Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Irlands Fall, 17.11.2010

Irland hat keine Statistik geschönt und keine EU-Gelder veruntreut. Die Regierung in Dublin hatte keinen Anlass den europäischen Partnern das Blaue vom Himmel vorzulügen. Mit niedrigen Steuern und flexiblen Arbeitskräften galt der "keltische Tiger" als Erfolgsgeschichte par excellence. Noch vor kurzem war die Staatsverschuldung mustergültig niedrig. Ganz eindeutig keine griechischen Verhältnisse.
Trotzdem steht das erfolgreiche Irland jetzt ebenfalls am Rande des finanziellen Absturzes. Sagenhafte 32 Prozent der Wirtschaftsleistung beträgt das Budgetdefizit. Immer unbezahlbarer wird die Schuldenlast. Der Hilferuf nach Brüssel zum Euro-Stabilisierungsfonds scheint nur mehr eine Frage der Zeit.
Irland ist der dramatische Beweis, dass ganz im Gegensatz zur vorherrschenden Doktrin nicht nur fehlende budgetäre Tugend schuld ist, wenn ein Euroland in den Bankrott schlittert.
Tatsächlich hatte sich die grüne Insel in atemberaubendem Tempo vom Armenhaus des Kontinents zu dem nach Luxemburg reichsten Staat der EU entwickelt. Steuerdumping, offene Grenzen für internationale Konzerne und flexible, englischsprachige Arbeitskräfte waren das Geheimnis. Eine Erfolgsgeschichte, die jahrelang als Bestätigung für die Vorteile ultraliberaler Wirtschaftspolitik galt. Doch der Krach von 2008 brachte die Blase zum Platzen. Die Krise vertrieb ausländische Investoren. Die Immobilienpreise fuhren in den Keller und rissen den riesigen Finanzsektor in die Tiefe. Inzwischen sind so gut wie alle Banken in der Hand des Staates, der an dem erdrückenden Ballast schwer zu tragen hat.
Die Vorstellung, dass niedrige Steuern und möglichst wenig Staat ein Rezept zum dauerhaften Erfolg sind, hat sich als grausame Illusion erwiesen. In der EU durfte über die Risiken des irischen Modells nicht offen diskutiert werden. Steuerpolitik ist nationale Kompetenz. Zaghafte Versuche der Europäischen Kommission in Richtung Steuerharmonisierung stießen auf die eiserne Blockade der Mitgliedsstaaten. Der Preis könnten demnächst 60, 70 oder 80 Milliarden Kredithilfen für Dublin sein, ganz zu schweigen von den sozialen Opfern der Bevölkerung.
Die Europäer scheinen immer noch nicht begriffen zu haben, wie groß die Gefahr einer ökonomischen Auseinanderentwicklung der Union inzwischen geworden ist. In nahezu grotesker Weise dreht sich die Debatte um die Lehren aus der Krise fast ausschließlich um eine Verschärfung des Stabilitätspaktes. Sanktionen, Drohungen und finanzielle Folterinstrumente sollen Europa in Zukunft zusammenhalten. Dass weder das irische Desaster noch die sich ebenfalls verschärfende Krise Spaniens durch strengere Budgetkontrollen hätten verhindert werden können, weil beide Länder lange keine Defizitprobleme hatten, scheint die Finanzpolitiker nicht zu stören.
Beim letzten EU-Gipfel verlangte Angela Merkel ultimativ, dass in Zukunft bei der Zahlungsunfähigkeit von Eurostaaten auch private Anleger zur Kasse gebeten werden. Klingt super und bringt in Deutschland innenpolitische Punkte: wer Budgetsündern Geld borgt, zahlt im Krisenfall drauf. Aus der Perspektive der finanziell Schwachen ist der Plan jedoch ein Desaster. Zu den hohen Zinsen für Staaten, die sich gerade sanieren wollen, kommen zusätzliche Risikoprämien, die den Teufelskreis von Verschuldung, schrumpfender Wirtschaft und neuerlicher Verschuldung weiter anheizen.
Vergeblich warnte Zentralbankchef-Chef Jean Claude Trichet vor einer Spaltung Europas, wenn die Überschussstaaten des Nordens den Blick auf das Ganze verlieren. 48 Stunden später war auf den Finanzmärkten die Hölle los: für Irland, Portugal, Spanien und sogar Italien schnellten die Kreditkosten so gefährlich in die Höhe, dass die EU-Größen beim G 20-Gipfel in Seoul feierlich versichern mussten, allfällige neue Regeln werden frühestens ab 2013 gelten.
Ohne Deutschland ist eine Stabilisierung der Währungsunion natürlich undenkbar. Aber schon bei der Rettung Griechenlands hat Angela Merkel wochenlang gezögert. Jetzt trägt sie neuerlich zur Verunsicherung bei. Der Grund: Berlin ist zwar bereit die Währungsunion zu verteidigen, weil der Euro im deutschen Interesse ist. Gleichzeitig fürchtet man aber wie die Pest eine sogenannte Transferunion, in der wohlhabendere Mitglieder die Ärmeren unterstützen, so wie das durch den Finanzausgleich zwischen den Regionen auf nationalstaatlicher Ebene gängige Praxis ist.
Wenn sich die Europäer in den bevorstehenden internationalen Wirtschaftskriegen nicht auseinander dividieren lassen wollen, wird sich eine solche Transferunion auf Dauer allerdings nicht vermeiden lassen. Genauso wenig wie harmonisierte Steuern, soziale Mindeststandards und eine ernsthafte europäische Wirtschaftspolitik, gegen die sich die nationalen Regierungen noch immer mit Händen und Füßen wehren.

 

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