Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

Fenster schließen
 
  "Falter" - Artikel
   

Klassenkampf-Comeback, 5.7.2006


In New York polarisiert niemand so sehr wie Roger Toussaint. Rupert Murdochs New York Post beschimpft den charismatischen Organisator als "Schwachsinnigen" ("moron") oder "Trottel" ("jerk"). Staatsanwaltschaft und Polizei müssen sich von dem rechten Kampfblatt regelmäßig vorwerfen lassen, dass sie den Mann mit Glaceehandschuhen anfassen. Dagegen gehen seine Anhänger mit ihm durch dick und dünn. Als Toussaint im vergangenen April in Brooklyn zu einer zehntägigen Gefängnisstrafe verurteilt wurde, marschierten Tausende vor dem Gerichtsgebäude auf.
Roger Toussaint ist ein Gewerkschaftsführer neuen Typs. Der Chef des 35.000 Mitglieder starken Local 100 der Transportarbeitergewerkschaft TWU hat im Dezember 2005 durch einen Streik der U-Bahnen die Stadt New York für drei Tage lahm gelegt. Es war der erste Transportarbeiterstreik in der Siebenmillionenmetropole seit einem Vierteljahrhundert. Um nach Jahrzehnten konservativer Wirtschaftspolitik und scheinbar unaufhaltsam sinkendem Organisationsgrad der Arbeitnehmer zumindest einen Teil der sozialen Errungenschaften zu retten, sind die Gewerkschaften in den USA immer öfter gezwungen, riskante Arbeitskämpfe zu wagen.
Die neue Militanz in ausgewählten Branchen fällt in eine Phase des politischen Abstiegs der traditionellen Gewerkschaftsbewegung. Der einst so stolze Dachverband AFL-CIO ist durch eine Abspaltung geschwächt und verliert Mitglieder. In Washington, DC, wo die AFL-CIO-Chefs einst dank ihrer 14 Millionen Mitglieder demokratische Präsidentschaftskandidaten blockieren oder küren konnten, sind die Gewerkschaften nur mehr eine unter vielen Lobbygruppen. Dort, wo die Entscheidungen über das gesellschaftliche Kräfteverhältnis fallen, haben Funktionäre neuen Typs wie Roger Toussaint das Sagen. Der ungestüme Mann von der Basis hatte die New Yorker Transportarbeiter im Widerspruch zum gesetzlichen Streikverbot für öffentliche Bedienstete und entgegen den Empfehlungen der nationalen Führung der Transport Workers Union TWU in den Kampf geführt. Toussaint stammt aus Trinidad, ist schwarz und glaubt an gewerkschaftliche Kampfmaßnahmen alten Stils. Seine pathetische Sprache erinnert an die Anfänge des Sozialismus. Die Bürokraten an der Spitze der TWU sind weiß, verwalten zahlreiche Pensionsfonds und pflegen viele politische Verbindungen. Sie hassen Risiken wie die Pest. Aber gleichzeitig wissen sie: Leute wie Toussaint sind der lebendige Beweis dafür, dass es für die Gewerkschaften ein Leben nach dem langsamen Tod gibt.
Die europäischen Gewerkschaften haben früher mitleidig auf die US-Kollegen herabgeblickt, die es nie zu einer derart zentralen politischen Stellung gebracht haben wie etwa der DGB in Deutschland, der ÖGB oder der britische TUC. Jetzt scheinen die amerikanischen Gewerkschaften manche Krise schon hinter sich zu haben, die den Europäern erst bevorsteht. Korruptionsverdacht? Milliardenbeträge, die in dunklen Kanälen versickert sind? Dunkle Verbindungen mit windigen Geschäftemachern, bis in den Bereich der organisierten Kriminalität? In den amerikanischen Gewerkschaften hat es das nicht nur einmal gegeben, die Gewerkschaftsbewegung selbst hat trotzdem überlebt.
Was den Bawag-Skandal zu einer Existenzkrise des ÖGB werden ließ, waren eine ganze Reihe von Besonderheiten der Gewerkschaften in der Zweiten Republik: der ungewöhnlich hohe Grad der Zentralisation, die enge Verbindung mit dem Staat und ein System der bürokratischen Entscheidungsprozesse, bei dem die traditionellen Fraktionen kümmerlicher Ersatz für lebendigen gewerkschaftlichen Pluralismus waren. Jahrzehntelang wurde auf diese Weise ein gesellschaftliches Kräfteverhältnis geschaffen, das den Arbeitnehmern hohe Sozialleistungen und den Unternehmern Berechenbarkeit und sozialen Frieden brachte. Nie hatte je ein ÖGB-Mitglied eine faire Chance, die Linie seines Präsidenten infrage zu stellen. Dafür durften sich entmündigte Gewerkschaftsmitglieder als Teileigentümer der Österreichischen Nationalbank fühlen.
In keinem anderen westeuropäischen Staat waren die Gewerkschaften den östlichen Staatsgewerkschaften so ähnlich wie in Österreich. Im Augenblick der Krise hat dieses Ausmaß an Zentralisierung nun ein nahezu sowjetisches Tempo der Implosion zur Folge. Allerdings: Ohne eine moskautreue KP kann eine Demokratie gut leben. Ohne Gewerkschaften sind Millionen außerstande, ihre Interessen zu verteidigen. Instinktiv spüren das die Menschen auch in Österreich: trotz der täglichen Hiobsbotschaften aus dem Bawag-Refco-Sumpf erwartet eine deutliche Mehrheit, dass sich der ÖGB wieder erfangen wird.
Die neue Dynamik der sozialen Ungleichheit, die weltweit die Schwächung der Gewerkschaften begleitet, bereitet sogar dem neoliberalen britischen Economist Sorgen. 1960 ergab eine Untersuchung in den USA, dass Vorstandsdirektoren im Durchschnitt 42-mal mehr verdienen als Arbeiter. Das galt als schreiende Ungerechtigkeit. 2004 beträgt dieses Verhältnis 1:431. Wen kann es da wundern, wenn U-Bahn-Fahrer, Hafenarbeiter oder Supermarktkassierer zu Picket Lines, Streiks und Blockaden greifen, die mehr an das 19. Jahrhundert erinnern als an die angebliche Konsensdemokratie der modernen Welt, um Krankenversicherungsregeln oder Firmenpensionen zu retten?
Das Comeback des Klassenkampfes, das sich in den USA ebenso ankündigt wie in Europa, bringt auch neue Strukturen und neue Persönlichkeiten in den statischen Gewerkschaften mit sich. Die bürokratisierten Zentralen durchlaufen einen schmerzlichen Prozess der Selbstreform, mit oder ohne Finanzskandale wie in Österreich, mit oder ohne Spaltungen wie in den USA. Die Erfolgschancen stehen dabei nicht schlecht, denn die Nachfrage nach Solidarität und Zusammenhalt wird täglich von der Marktwirtschaft selbst produziert. Sogar vielen diskreditierten Staatsgewerkschaften Osteuropas ist es aus diesem Grund wieder gelungen, in der Gesellschaft Fuß zu fassen. Einen echten Neuanfang wird es für jede Gewerkschaftsbewegung allerdings nur geben, wenn Platz für Aktivisten vom Typus des New Yorker Arbeiterführers Roger Toussaint ist. Denn plötzlich sind jene Kämpfe wieder zu führen, die Generationen von Gewerkschaftsfunktionären längst für entschieden gehalten hatten.


 

nach oben, Fenster schließen

 
  site by Adrian Rossmann