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Jahre
des Umbruchs, Falter, 7.12.2004
Kriege,
die so eindeutig mit dem totalen Zusammenbruch der einen und dem militaerischen
Erfolg der anderen Seite enden, wie der Irakkrieg, schaffen normalerweise
klare regionale Machtverhaeltnisse und geben Aufschluss ueber internationale
Trends. Der triumphale Einzug der amerikanischen Truppen in Bagdad im
vergangenen April und acht Monate spaeter die Gefangennahme von Saddam
Hussein lassen dagegen mehr Fragen offen, als er klärt.
Die USA haben mit diesem Waffengang zwar bewiesen, dass sie willens und
fähig sind auch im Alleingang ein ungeliebtes Regime auf der anderen
Seite des Erdballs zu stürzen. Von der versprochenen Neuordnung des
Nahen Ostens ist nur die vage Hoffnung auf ein Minimum an Flexibilität
der Regierung Sharon im Umgang mit den Palästinensern geblieben.
In den Grundideen vom allumfassenden Kampf gegen den Terrorismus sind
sich George W.Bush und Ariel Sharon einig. Mehr als zaghafte Signale der
Unzufriedenheit in Richtung Jerusalem werden aus Washington in einem Wahljahr
nicht zu vernehmen sein. Und wie wenig dieser Krieg im Kampf gegen Al
Kaida und vergleichbare Gruppen gebracht hat, das belegen die blutigen
Anschläge von Indonesien bis in der Türkei. Die Glaubwürdigkeit
der Präventivkriegsdoktrin, in deren Namen die Regierung Bush diesen
Krieg geführt hat, ist schwer angeschlagen, seit auch die amerikanischen
Waffenexperten zugeben müssen, dass es die behauptetet Bedrohung
durch irakische Massenvernichtungswaffen nie gegeben hat.
Verlassen werden die USA den Irak in absehbarer Zeit trotzdem nicht mehr,
auch wenn die Regierung Bush das direkte Besatzungsregime so rasch wie
möglich beenden möchte. Auch eine zukünftige irakische
Regierung wird sich wohl mit der Präsenz von US-Truppen abfinden
müssen, so wie das auch in Deutschland und Korea seit Jahrzehnten
der Fall ist. Amerika ist damit nach dem Irakkrieg mehr Imperium als zuvor.
Aber es ist eine imperiale Rolle, die im Augenblick mehr Belastungen mit
sich bringt als Vorteile. Man wird an Paul Kennedy und seine Warnungen
vor einer "Überdehnung" der militärischen und ökomischen
Ressourcen einer imperialen Macht erinnert.
Die Chance, dass am Ende des Tages zumindest die Iraker zu den Gewinnern
des Krieges gehoeren, wird von Tag zu Tag geringer. Der von auslaendischen
Truppen erwirkte Sturz des Tyrannen hätte zur Befreiung werden können,
wenn er einen echten nationalen Neuanfang zur Folge gehabt haette. Aber
das in der Irakpolitik federfuehrende Pentagon fiel sehr rasch
auf die traditionelle Funktion des militaerischen Besatzers zurueck. Inklusive
eines immer brutaler werdenden Antiguerillakrieges. Dass sich die USA
von israelischen Spezialisten beraten lassen, deren Taktik in Gaza und
der Westbank dazu beigetragen hat hunderttausende Palästinenser in
die Arme von Hamas und Dschihad zu führen, zeigt die Sackgasse, in
die die bisherige Vorgangsweise geführt hat.
Die Festnahme Saddam Husseins bringt die vielleicht letzte Chance zu einer
Wende: befreit vom Gespenst eines Comebacks des Diktators könnte
unter dem Schutzschirm amerikanischer Waffen eine neue irakische Führung
um den Kurdenführer Talabani und den schiitischen Ayatollah Sistani
entstehen. Den wichtigsten gemeinsamen Programmpunkt gibt es bereits:
allgemeine Wahlen, aus denen noch vor dem Sommer eine souveräne irakische
Regierung hervorgehen soll. Die Regierung Bush ist dagegen. Washington
bevorzugt einen Wahlmodus über Notable und Delegierte, der eine Regierung
mit um vieles geringerer Legitimität hervorbrächte, auch im
Fall von Meinungsverschiedenheiten mit der Schutzmacht USA. Solche koennte
es sehr bald geben: etwa wenn es ums Öl geht und um die von der Regierung
Bush gewünschte anhaltende US-Militärpräsenz. Mittelfristig
stehen die USA vor einem unauflösbaren Dilemma: entweder man will
auf Dauer die Kontrolle über den Irak behalten, dann ist ein Guerillakrieg
wahrscheinlich. Oder man meint die Versprechungen von Demokratie und Souveränität
ernst: dann wird die gewünschte amerikanische Kontrolle im Zweistromland
nicht zu halten sein.
