Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

Fenster schließen
 
  "Falter" - Artikel
   

Jeder schaut auf sich selbst, 4.2.2009


Wochenlange Straßenschlachten mit Toten und Verletzten. Gewerkschaftsaktivisten, mit Steinen und Rauchbomben bewaffnet, im Angriff auf Parlamentsgebäude. Ein Präsident, dem ein Generalstreik als Vorbote unkontrollierbarer sozialer Eruptionen Angst und Schrecken einjagt. Das ist kein Rückblick auf turbulente Jahrzehnte in Lateinamerika sondern europäische Wirklichkeit zum Jahresbeginn 2009. In Sofia, Vilnius, Riga und Reykjavik setzte die Polizei Tränengas, Gummigeschoße und Schlagstöcke gegen Demonstranten ein. In Frankreich blickt Nicolas Sarkozy ängstlich auf die sich ansammelnde Wut seines Volkes. Noch lange nicht gelegt hat sich der Studentenaufstand in Griechenland. Mit Bankenkrach und Wirtschaftseinbruch kommt der Klassenkampf in Rohform wieder nach Europa.
Am dramatischsten droht die Situation in den neuen EU-Staaten zu werden, dort, wo die Demokratie noch jung ist und das soziale Netz fehlt. Ganze Bevölkerungsgruppen sind dabei, die Hoffnung auf ein besseres, normales Leben zu verlieren. Aber kann man sich Spaniens Zukunft viel besser vorstellen, mit einer für Ende 2009 erwarteten Arbeitslosigkeit von 18 Prozent? Welchen Spielraum hat die Regierung in Irland, wo das Budgetdefizit in den nächsten Jahren auf über zehn Prozent des Bruttonationalprodukts hinaufschnellen wird?
Noch im Herbst schien das europäische Antikrisenfeuerwerk durchaus beeindruckend. Der Euro verhinderte eine kontinentale Währungskrise. Kapitalspritzen und Teilverstaatlichungen retteten, zumindest vorläufig, die Banken. Aber über eine Koordination ihrer Wirtschaftspolitik kamen die Regierungen nie hinaus. Jeder EU-Staat bastelt verbissen an seinen Notprogrammen. Gegen die Idee, dass es im Interesse aller sein könnte, besonders betroffenen Volkswirtschaften gemeinsam zu helfen, wehren sich die wirtschaftlich Starken.
Noch dramatischer sieht George Soros die Lage. Bleibt 2010 der Aufschwung aus, hält der US-Finanzguru einen Zerfall des Euroraums für möglich. Es gibt keine EU-Wirtschaftspolitik, die einer ökonomischen Auseinanderentwicklung entgegenwirken könnte. Das wollten die Gründungsväter des Euro so. Alle Vorstöße in Richtung einer europäischen Wirtschaftsregierung wurden bisher von knausrigen Nettozahlern wie Deutschland und Österreich abgeschmettert.
Lebenswichtige Kriseninterventionen der EU hat es trotzdem gegeben. Daher ist die Zustimmung zur Union gestiegen. Ungarn und Lettland wurden vor einem Meltdown ihrer Währungen bewahrt, weitere Finanzspritzen sind in Vorbereitung. Die europäischen Institutionen treten dabei gemeinsam mit dem Internationale Währungsfonds auf. Die Milliardenhilfen beginnen erst dann zu fließen, wenn klar ist, wie die Empfänger ihren Staatshaushalt in Ordnung bringen werden und wann sie ihre neuen Schulden zurückzahlen wollen. Bis zu einem gewissen Grad muss man Banken wahrscheinlich so führen, aber Europa wird mit kalter Finanzlogik allein nicht zusammenzuhalten sein.
Der Beobachter der Financial Times beim Weltwirtschaftsforum in Davos registrierte überrascht, dass der europäische Sozialstaat bei den Vertretern des Finanzkapitalismus wieder "in" ist. Ein soziales Netz hilft, den konjunkturellen Abschwung abzufedern. Daher weitet auch Barack Obama die staatliche Gesundheitsvorsorge für Arme auf Arbeitslose aus. Vor 75 Jahren, am Höhepunkt der Depression, begann Franklin D. Roosevelt den Aufbau des kontinentalen Sozialversicherungssystems der Social Security. Eine noch heute wirkende soziale Klammer zwischen wirtschaftlich starken und schwachen Landesteilen, armen und reichen Bevölkerungsschichten war geschaffen.
Solche grenzüberschreitenden Klammern fehlen in Europa, und das kann lebensgefährlich werden. Bereits jetzt demonstrieren Arbeiter in Großbritannien vor Raffinerien gegen die Freizügigkeit der Arbeitskräfte aus anderen EU-Staaten. Wann kommen die ersten populistisch gesteuerten Anti-EU-Demonstrationen in Osteuropa nach dem Beispiel früherer Hungerrevolten in Lateinamerika gegen den Internationalen Währungsfonds?
Europäische Sozialprogramme, die diesen Namen verdienen und von denen die Bürger auch etwas spüren, könnten für den erhofften Konjunkturaufschwung zu Schlüsselfragen werden. Für die öffentliche Akzeptanz der europäischen Integration wären sie es schon längst. Ein nationalistisches "Jeder schaut auf sich selbst" wird die Krise dagegen nur hässlicher machen, verlängern und vertiefen.

 

nach oben, Fenster schließen

 
  site by Adrian Rossmann