur eine vom Willen der
wichtigsten europäischen Großmächte getragene Institution
die Chance eine solche Funktion wahrzunehmen. Scheitert der Vorschlag
Giscards, dann wird auch die EU-Politik sehr rasch von Koalitionen geprägt
sein, die ihre Wurzel in den Vorgaben der neokonservativen amerikanischen
Strategen haben und nicht in einer Abklärung unterschiedlicher europäischer
Interessen.
Im State Department denkt man laut darüber nach, ob die USA nicht
offen auf den Zerfall der EU hinarbeiten sollen: "disaggregating
Europe" heißt bei einflußreichen Konservativen die Devise.
Die Überzeugung, dass ein selbstbewußter Partner auch im langfristigen
Interesse Amerikas liegen kann und ein geeintes Europa keineswegs automatisch
antiamerikanisch sein muß, gilt bei den Bush-Leuten als Erbe der
naiven Clinton-Jahre. Sowohl die Nachkriegspolitik im Irak als auch die
sich ankündigende politische Offensive gegen den Iran ist auch als
Spaltkeil für die EU angelegt. Viel Zeit zur Identitätsfindung
geben die triumphierenden Hardliner in Washington den Europäern nicht.
nach oben,
Fenster schließen
|