Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

Fenster schließen
 
  "Falter" - Artikel
   

Ja, derfen's denn des? 10.5.2006


Ja, derfen s' denn des? So ungefähr lässt sich auf gut Österreichisch die fassungslose Reaktion von Regierungen und multilateralen Unternehmen weltweit auf die Nationalisierung der bolivianischen Erdgas-und Erdölproduktion beschreiben. Ungeachtet aller Zwänge der Globalisierung und entgegen den angeblich so unverrückbaren Privatisierungsvorschriften der internationalen Finanzwelt hat eines der ärmsten Länder Lateinamerikas einen Schritt gesetzt, der so gar nicht zum triumphierenden Kapitalismus unserer Zeit passt. Evo Morales, der Indiopräsident aus der bolivianischen Coca-Bauerngewerkschaft, löst damit das wichtigste Wahlversprechen ein, das ihm im vergangenen Dezember zum Sieg verhalf: "Von nun an wird der Ausplünderung des Landes durch ausländische Firmen ein Ende gesetzt", versprach er symbolträchtig von einem durch bolivianische Soldaten besetzten Ölfeld am 1. Mai. Gleichzeitig nützt er die Schwäche der USA, die im Irak festsitzen und keine Kraft für Lateinamerika haben, sowie die anspannte Lage auf den Rohstoffmärkten. Wenn mit der Angst vor einer Verknappung die Preise für Erdöl und Erdgas steigen, schafft das auch für die schwächsten Produzenten ein günstiges Kräfteverhältnis. Das spektakuläre Nationalisierungsdekret wurde von Kuba und Venezuela enthusiastisch begrüßt. Die Vermutung liegt nahe, dass Hugo Chávez und Fidel Castro am Vorgang in La Paz nicht ganz unbeteiligt waren. Venezuelas linksnationalistischer Präsident Hugo Chávez träumt von einer neuen kontinentalen Energiepolitik, in der sein Land als wichtigster Ölproduzent der Hemisphäre den Ton angeben würde. Fidel Castro liefert Ärzte, Sicherheitsberater und politisches Know-how. Der Großteil des bolivianischen Erdgases geht nach Brasilien und Argentinien. Dort gab es zuerst verdatterte Gesichter, als die martialischen Bilder von den bolivianischen Soldaten in den Raffinerien über die Fernsehschirme flimmerten. Aber nach einem Krisengipfel der Präsidenten Kirchner (Argentinien), Lula (Brasilien), Morales (Bolivien) und Chávez (Venezuela) scheint man sich mit den neuen Realitäten abzufinden. In ganz Lateinamerika wurden in den letzten Jahren die staatlichen Abgaben für ausländische Energiekonzerne erhöht. Die Forderung nach Souveränität über die eigenen Ressourcen stößt überall auf große Resonanz. Da kann ein auf seine sozialistischen Wurzeln stolzer Politiker wie Luis Inacio Lula da Silva nicht auf antibolivianischen Konfrontationskurs gehen, wie das konservative brasilianische Medien verlangen. Obwohl der brasilianische Energieriese Petrobras vom bolivianischen Vorstoß am stärksten betroffen ist. Gleichzeitig gilt: Nationalisierung ist nicht gleich Expropriation. Die bolivianische Regierung beteuert, sie will die ausländischen Investoren nicht vertreiben, sondern neue Geschäftsgrundlagen aushandeln. Nach den geplanten 180 Tagen Verhandlungen könnte eine Erhöhung der lächerlich niedrigen Gewinnsteuern samt einer staatlichen Beteiligung in der Höhe von fünfzig plus ein Prozent im Energiebereich das Ergebnis sein.