Ähnlich zwiespältig wie für die amerikanischen Sieger sieht
die Bilanz für die jene aus, die sich Anfang des Jahres mit unerwarteter
Konsequenz gegen den Angriff auf den Irak gestellt haben. Als Dominique
de Villepin im Sicherheitsrat in New York mit seine Vision einer multilateralen
Welt mit der UNO als für alle verbindlichem Rahmen dem unlateralistischen
amerikanischen Drängen zum Krieg entgegentrat, da schien das der
Beginn echter europäischer Weltdiplomatie. Die Paris-Berlin-Moskau
gab der geschliffenen Rhetorik des Franzosen zusätzliches Gewicht.
Millionen waren am 15.Februar in der größten Antikriegsdemonstration
aller Zeiten weltweit auf die Strasse gegangen. Aber auch das nachträgliche
Gefühl, recht gehabt zu haben, weil das Konstrukt von den drohenden
irakischen Massenvernichtungswaffen in sich zusammengebrochen ist und
weil die Bedrohung durch islamisch-fundamentalistische Terrorgruppen steigt,
bringt den einstigen Gegnern des Krieges wenig Vorteile. Der Irakkrieg
mag der EU gezeigt haben, wie dringend nötig es wäre auch gegenüber
den USA mit einer gemeinsamen Stimme zu sprechen, er hat gleichzeitig
bewiesen, dass dies in der nächsten Zukunft nicht möglich ist.
Jacques Chirac und Gerhard Schröder konnten die im Feuer der internationalen
Auseinandersetzung gefestigte Beziehung als Motor der europäischen
Integration auch innerhalb der EU fortsetzen. Aber im tagespolitischen
Kleinkrieg in Brüssel nützt Deutschen und Franzosen die Überzeugung
wenig, dass sie vor einem Jahr recht gehabt haben gegen Bush und Blair:
nie zuvor hat sich das französisch-deutsche Tandem so schwer getan
in der EU, wie jetzt. Die Welt bräuchte eine EU, die über die
NATO mit Amerika freundschaftlich verbunden, trotzdem als selbständiger
Partner und manchmal vielleicht sogar als Korrektiv für die imperiale
Supermacht agieren kann. Wohin die Reise tatsächlich geht, lässt
sich aber nach dem vorläufigen Scheitern des EU-Verfassungsprojekts
nicht wirklich sagen.
Die weltpolitische Umbruchsituation zu Beginn des neuen Jahrhunderts dauert
somit an. Ob Amerika bereit ist von den imperialen Allmachtphantasien,
die nach dem 11.September laut wurden, abzugehen? Die Kriegspsychose hat
zweifelsohne abgenommen in Washington, der Kampf gegen den Terrorismus
überschattet nicht mehr alle anderen Diskussionen. In der bevorstehenden
Wahlauseinandersetzung wird trotzdem die Stellung Amerikas in der Welt
das entscheidende Thema sein. Nachdem sich die Wirtschaft höchstwahrscheinlich
weiter auf erholen wird, wird der hohe Preis, den Amerika im Irak und
anderswo für die Alleingänge der Regierung Bush zu zahlen hat,
der große Kritikpunkt der Demokraten sein.
Die Tendenz zum starken Staat im Inneren und verstärktem nationalstaatlichen
Egoismus nach außen hat nach dem 11.September ausgehend von den
USA die Welt erobert. Multilateriale Projekte und multikulturelle Ideen
tun sich schwer, das ist in Europa ebenso zu spüren wie auf internationaler
Ebene.
Die amerikanischen Präsidentschaftswahlen 2004 werden damit mehr
denn je zu einer Richtungsentscheidung nicht nur für die USA. Denn
egal ob die USA historisch gesehen als imperiale Macht im Aufstieg oder
im Abstieg sind: weltweite Impulse zur Verfestigung oder zur Umkehr politischer
Trends kommen nach wie vor aus Amerika.
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