Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Krieg und Diplomatie, 7.4.1999



Die Balkankrise hatte ihren Ausgang von schrecklichen Berichten über Massaker, Vergewaltigungen und Vertreibungen genommen. Ganz Europa war aufgewühlt angesichts der straflosen Übergriffe ferngelenkter Mordbanden gegen die wehrlose lokale Bevölkerung. Schließlich kam es zum Krieg. Der aber verlief nicht ganz so, wie sich die von einer Welle der moralischen Empörung getragenen Interventionsstreitkräfte das vorgestellt hatten.
Man schrieb das Jahr 1878.
Nach dem nur sehr partiellen Erfolg des russischen Feldzuges zur Rettung der christlichen Balkanvölker gegen die Türkei war die Diplomatie am Zug: auf dem Berliner Kongreß rangen die Großmächte unter der Regie Otto von Bismarcks und Benjamin Disraelis um ihre Einflußsphären auf dem Balkan.
Historiker geben den Akteuren von damals nicht die besten Zensuren: schließlich stand am Ende das Jahr 1914 und auch die dazwischen liegenden Jahrzehnte waren für Serben und Bulgaren, Albaner und Bosniaken, Montenegriner und Mazedonier eine Zeit der Kriege und der Krisen.
Am Ende des 20.Jahrhunderts wird man in den europäischen Staatskanzleien trotzdem gut daran tun, einen Blick in die Geschichtsbücher zu werfen. Denn das Comeback des Krieges als Instrument der Politik, das der alte Kontinent
dieser Tage erlebt, wird ohne Comeback einer an alte Zeiten erinnernden Diplomatie des kontrollierten Feilschens und Vermittelns, des Ausgleichens und Handelns nicht verkraftbar sein.
Das gilt umso mehr, als es um die militärischen Operationen der NATO
schlecht steht, sehr schlecht. Wie immer man es dreht und wendet: zwei Wochen Luftkrieg mögen zwar die Kampfkraft der jugoslawischen Streitkräfte geschwächt haben, in allen wesentlichen Bereichen haben die NATO-Aktionen ihre Ziele jedoch verfehlt und ein Desaster heraufbeschworen. Die Kosovo-Albaner, zu deren Schutz die Bomben angeblich fallen, werden schneller, brutaler und gründlicher vertrieben denn je. Mazedonien, Albanien und die kleine prowestliche Teilrepublik Montenegro, an deren Stabilität dem Westen so viel liegt, sind von Bürgerkrieg und Chaos bedroht. Und Slobodan Milosevic, der wichtigste Architekt der Balkankrisen der letzten Jahre, kann sich über eine Union Sacree selbst mit seinen härtesten innenpolitischen Widersachern freuen.
Schon stellt ein führender strategischer Denker wie der Franzose Francois
Heisbourg die bange Frage, ob es der NATO überhaupt noch möglich ist, die drohenden Niederlage in den für den Westen unabdingbaren Sieg umzuwandeln.
Die Konzeption des alleinigen Luftkrieges stammt aus dem Pentagon und die Reaktion der NATO-Militärs auf ihr bisheriges Scheitern ist eindeutig: sie läuft auf eine gnadenlose Intensivierung der Militäraktion hinaus. Während man offensichtlich daran denkt, die serbischen Streitkräfte in dem inzwischen weitflächig zerstörten Kosovo aus der Luft derart zu treffen, daß der Weg zu einem von internationalen Truppen geschützten Protektorat frei ist, brennt jede Nacht ein neues öffentliches Gebäude in Belgrad.
Für den Autor dieser Zeilen, dessen emotionale Bindungen an Jugoslawien viele Jahre zurückgehen, ist es nach wie vor schwer faßbar, daß die Bilder des täglichen Brandinfornos im Fernsehen tatsächlich aus dem melancholisch-hintergründigen Belgrad kommen sollen oder daß Pristina, die Stadt mit dem rauhesten Dritt-Welt-Charme in Europa, jetzt entvölkert ist.
Hinter den Bombenangriffen selbst auf zivile Ziele in der Hauptstadt steckt offensichtlich der politische Plan, Jugoslawien einem gängigen amerikanischen Konzept