Die erste Nationalisierung seit Jahrzehnten in Lateinamerika beendet die Epoche, in der Privatisierungen als das oberste Dogma effizienter Wirtschaftspolitik gegolten haben. Bolivien gehörte in den Achtzigerjahren zu den Staaten, in denen dieser vom Internationalen Währungsfonds vorgegebene Kurs am radikalsten verfolgt wurde. Die verstaatlichte Bergbauindustrie wurde aufgelöst, die Fluglinie, die Bahnen, die Elektrizitätswerke und die Wasserwirtschaft wurden verkauft. Von "Kapitalisierung" sprach damals euphemistisch der konservative Präsident Gonzalo Sanchez de Lozada, einer der reichsten Männer des Landes, dessen nordamerikanischer Akzent als Atout galt. Das in der Bevölkerung unpopuläre Wort "Privatisierung" wollte man vermeiden. Nicht, dass die damaligen Staatsbetriebe Muster an Effizienz oder Menschenfreundlichkeit gewesen wären. Wer je erlebt hat, mit welcher Ignoranz und Verachtung die Unterschichten und ganz besonders Indios von den alten staatlichen Eisenbahnen oder Post-und Telefongesellschaften in Lateinamerika behandelt wurden, wird diesen Zeiten keine Träne nachweinen. Nur: Die Privatisierungspolitik hat der großen Mehrheit nichts gebracht. Für die mageren, aber sicheren staatlichen Einkommen gab es keinen Ersatz. Viele entlassene Bergarbeiter der aufgelassenen Zinnminen versuchten ihr Glück als Coca-Bauern im Dschungelgebiet des Chapare. In Bolivien lebt die Hälfte der Bevölkerung von weniger als zwei Euro am Tag. Klar: Die alte staatliche Mineralölgesellschaft Boliviens YPFB war korrupt und ineffizient. Aber nach der Öffnung für ausländische Investoren, durch die Brasiliens Petrobras, Frankreichs Total, British Gas und Spaniens Repsol ins Land geholt wurden, verfügen die Bolivianer nicht einmal mehr über genügend Know-how, um selbst die Förderung in die Hand zu nehmen.
Die am stärksten ablehnenden Reaktionen auf den bolivianischen Schritt kamen aus Europa. Von der EU-Kommission in Brüssel bis zum Ratsvorsitzenden Bartenstein in Wien wird "gewarnt", "aufmerksam verfolgt" und "besorgt" beobachtet. Nicht ein Wort des Verständnisses, dass da die ärmste Nation Südamerikas nach zwanzig Jahren gescheiterten Neoliberalismus einen neuen Weg versucht. Ganz scheint es, als würden sich die europäischen Politiker nur für die Interessen europäischer Firmen interessieren, die von den günstigen Bedingungen in Lateinamerika profitieren. Einigermaßen paternalistisch klingt der wiederholt geäußerte Hinweis, ein armes Land wie Bolivien könne es sich doch gar nicht leisten, auf die ausländischen Investitionen zu verzichten.
Gab es da nicht einmal die Idee, vom sozialstaatlichen Europa aus ein anderes Modell der Beziehungen zur Dritten Welt zu entwickeln, wie es die Ideologen des reinen Marktes verlangen? Natürlich stimmt es, dass ein fluchtartiger Rückzug ausländischer Firmen für die Regierung in La Paz ein Desaster wäre. Die europäischen Investoren sollten daher flexibel und kompromissbereit bleiben. Wie wäre es, wenn von einem EU-Lateinamerika-Gipfel auch Mahnungen an die europäische Geschäftswelt kämen, sich nicht gegen Bemühungen für mehr soziale Gerechtigkeit zu stellen? Die lateinamerikanischen Linksregierungen versuchen etwas, das aus dem politischen Vokabular Europas längst gestrichen wurde: Umverteilung nach unten, als Reaktion auf viele Jahre der gegenteiligen Entwicklung. Über die damit einhergehende nationalistische Phraseologie samt Kritiklosigkeit gegenüber der Diktatur Fidel Castros mag manch ein abgeklärter Europäer die Nase rümpfen. Es wäre trotzdem eine Schande, wenn sich Europa als Gegner der gegenwärtigen lateinamerikanischen Emanzipationsbestrebungen präsentieren sollte.

 

nach oben, Fenster schließen

 
  site by Adrian Rossmann