Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Junge Demonstranten und der Kampf zwischen Nachbarn, 23.4.2009

Natalia Morar, eine 25-jährige Studentin aus Chisinau, erzählte dem britischen Guardian, wie spontan die jüngste Revolution im verlassensten Winkel Europas begann. Anfang April traf sie sich mit sechs Freunden aus der proeuropäischen, städtischen Jugend Moldaus, um den Wahlsieg der regierenden Kommunisten zu beklagen. Über SMS, Twitter und Onlinedienste rief man Bekannte und Freunde zum Protest vor dem Parlamentsgebäude auf. Nicht ein paar hundert folgten dem Ruf, sondern 20.000 Demonstranten. Viele trugen die rumänische Trikolore und blaue Europafahnen. Die "Twitter"-Revolution war von kurzer Dauer. Feuer brach aus, Büroräume wurden zerstört. Nicht nur im Westen gibt es bei Demos einen zerstörungswütigen schwarzen Block. Was folgt, ist eine Repressionswelle gegen die oppositionelle Jugend und ein gefährlicher Kampf um Einflusssphären zwischen Moskau und Brüssel am östlichen Rand der EU.
Moldau war einst eine Sowjetrepublik. Ein Teil des Ministaats hat sich mit russischer Unterstützung abgetrennt und zur selbstständigen Republik Transnistrien erklärt. Moldau ist das ärmste Land Europas. Aus Sicht der Moldauer Jugend, die mehrheitlich rumänisch spricht, ist Rumänien Europa. Ein rumänischer Pass verschafft Reisefreiheit und demnächst auch Arbeitsfreiheit in der EU. Die tristen Folgen des Status quo sind dagegen in Transnistrien zu sehen, mit seinen vergilbten Lenin-Statuen und den Putin-Plakaten.
Russland führt die Unruhen auf großrumänische Agitatoren zurück. Zwischen den Nachbarn Rumänien und Moldau, die die gleiche Sprache teilen, herrscht Eiszeit. Nach der orangen Revolution in der Ukraine und der Rosenrevolution in Georgien machen Proteste und Repression Chisinau, das die meisten Europäer erst mühsam auf der Landkarte suchen müssen, zu einem neuen Brennpunkt russisch-europäischer Rivalität.
Paradoxerweise hat Moldaus langjähriger Präsident Vladimir Voronin in den vergangenen Jahren einen Mittelweg zwischen Moskau und der EU versucht. Während die Präsidenten Georgiens und der Ukraine den Nato-Beitritt ihrer Staaten betrieben, versprach Moldau militärische Neutralität. Aber mangels einer akkordierten Sicherheitsstruktur in Europa blieb die erhoffte Stabilisierung aus.
Russland unterhält weiter den von mafiösen Rüstungsbossen beherrschten Marionettenstaat Transnistrien. Rumäniens machtbewusster Präsident Traian Basescu gießt mit dem Vorschlag, einer Million Bürgern von Moldau die rumänische Staatsbürgerschaft zu geben, Öl ins Feuer.
Das schockt nicht nur die EU, die schon jetzt mit der Reisefreiheit der Rumänen Schwierigkeiten hat, sondern wird vom Nachbarn Moldau als Angriff auf die staatliche Souveränität gesehen. Im EU-Parlament in Brüssel wiederum klagen rumänische NGOs über einen Rückfall in totalitäre Zeiten in Moldau, mit willkürlichen Verhaftungen und Todesfällen im Gefängnis. Europa soll Partei ergreifen, lautet die Forderung, und sich wie bei der orangen Revolution in der Ukraine vor vier Jahren hinter eine demokratische Volksbewegung stellen.
Der Begriff "europäische Nachbarschaftspolitik" gegenüber dem Osten, ein Steckenpferd von EU-Außenkommissarin Ferrero-Waldner, hat in Brüssel bisher unterdrücktes Gähnen ausgelöst. Gemeint sind Initiativen gegenüber jenen unruhigen sechs ehemaligen Sowjetrepubliken, Ukraine, Belarus, Moldau, Armenien, Aserbeidschan und Georgien, die Moskau gerne zu seinem Einflussgebiet zählt.
Jetzt könnte daraus eine Toppriorität werden. Denn die Wirtschaftskrise trifft die Menschen in den ärmeren Staaten des europäischen Ostens mit besonderer Härte. Die Sozialsysteme sind schwach. Soziale Eruptionen, politische Krisen und der Streit um Einflusssphären könnten sich gegenseitig aufschaukeln. Auch die Moldau-Krise ist eine Folge des wirtschaftlichen Abschwungs, kombiniert mit der aufgestauten Wut über unbewegliche Apparatschiks an der Spitze.
Die Europäer müssten beides: Krisenfeuerwehr spielen und sich mit Moskau auf einen strategischen Rahmen für den Raum zwischen EU und der russischen Grenze einigen. Aber der Anfang Mai geplante Ost-Nachbarschaftsgipfel der EU droht ein Opfer der maroden tschechischen Ratspräsidentschaft zu werden. Hätte die EU jetzt schon den im Reformvertrag vorgesehenen starken Außenminister und einen ständigen Präsidenten, könnten diese europäische Initiativen gegen die Zerfallstendenzen im Osten setzen. Verständlich, dass die jugendlichen Demonstranten in Moldau darauf nicht warten wollten.


 

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