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Karthum,
4.8.1999
Die Firma Akin, Gump, Strauss, Hauer & Feld ist ein Schwergewicht
unter den zahlreichen Anwaltskanzleien in Washington DC. Dass die unweit
des Dupont Circle angesiedelten Nobelanwaelte einen angeblichen Terroristen
vertreten, passt so ganz und gar nicht ins Firmenbild. Aber fuer die Kleinigkeit
von 3 Millionen Dollar lehren die betuchten Herren inzwischen State Department,
CIA und Pentagon das Fuerchten: Salah Idris, der millionenschwere sudanesisch-saudische
Eigentuemer der im August 1998 von 13 Cruise Missiles im Herzen von Khartum
in Schutt und Asche gelegten "El Shifa"- Chemiefabrik, konnte
mit ihrer Hilfe immerhin einen Teilerfolg erringen. Sein wegen Terrorismusverdachts
von der US-Regierung blockiertes 24-Millionen-Dollarvermoegen ist inzwischen
wieder freigegeben worden. "Ohne Erklaerung und ohne Entschuldigung
durch Uncle Sam", wundert sich die "Washington Post".
Aber zum ersten Mal werden jetzt die Details der Vergeltungsschlaege nach
den moerderischen Bombenattentaten gegen die US-Botschaften in Nairobi
und Dar es Salam vom vergangenen Sommer auch in der grossen amerikanischen
Presse diskutiert. Und die stellt mit Verwunderung fest, dass kaum eine
Angabe richtig war, die damals vom Praesidenten abwaerts von den verschiedensten
amerikanischen Regierungssprechern gemacht wurde: weder die behauptete
Giftgasproduktion fuer islamische Fanatiker, noch die angebliche militaerische
Bewachung der Fabrik oder gar ein Besitzverhaeltnis zu dem ominoesen Terroristenchef
Osama bin Laden lies sich nachweisen.
Im Gegenteil: der tatsaechliche Eigentuemer, Salah Idris, hatte in einem
Londoner Hotel via CNN vom Bombenangriff auf seine Firma erfahren und,
stets stolz auf seinen guten Draht zur saudischen Koenigsfamilie, zuerst
ganz naiv gemeint, durch einen Telefonanruf im Pentagon das ganze Missverstaendnis
aufklaeren zu koennen. Als daraufhin auch seine Bankkonten gesperrt wurden,
griff er tief in die Tasche und engagierte die Staranwaelte von Akin&Gump
. Die haben inzwischen minutioes Produktion, Geraetepark und Know How
der Pharmafabrik "El Shifa" aufgearbeitet, um zu belegen, dass
dort ausser Medikamenten und Duengemittel fuer den Sudan nie etwas anderes
hergestellt wurde. Als der CIA sich auf Spuren der Chemikalie EMPTA, einer
Vorstufe zur Herstellung von Nervengas, in Bodenproben am Fabriksgelaende
berief, liessen die Anwaelte fuer viel Geld den Chefchemiker der Universitaet
von Boston zusaetzliche Bodenproben untersuchen: nicht die geringste Spur
von EMPTA oder gar von Nervengas waren zu finden.
Die Rechercheergebnisse ueberzeugten Akin & Gump von Sinn und Chancen
einer Klage gegen die US-Regierung. Und sie veranlassten die "Washington
Post", den Fall neu aufzurollen. Von der einstigen Rechtfertigung
der chirurgisch praezisen Luftschlaege gegen die Hauptstadt eines souveraenen
Staates als "Akt der Selbstverteidigung im Kampf gegen den Terrorismus"
ist auf jeden Fall nicht mehr viel uebrig. Was seither diskutiert wird,
ist die Frage, ob es sich dabei um einen Geheimdienstfehler wie bei der
folgenschweren Bombardierung der chinesischen Botschaft in Belgrad gehandelt
hat, oder ob man der sudanesischen Regierung Know How und Treffsicherheit
der amerikanischen Wunderwaffen demonstrieren wollte.
Christopher Hitchens, der linke Starjournalist im Kreuzzug gegen Bill
Clinton, vertritt in seiner unter dem Titel "No one left to lie to"
erschienenen juengsten Phillipika gegen den Praesidenten dagegen die "Wag
the Dog"-Theorie, nach dem skurrilen Film, in dem ein sexbesessener
Praesident aus PR-Gruenden ein fremdes Land angreifen laesst: nicht weniger
als drei Mal habe Clinton im Verlauf des Jahres 1998 an entscheidenden
Wendepunkten der Lewinsky-Affaire Cruise Missiles gegen ferne Staaten
eingesetzt. Zuletzt bei den politisch sinnlosen dreitaegigen Bombenangriffen
gegen den Irak im Dezember 1998, die dem angeblich so lebenswichtigen
UNO-Inspektionsprogramm ein Ende bereitet haben. Die Bomben auf "El
Shifa" fielen mit einem spektakulaeren "Grand Jury"-Gerichtstermin
Monica Lewsinskys zusammen.
Tatsaechlich ist die Monica-Tangente der amerikanischen Aussenpolitik
des vergangenen Jahres nur ein farbiger Nebenaspekt eines umfassenderen
Tatbestandes: derart unangefochten steht die imperiale Macht der USA als
alleinige Supermacht da, dass sie sich immer weniger an internationale
Regeln gebunden fuehlen muss. Als die beiden schrecklichen Autobomben
vor den US-Botschaften in Afrika im vergangenen August hunderte Menschen
zerrissen, da war klar, dass eine spektakulaere Reaktion Amerikas unvermeidlich
wuerde. Dementsprechend hat es dann auch kein einziger Staat Europas gewagt,
an der Rechtmaessigkeit der Bombardierung von Khartum zu zweifeln. Was
Voelkerrecht ist, was geahndet wird und wo die "Staatengemeinschaft"
eingreift oder nicht, das wird - mit oder ohne Zippergate - immer oefter
in Washington entschieden.
Zahlreiche amerikanische Aussenpolitikexperten warnen, dass das Land durch
einen uebertrieben imperialen Kurs wichtige Freunde veraergern und neue
Feinde schaffen koennte. Nachdem weltweit kein den USA auch nur annaehernd
ebenbuerdiges Machtzentrum in Sicht ist, wird eine Ruecknahme des grassierenden
Unilaterialismus allerdings nur das Ergebnis eines inneramerikanischen
Meinungsbildungsprozesses sein koennen. Beruhigend fuer den Rest der Welt:
in der Regel sind die grossen Boesewichte der amerikanischen Politik auch
tatsaechlich Tyrannen, Kriegstreiber und Terroristen, deren Zurueckdraengung
man sich nur wuenschen kann. Dass dies auch auf multilateralem Weg moeglich
ist, hat zuletzt, trotz einer noch keineswegs eindeutigen Schlussbilanz,
der Kosovokrieg gezeigt.
Im Fall Khartum mussten allerdings selbst die erfolgsgewohnten Anwaelte
von Akin, Gump, Strauss, Hauer & Feld feststellen, wie beschraenkt
ihre Moeglichkeiten sind : an eine 30 Millionen-Dollar-Schadensersatzklage
gegen Pentagon und CIA fuer die "El Shifa"-Fabrik, haben sie
sich bisher noch nicht herangewagt. Vor Gericht wuerde sich die Regierung
naemlich auf geheime und unueberpruefbare Geheimdienstinformationen berufen,
heisst es in der Kanzlei. Und dagegen tun sich vor amerikanischen Gerichten
selbst die angesehensten Sachverstaendigen der Welt schwer.
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