Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Klimaschutz verbindet, 14.3.2007

Sehr wahrscheinlich, dass der europäische Feldzug gegen Treibhausgase noch zu heftigen Spannungen zwischen Mitgliedstaaten, Wirtschaftslobbys und den Organen der EU führen wird. So wie beim Vertrag von Kioto wird der Weg vom hehren Grundsatzbeschluss zur teuren Umsetzung steinig sein. Aber mit dem Klimaschutz als gemeinsamem Ziel liegt die EU eindeutig im Trend der Zeit. Seit der Einführung des Euro hat es kein Thema mehr gegeben, das derart viel identitätsstiftendes Potenzial hat wie die Kampfansage an den Treibhauseffekt. Werden doch selbst die größten EU-Skeptiker zugeben, dass bei einem globalen Problem dieses Ausmaßes einzelne Staaten machtlos sind. Mit ihrer grünen Wende ziehen die konservativen Politiker José Manuel Barroso und Angela Merkel einen Schlussstrich unter das wirtschaftsliberale Projekt von weniger und immer weniger Staat. Denn bei aller Wandlungsfähigkeit des Marktes: Ohne staatliche Regulierung und supranationale Vorgaben bleibt Klimaschutz ein Scherz. Das hat auf der anderen Seite des Globus sogar Kaliforniens Gouverneur Arnold Schwarzenegger erkannt. Den letzten Anstoß zum neuen Ökotrip erhielt die EU paradoxerweise aus den USA. Nicht die eigenen grünen Abgeordneten oder die spektakuläre Aktion einer NGO haben in Brüssel den größten Eindruck hinterlassen, sondern die Diashow Al Gores über die "Unbequeme Wahrheit" der global steigenden Temperaturen. Die soliden Argumente in der auch mit Oscar-Ehren ausgezeichneten Klimadokumentation, einer Mischung aus leicht apokalyptischen Warnungen und politischem Pragmatismus, sowie der gute Name des ehemaligen US-Vizepräsidenten haben mehr bewirkt als so manche wissenschaftliche Untersuchung. Erst seit die europäischen Klimaschutzideen aus den USA wieder zurückgespiegelt werden über den Atlantik, haben sie die EU erobert.
So bleibt die liberale und umweltfreundliche Hälfte der USA nach wie vor internationaler Trendsetter: Al Gore repräsentiert wie kein anderer das "gute" Amerika, nach dem sich am Ende der Ära Bush so viele sehnen. Hightech und internationale Kooperation nicht zum Wohle raffgieriger Konzerne oder zur Verwirklichung neokonservativer Allmachtsfantasien, sondern für die ganze Schöpfung und die gesamte Menschheit, das ist eine sympathische Botschaft. Konsequenter als andere Demokraten hat Al Gore sowohl den Irakkrieg als auch die Einschränkung der Bürgerrechte im Antiterrorkrieg kritisiert. Hätte das Höchstgericht im Jahr 2000 nicht George W. Bush zum Präsidenten gemacht, erinnerte kürzlich Chefredakteur David Remnick im New Yorker, dann wären der Welt Irakkrieg, Guantánamo und der gegenwärtige Stillstand in lebenswichtigen Fragen erspart geblieben.
Mit dem Klimaschutz macht sich Europa gewissermaßen zur Vorhut der erhofften politischen Wende in Amerika. Im Zentrum dabei: die Anerkennung von Fakten und wissenschaftlichen Erkenntnissen anstelle von konservativen Glaubenssätzen als Basis für politische Entscheidungen. Wenn Politiker vom kalifornischen Sacramento bis nach Brüssel und Berlin kostspielige Energiesparmaßnahmen verordnen, dann hat das genau mit dem Zusammenhang zwischen CO2-Ausstoß und Treibhauseffekt zu tun, den die gegenwärtigen Herren im Weißen Haus jahrelang beharrlich aus offiziellen Berichten streichen ließen. Ideologie und Glaube wogen schwerer als Forschungsergebnisse aus der Antarktis oder alarmierende Daten vom Schrumpfen der Gletscher. Ein Mechanismus der Ignoranz, der auch beim Irakkrieg neokonservative Ideologie über kühle Sachkenntnis gestellt hat.
Klarerweise hängt das Thema Energie auch mit der gegenwärtigen weltpolitischen Konjunktur zusammen. Die Abhängigkeit vom Erdöl aus dem unberechenbaren Nahen Osten oder dem feindlichen Venezuela beunruhigt die USA. Russlands Vormacht auf dem europäischen Energiemarkt verunsichert die EU. Steigende Preise machen Sonnenkollektoren oder Windturbinen rentabler. Bewundernd berichten die Abendnachrichten des Fernsehsenders CBS von den Experimenten mit Sonnenenergie im regnerischen Wales oder von der Leistungsstärke dänischer Windparks. Die Faszination gilt funktionierender europäischer Technik, die durch umweltfreundliche Gesetze möglich wurde. Immerhin arbeiten auch in amerikanischen Labors einige der besten Wissenschaftler der Welt an futuristisch klingenden Lösungen für die Bindung von Treibhausgasen unter den Meeren oder die künstliche Regulierung der Sonneneinstrahlun. Dass ihre Arbeit von der Administration mehr behindert als gefördert wird, gehört zu den großen Vorwürfen der neuen demokratischen Mehrheit im Kongress. Der amerikanische Technikglaube mag für europäische Ohren etwas übertrieben klingen. Sympathischer als der jüngste heimische Reflex, Fernreisen zu tabuisieren und zurückzukehren zu einer Situation, in der man fremde Völker höchstens aus dem Diavortrag kannte, ist das Vertrauen in menschliche Innovationsfreudigkeit allemal.
Auch das Weiße Haus wird sich letztlich der Erkenntnis nicht entziehen können, dass globale Probleme internationale Antworten erforderlich machen. Sei es mit George W. Bush, sollte der Präsident Freund und Feind doch noch durch einen spektakulären Schwenk in der Klimapolitik überraschen. Oder in der nächsten Präsidentschaft, wie immer die aussehen mag. Der rehabilitierte Multilateralismus wird dabei kaum auf den Klimawandel beschränkt bleiben. Nach den gescheiterten Alleingängen der Ära Bush sollte sich Europa auf eine neue Offenheit der USA für die Partner einstellen. Wer wäre ein besseres Symbol für einen solchen Neuanfang als Al Gore? Tatsächlich hoffen viele Demokraten inbrünstig, dass der Mann, der 2000 die meisten Stimmen erhielt, dem nervenaufreibenden Wettstreit der vielen gleich guten demokratischen Präsidentschaftsbewerber ein Ende bereitet. Wenn Gore auf seine Figur achtet und beginnt abzunehmen, so meinen die Auguren, dann wäre das ein sicheres Zeichen dafür, dass er von neuem kandidieren will. "Mit Präsidentschaftskandidaturen ist das so wie mit Sex", glaubt der ehemalige Clinton-Berater James Carville, "nach dem ersten Mal hört man nicht auf."
Vielleicht sollten sich auch die Größen der EU dieses Prinzip zu Herzen nehmen. Erstmals seit langem haben sie sich mit dem Klimaschutz auf ein Thema konzentriert, bei dem die EU tatsächlich etwas bewirken kann, etwas, das bei den Bürgern populär ist. Eine Wiederholung dieser Erfahrung könnte der Kontinent durchaus vertragen.

 

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