Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Israelis und Palästinenser brauchen die Hilfe von außen, 11.2.2009


Was haben Israel all die militärischen Erfolge gebracht, die Vorstöße der Panzer, eroberte Hügel hier, gewonnenes Territorium dort? "Alle diese Dinge sind wertlos." Sicherheit wird nur durch Frieden mit den Nachbarn, einem Rückzug aus den Palästinensergebieten und der Teilung Jerusalems kommen. So argumentierte im September 2008 nicht ein linker Peacenik, sondern der israelische Ministerpräsident Ehud Olmert in einem aufsehenerregenden Interview mit Yediot Aharonot. Der scheidende Regierungschef schien am Ende seiner Karriere die Dogmen seines politischen Lebens infrage zu stellen. Aber es war nur ein Ausreißer. Getrieben von schlechten Umfragewerten im Wahlkampf wählte die Regierung im Gazakrieg jene ausschließlich militärische Logik, die der Premierminister zuvor zerpflückt hatte.
Immerhin musste sich Olmert in seiner friedensbewegten Phase nicht mit dem Vorwurf des "jüdischen Selbsthasses" auseinandersetzen, der kritischen Geistern im Nahostkonflikt oft entgegenschallt. Auch dem sonst so differenzierten Ari Rath war im Falter-Interview nur dieser traurige Reflex als Argument gegen den Wiener Nahostexperten John Bunzl eingefallen, der den offiziellen israelischen Diskurs vom Gazakrieg als reiner Selbstverteidigung infrage stellt. "Jüdischen Selbsthass" zu unterstellen, also die Kritik an israelischer Politik als Widerspiegelung des Antisemitismus zu diffamieren, tötet die nötige inhaltliche Auseinandersetzung ab. Auch Tony Judt, der amerikanisch-britische Historiker, ist ähnlich billiger Polemik ausgesetzt, weil er die provokante Frage stellt, ob das aus dem Nationalismus des 19. Jahrhunderts herrührende, traditionelle zionistische Selbstverständnis Israels als ethnisch-religiös definierter jüdischer Staat noch zeitgemäß sei. Judt und Bunzl plädieren für ein Konzept multinationaler Staatsvölker in den modernen Demokratien. Ein gemeinsamer binationaler Staat für Israelis und Palästinenser, der auch Gaza, die Westbank und Jerusalem umfasst, und nicht zwei Ethnostaaten nebeneinander, ist Judts kühne Vision.
Wie sehr jüdische Kritiker wie Tony Judt oder John Bunzl im Einzelnen Recht haben oder nicht, ist nicht entscheidend. Aber sie tun etwas, was nicht durch Verunglimpfung tabuisiert werden sollte. Sie messen das offizielle Israel an universalistischen Kriterien und hinterfragen die Vereinbarkeit von Demokratie und Menschenrechten mit dem seit 1967 laufenden Kolonisierungsprozess.
Nicht von vereinzelten Intellektuellen, sondern aus der Führungsetage der Vereinten Nationen kamen nach dem Gazakrieg die Fragen nach dem Umgang der israelischen Armee mit dem Kriegsrecht. Der Einsatz der schwersten Kriegswaffen, darunter weißer Phosphor, im dichtbesiedelten Gebiet, half zwar die Verluste unter den israelischen Soldaten zu minimieren. Die sonst so widerspenstige israelische Öffentlichkeit stand bis zuletzt hinter der Aktion. Den Preis zahlte aber die Zivilbevölkerung Gazas. Der Feldzug wurde zur schweren außenpolitischen Belastung für Jerusalem. Das Argument, wonach jeder Staat reagieren muss, der aus der Nachbarschaft beschossen wird, wie Israel durch die Raketen der Hamas, ist inzwischen durch die Bilder der Zerstörung im größten Freiluftgefängnis der Welt verdrängt.
Den wachsenden Unsicherheiten im internationalen Umfeld steht ein scharfer Rechtsruck in der israelischen Innenpolitik gegenüber. Der schlug sich in den martialischen Wahlkampftönen der Regierungsparteien und guten Umfragewerten für die rechte bis rechtsextreme Opposition nieder. Benjamin Netanjahu, der rechte Likud-Führer, als nächster Regierungschef, das wäre wohl der vorprogrammierte Krach mit den unter Barack Obama nach neuen Wegen suchenden USA. Unter Obamas Vorvorvorgänger George Bush sen. hatte Netanjahu als israelischer Uno-Botschafter Hausverbot im State Department. Der damalige US-Außenminister James Baker lag mit Jerusalem im Clinch, weil Washington Kredite zurückhielt, um den Siedlungsbau zu stoppen. Schafft es dagegen Außenministerin und Kadima-Chefin Zipi Livni, in der neuen Knesseth eine Regierungskoalition zu schmieden, wäre die Bereitschaft zur Wiederbelebung des Friedensprozesses größer.
Der Anstoß wird von außen kommen müssen. Wie sagte doch Olmert in seinem Peacenik-Interview? Irgendwer muss den Wahn durchbrechen, dass Sicherheit von militärischer Gewalt kommt. Allein werden die schwächelnden Friedenskräfte beider Völker diesen Schritt nicht schaffen.


 

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