Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Kosovokrieg, 17.5.2000


Je mehr man weiß, was bei der Kosovo-Militäraktion vor einem Jahr alles schief gelaufen ist, desto ist man über das Resultat: die jahrelange Entrechtung der albanischen Mehrheitsbevölkerung durch das Belgrader Milosevic-Regime ist auf Dauer beendet. Zwar regiert in Belgrad nach wie vor jener Mann, der mit der Zerstörung der Kosovo-Autonomie Ende der Achtzigerjahre den jüngsten Zyklus der Gewalt eingeleitet hat. Ein Showdown Milosevics gegen das prowestlich orientierte Montenegro ist ebenso möglich wie eine Eskalation der Nationalitätenkonflikte im südserbischen Sandschak. Aber die blutigen Angriffe serbischer Militärs und die Massaker der Paramilitärs gegen albanische Dörfer und Siedlungen, die lange vor den ersten NATO-Bomben Angst und Schecken verbreitet hatten, gehören der Vergangenheit an.
Selbst Slobodan Milosevic, dessen Verbleib an der Macht zu den großen Negativpunkten in der Kriegs-Bilanz des Westens gehört, ist zur Zeit mit Attentaten und Gegenattentaten in der Grauzone zwischen Belgrader Unterwelt und Regierung voll ausgelastet: seine Möglichkeiten zur grenzüberschreitenden Konfliktschürung hält sich in Grenzen. Die Horrorvision eines großen Balkankonflikts, in den Serbien und Albanien, Montenegro und Mazedonien hineingezogen werden könnte, ist gebannt. Kosovo ist heute eine lokaler Krisenherd mit leichten Anzeichen der Entspannung. Ohne NATO-Soldaten hätte man dagegen auf dem Balkan nach wie vor ein den Zusammenhalt des ganzen Kontinents gefährdendes Krebsgeschwür.
Ein Urteil, an dem auch die immer länger werdende Liste von Lügen, Fehlkalkulationen und Übertreibungen der westlichen Kriegsherrn während jener heißen 79 Tage nichts ändert. Die jüngste spektakuläre Enthüllung verdanken wir "Newsweek": das angesehene amerikanische Nachrichtenmagazin veröffentlicht eine bisher geheim gehaltene Untersuchung der US-Luftwaffe, wonach die tausenden Kampfeinsätze von 24. März bis 10. Juni 1999 lächerliche 14 Panzer, 18 Panzerwagen und 20 Stück Artillerie der jugoslawischen Streitkräfte zerstört hätten. Der inzwischen zurückgegtretene NATO-Befehlshaber Wesley Clark soll den Bericht entsetzt zurückgeschickt haben, aber auch spätere Recherchen hätten das lamentable Ergebnis bestätigt.
Die täglichen Jubelmeldungen des NATO-Sprechers Jamie Shea in Brüssel waren eine Mischung aus Wunschdenken und Fantasie.
Daß Lufteinsätze aus sicheren 20 000 Meter Höhe eine kampferprobte Armee am Boden nicht in die Knie zwingen können, hatten Kritiker von Anfang an betont. Warum Slobodan Milosevic nach 79 Tagen auch kapituliert haben mag: militärische Verluste waren es sicher nicht. Einer intakten Armee stand so am Ende des Krieges eine großräumig zerstörte zivile Infrastruktur entgegen: die Zerstörung von Brücken, Fabriken und Elektrizitätswerken, die mit dem Kosovokonflikt nicht das geringste zu tun hatten, erwies sich somit paradoxerweise um vieles kriegsentscheidender als das Geschehen in Kosovo selbst.
Wie heute ziemlich eindeutig belegt ist, hatte die NATO zu Kriegsbeginn fest mit einem raschen Nachgeben Milosevics nach den ersten Angriffswellen gerechnet. Star-Kommentator William Pfaff spricht in der "International Herold Tribune" sogar von "Panik in Brüssel" als man realisiert habe, daß es mit einigen wenigen Tagen nicht getan sei. Diese Fehlkalkulation erklärt auch die Hilflosigkeit des Bündnisses angesichts der plötzlichen Massenvertreibungen der Albaner: die militärische Strategie der NATO widersprach schlicht den eigenen Kriegszielen, bilanziert Daniel Vernet in "Le Monde".
Die durch die serbischen Behörden veranlaßte Zwangsdeportation von 1,3 Millionen via Zug, Auto oder zu Fuß über die jugoslawischen Staatsgrenzen hinaus, gehört auch im Rückblick zu einem der herausragendsten Merkmale dieses bewaffneten Konflikts. Ob es einen "Hufeisenplan" tatsächlich gegeben hat, wie der deutsche Verteidigungsminister Rudolf Scharping trotz fehlender Beweise unverdrossen glaubt, ist unwesentlich: die Massenvertreibungen waren sowohl von den serbischen Behörden geplant als auch von den NATO-Angriffen ausgelöst.
"Völkermord" hat es trotzdem keinen gegeben in Kosovo. Milosevic ist weder Hitler noch Pol Pot. Die entsprechenden historischen Vergleiche mögen zwar zur Mobilisierung der öffentlichen Meinung für den Krieg vor allem in Deutschland wichtig gewesen sein, an der Realität gingen sie vorbei. Diese war auch ohne kriegsbedingte Übertreibungen schlimm genug: 2 108 Leichen hat das UNO-Kriegsverbrechertribunal bisher aus 170 Massengräbern exhumiert, weitere 130 Gräber will man noch dieses Jahr untersuchen.
Gleichzeitig erscheint der ominöse "Annex B" des Rambouillet-Vertragsentwurfs über die gewünschte uneingeschränkte Bewegungsfreiheit der NATO in Jugoslawien, der zum Angelpunkt aller Verschwörungstheorien wurde, in seiner Bedeutung überschätzt. Bei den Verhandlungen war man nie zu dem umstrittenen Punkt gekommen. Und gegen einen einen teuflischen Plan der USA , via Konfrationskurs gegen Belgrad einen festen Fuß auf den Balkan zu setzen, spricht ihr bisheriges Verhalten: In Washington wünscht man nichts mehr als einen Rückzug der 5900 US-Soldaten in Kosovo. Der republikanisch dominierte Kongreß möchte sogar einen fixen Termin dafür festsetzen.
Der Rachefeldzug gegen Serben und Roma in Kosovo, Bandenkriege, Kriminalität und Gewalt rücken das Ziel eines befriedeten multiethnischen Kosovo in weite Ferne und haben das Bild der "humanitären Intervention" zusätzlich entstellt. Ein "Revisionismus", der versucht die Spannungen des heutigen Kosovo mit dem jahrelangen früheren Apartheid gegen ein ganzes Volk gleichzusetzen, wäre ein Jahr nach Kriegsende trotzdem fehl am Platz.

 

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