entsprechend zum "Schurkenstaat" zu erklären. Solange Slobodan Milosevic an der Macht ist, wird Jugoslawien damit ganz so wie der Irak unter Saddam Hussein ein vogelfreier und vom Rest der Welt isolierten Staat mit halber Souveränität sein.
Diese ungewohnte Härte, mit der ein europäischer Staat unter Einsatz militärischer Gewalt ausgegrenzt wird, sowie die bisherige Erfolglosigkeit der Intervention, lassen die Stimmen jener lauter werden, die ein sofortiges Ende der Bombenangriffe fordern. Eine "politische Sackgasse" konstatieren die französischen Linksintellektuellen Pierre Bourdieu, Pierre Vidal-Naquet und Daniel Bensaid: sie plädieren für eine etwas utopisch anmutende Balkan-Friedenskonfernz aller Staaten und Volksgruppen auf der Grundlage des Selbstbestimmungsrechts der Völker. Auch die Ansprüche der 500 000 nach Jugoslawien vertriebenen Serben, inklusive der von Franjo Tudjman gesäuberten Einwohner der Krajina, würden dort zur Sprache kommen. Ähnliche Forderungen mobilisieren inzwischen bereits Hunderttausende in Italien und Griechenland.
Das große Problem: ein Weg zur Wiederherstellung der Rechte der durch die serbischen Streitkräfte und Milizen Vertriebenen im Kosovo tut sich auf diese Weise nicht auf. Daniel Cohn Bendit, seit dem Massaker von Srebrenica engagierter Befürworter des Konzepts "humanitärer Interventionen", warnt vor einem Siegfrieden für die ethnischen Säuberer, sollte der Bombenkrieg jetzt abgebrochen werden. Wenn die Frage ist, ob die
NATO oder Slobodan Milosevic nach diesem Waffengang die bestimmende Ordnungsmacht auf dem Balkan sein sollen, dann entscheiden sich selbst NATO-Skeptiker für das Atlantische Bündnis. Trotz des Entsetzens über das brennende Belgrad wünscht kaum jemand, daß der Krieg, den die Atlantische Allianz begonnen hat, zu den Bedingungen ihres zerstörerischen und selbstzerstörerischen Gegners Milosevic endet.
Aber dazu bedarf es mehr, als zusätzlicher Flugzeuge, Kriegsschiffe und Bodentruppen. Dazu bedürfte es einer politischen Perspektive, die über die UNO auch Rußland und über Rußland auch Serbien einbinden kann. Die "Schurkenstaat"-Strategie des amerikanischen State Department, an deren Sinnhaftigkeit man auch in anderen Erdteilen zweifeln mag, ist für ein zusammenwachsendes Europa ungeeignet. Nicht zufällig mahnt der designierte EU-Kommissionspräsident Romano Prodi aus Anlaß des Jugoslawienkrieges einen neuen Anlauf für eine gemeinsame europäische Außenpolitik ein.
Wenn die Fortsetzung des Krieges wie bisher weiter als Ersatz für die fehlende politische Perspektive erscheint, dann würde daraus tatsächlich eine reine Überlebensaktion für die NATO. Worin soll die politische Logik von Bomben auf das prowestliche Montenegro bestehen? Wie helfen brennende Fernheizwerke und zerstörte
Donaubrücken in Belgrad oder Novi Sad den vertriebenen Kosovo-Albanern? Hier scheint in verhängnisvoller Weise die Logik der Militärs allein zu entscheiden.
Die humanitäre Intervention im Kosovo, inklusive einer militärischen Ausweitung am Boden, behält ihre Legitimation. Aber der gleichzeitige Bombenkrieg gegen Jugoslawiens
Infrastruktur steht im Widerspruch zu einer zukünftigen politischen Lösung.
Wenn das der Weg der NATO bleibt, dann werden sich ihre Resultate leicht als noch brüchiger erweisen, als die Provisorien, die einst der österreichisch-ungarische Graf Andrassy mit Rußlands Fürst Gortschakow auf der Berliner Balkankonferenz von 1878 ausgehandelt haben.


 

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