Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Kerrys Comeback, 6.10.2004


Es ist nicht zu leugnen: Vor der ersten Fernsehdebatte zwischen George Bush und John Kerry war die Moral bei den Demokraten ziemlich schlecht. Jede Woche brachte eine neue miese Umfrage. Gegen den von den Republikanern auf ihrem Parteitag kreierten Mythos eines ursächlichen Zusammenhanges zwischen den Angriffen des 11. September und so ziemlich allen Krisen unserer Zeit, seien sie außenpolitisch oder ökonomisch, schien kein Kraut gewachsen. Nörgler und Zweifler füllten die Gesellschaftsseiten der liberalen Blätter. Michael Moore, der linke Polemiker und Filmemacher, sah sich sogar zu einer Massen-E-Mail mit dem Grundtenor veranlasst, hört auf zu jammern, wir können Bush noch immer besiegen, trotz eines müden Kandidaten wie John Kerry.
Der stellte sich in der Livekonfrontation mit George Bush als gar nicht so schwach heraus, und mit erstaunlichem Tempo drehen sich jetzt die Umfragewerte. Der als unschlagbar geltende Präsident findet sich nach einem wochenlangen Höhenflug plötzlich wieder in der Defensive. John Kerry kann zwar weder mit dem Charisma eines Bill Clinton noch mit dem volkstümlichen Mutterwitz eines George Bush aufwarten, aber er ist kein "Loser", kein "Verlierertyp" - das schlimmste Schimpfwort der amerikanischen Volkskultur. Kerry kämpft, und kämpfenden Underdogs, selbst wenn sie sichtlich aus der Oberschicht kommen, geben die Amerikaner oft eine zweite Chance.
Dank des großen Amtsvorteils eines Oberbefehlshabers in Krisenzeiten bleibt George Bush vorläufig trotzdem noch der Favorit. Aber seit vergangener Woche sind die Demokraten wieder im Rennen. Der republikanische Gegenangriff in den bevorstehenden Wochen kommt gewiss, es wäre kein Wunder, wenn die ominösen "Swift Boat Veterans for Truth" aus der Dunkelwelt der Vietnamveteranen mit einer neuen Runde dubioser Verleumdungen aufwarten würden. Schon auf die nächste Fernsehkonfrontation diese Woche wird sich der Präsident viel besser vorbereiten. Aber die messerscharfen Attacken Kerrys gegen Bushs Weltbild haben zumindest sichergestellt, dass es bei der großen Auseinandersetzung um die Grundorientierung Amerikas, zu der dieser Wahlkampf geworden ist, glaubwürdige Alternativen mit durchaus realen Erfolgsaussichten gibt.
Kerrys vorläufiges Comeback hängt nicht nur mit der Zähigkeit seiner Person und dem Know-how der neuen, aus dem Clinton-Team kommenden Berater zusammen. Er kann sich auch über eine anhaltende stille Revolte im Staatsapparat freuen, die Experten jeder Art auf der Grundlage des Commonsense gegen die als abenteuerlich und extremistisch empfundene Bush-Administration mobilisiert. David Kay, der Waffeninspektor, dessen vernichtendes Urteil über das Phantom der irakischen Massenvernichtungswaffen die Regierung Anfang des Jahres in eine tiefe Glaubwürdigkeitskrise gestürzt hat, machte den Anfang. Es folgte Richard Clarke, der Antiterrorchef, dessen Aussagen über die himmelschreiende Nachlässigkeit der Regierung Bush gegenüber der terroristischen Bedrohung vor dem 11. September bis heute nachwirken. Sogar der CIA hat einen prominenten Dissidenten, der seit Monaten die Antiterrorpolitik der Regierung als konterproduktiv geißelt. Als "Anonymus" hat der inzwischen als Mike Scheuer identifizierte ehemalige Leiter der für Osama bin Laden zuständigen Geheimdienstabteilung einen Anti-Bush-Bestseller mit dem bezeichnenden Titel "Imperial Hybris" verfasst. Mit Genehmigung des CIA trat er wiederholt vor die Presse, die Rückseite des streitbaren Agenten war sogar im Fernsehen zu bewundern. Solange jemand keine Staatsgeheimnisse ausplaudere, gelte auch im Geheimdienst das Recht auf freie Meinungsäußerung, lautete in Langley die blauäugige Erklärung für die kaum verhüllten Angriffe auf die Regierung.
Es scheint ganz, als hätten sich die Demokraten allzu lange auf diese Zeichen einer Abkehr relevanter Teile der traditionellen Eliten von George Bush verlassen und daher gemeint, sie könnten die Kritik am Präsidenten getrost anderen überlassen. Umso überraschter waren sie dann über den starken Auftritt Bushs auf dem republikanischen Wahlparteitag in New York und den Widerhall der verleumderischen Attacken rechter Vietnamveteranen gegen Kerry in den Medien. Tatsächlich ist die amerikanische Medienwelt deutlich nach rechts gerückt.
Der psychologische Ausnahmezustand seit den Anschlägen auf New York und Washington hat die großen Stärken des amerikanischen politischen Systems trotzdem nicht außer Kraft gesetzt: den Spielraum für Widerspruch und Zivilcourage, der sich aus dem freiheitlich-demokratischen Grundanspruch ergibt, sowie die Begrenzung staatlicher Gewalt durch eine Vielzahl anderer Machtzentren in der Gesellschaft. So war es das mehrheitlich konservative Höchstgericht, das der Administration in die Parade fuhr, als die angeblichen Terrorverdächtigen in Guantanamo auf Dauer für rechtlos erklärt wurden. Die beschämenden Folterszenen im Irak wurden zuerst durch einen US-Soldaten angezeigt und durch den Fernsehsender CBS zum Weltskandal gemacht. Das Gefühl von knapp der Hälfte der Bevölkerung, dass das Land in die falsche Richtung gehe, ist unter anderem auf solche Gegenstimmen zurückzuführen.
In vielem erinnert der so genannte "Krieg gegen den Terrorismus" an unrühmliche Episoden aus dem Kalten Krieg. Dass Cat Stevens wegen seines islamischen Engagements die Einreise in die USA verweigert wird, erscheint vielen als lächerlich und alarmierend zugleich. Was man gerne vergisst: Ganz genau so ging es während Jahrzehnten Marxisten unterschiedlichster Provenienz aus aller Herren Länder.
Weder waren die Zeiten vor dem 11. September und den folgenden Bush'schen Antiterrormaßnahmen jene heile Welt von Rechtsstaat und Demokratie, als die sie heute oft erscheinen. Noch scheint der autoritäre Zug des gegenwärtigen politischen Zyklus unumkehrbar. Daran hat John Kerry unter anderem erinnert, als er vor den Gefahren einer Politik der Angst sprach und sich ohne Rücksicht auf die gegen ihn gerichtete Kampagne rechter Vietnamveteranen zu seinem Engagement in der Antikriegsbewegung der Siebzigerjahre bekannte. Aber mit dem Phänomen einer dynamischen, aus christlichen Fundamentalisten, unilateralistischen Patrioten und Rüstungslobbyisten bestehenden konservativen Strömung in den USA, die durch die Konzentration auf den Außenfeind "Terrorismus" zur wichtigsten Stütze des Präsidenten geworden ist, wird man auf jeden Fall weiter leben müssen, egal wie die Wahlen am 2. November ausgehen.

 

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