Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Irish Stress für die EU, 11.6.2008

Vor dem entscheidenden Referendum über den EU-Reformvertrag ist Irland zum Spiegelbild sowohl der engen Grenzen als auch der glänzenden Erfolge der Europäischen Union geworden. Kein Land hat in den letzten 30 Jahren eine derart rasante Aufwärtsentwicklung erlebt wie das einstige Armenhaus Europas. Als zweitreichste Nation der EU rangiert Irland heute gleich hinter dem Finanzparadies Luxemburg. Während der Rest des Kontinents erst seine niedergehende Schwerindustrie mit hohen Kosten sanieren musste, sprangen die Iren von einer unterentwickelten Agrargesellschaft mit Analphabetismus und Hunger direkt ins IT-Zeitalter. Heute prägen Softwarefirmen aus aller Welt das Wirtschaftsleben der Insel. Der in Brüssel lebende Ökonom Viktor Sukup spricht vom "Vorteil des Nachzüglers", den Irland dank des gezielten Einsatzes der damals noch großzügigen EU-Fördergelder zum Ausbau der Infrastruktur und des Bildungswesens ausnützen konnte. Der Bevölkerung ist dieser Zusammenhang bewusst: in allen Eurobarometer-Umfragen zählen die Iren zu den europafreundlichsten Bürgern der Union. 74 Prozent befürworten die Mitgliedschaft in der EU, 86 Prozent sind der Meinung, dass Irland von der EU profitiert.
Zum Vergleich: In Österreich, der Heimat der Europamuffel, befürworten nur 38 Prozent die Union, nur 42 Prozent glauben an Vorteile, 43 Prozent eher an Nachteile für ihr Land. Trotz dieses starken irischen Zugehörigkeitsgefühls zur EU zittert ganz Europa dem kommenden Freitag entgegen, an dem in Dublin die Ergebnisse des Referendums bekanntgegeben werden. Düstere Umfragen im Vorfeld lassen ein "No" als durchaus möglich erscheinen. Die gesamte Planung für den Übergang zu einer "EU neu", mit einem stärkeren Parlament und besseren Entscheidungsabläufen, würde aus der Bahn geworfen. Das dritte Mal, nach dem zurzeit noch gültigen Vertrag von Nizza und dann der EU-Verfassung, wäre der Versuch eines für 27 Mitgliedsstaaten und 500 Millionen Bürger adäquaten politischen Gerüstes für Europa gescheitert.
Ob der EU ein solcher Schock erspart bleibt oder nicht, hängt von der Wahlbeteiligung in Irland ab. Gehen am 12. Juni mehr als 35 Prozent zu den Urnen, dann kann sich die EU-freundliche Grundstimmung gegenüber der starken Mobilisierung der Gegner vielleicht doch noch durchsetzen. Aber für die meisten Bürger ist die EU längst eine banale Selbstverständlichkeit. Die 346 Seiten des Reformvertrags, für den Laien genauso so schwer verständlich wie alle anderen internationalen Abkommen auch, beinhaltet für die Bürger keinen nachvollziehbaren Fortschritt, der attraktiv genug wäre, die Wähler an die Urnen zu bringen.
Nun werden die Befürworter des No von Gleichgesinnten in ganz Europa unterstützt. Einen Vorteil hat diese Debatte. Jetzt kann nicht mehr demagogisch allein die Forderung nach Volksabstimmung ins Zentrum gestellt werden. Ganz bewusst streben in Irland linke und rechte EU-Gegner ein Scheitern des Reformvertrags mit dem unvermeidlich darauffolgenden politischen Chaos an. Rechtsnationalisten erhoffen sich die Rückkehr zum Primat der Nationalstaaten. Linke Kritiker hängen der Illusion nach, ein neuerliches Scheitern könnte die EU sozialer machen. Dass reiche Unternehmerlobbys wie Libertas, die in Irland gegen den Reformvertrag Stimmung machen, die niedrigen Unternehmersteuern gegen eine europaweite Steuerharmonisierung verteidigen wollen, beweist das Gegenteil.
Die Europäische Union ist das sinnvollste Projekt, das die europäischen Eliten in den letzten 100 Jahren zusammengebracht haben. Aber es bleibt ein Elitenprojekt. Bürger, die sich benachteiligt fühlen und den Herrschenden einen Denkzettel verpassen wollen, werden in EU-Abstimmungen immer gegen Brüssel votieren. Egal, ob ihr Anliegen etwas mit den geplanten neuen Regeln zu tun hat oder nicht. In Irland engagieren sich rechte Katholiken für das Nein, weil sie vom Reformvertrag die Legalisierung der Abtreibung befürchten. Die linke Sozialistische Partei malt die Privatisierung des Gesundheitssystems an die Wand. Der Bauernverband übte sich in blanker Erpressung: eine positive Wahlempfehlung gab es erst, als Premier Cowen ein Veto gegen einen ungünstigen Deal bei den Agrarverhandlungen in der Welthandelsorganisation versprach.
Wenn die Anhänger des No am 12. Juni glauben, sie verteidigten die Selbstbestimmung des kleinen Irlands gegen das große Europa, dann sitzen sie einem doppelten Trugschluss auf. Ihre Souveränität haben sie längst an die Weltkonzerne abgetreten. Die aus Amerika kommende Schuldenkrise lässt auch in Dublin die Immobilienpreise purzeln. Höchstens eine funktionierende EU hätte die Möglichkeit, Schutzmechanismen gegen die global wirkenden Marktkräfte einzuführen.
Möglicherweise mobilisieren die Alarmrufe Tage vor dem Abstimmungstermin schließlich doch genügend EU-Befürworter, um ein Debakel zu verhindern. Geht dieses Referendum schief, dann ist eine Verschiebung des Reformvertrags und ein neuerlicher Versuch in Irland im kommenden Jahr eine der Möglichkeiten. Dazu müsste allerdings der Ratifizierungsprozess in den anderen Mitgliedsstaaten fortgesetzt werden. Pessimisten in Brüssel fürchten im Fall einer Ablehnung durch Irland jedoch auch Probleme in Großbritannien, Polen und Tschechien, wo die letzten Hürden noch nicht genommen sind. Ein solcher Schneeballeffekt würde das gesamte Projekt der europäischen Integration infrage stellen. Optimisten, die auf die heilsame Wirkung des Schocks setzen, sollte Irland tatsächlich mit Nein stimmen, gibt es dagegen immer weniger. Um zu einem politischen Europa zu kommen, in dem sich die Bürger engagieren, ist der vom Reformvertrag vorgezeichnete reformistische Weg sicherer: ein gestärktes Europaparlament, ein gewählter EU-Präsident und Mehrheitsentscheidungen ohne Vetorecht.

 

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