Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Kriegs-Recht, 12.1.2000


Ein deutlich vernehmbares Aufatmen ging am letzten Dezembertag durch die endlosen Gänge des Pentagon: Carla del Ponte, die Schweizer Chefanklägerin des Haager Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien, stellte klar, daß das Tribunal keine formellen Ermittlungen gegen die NATO durchführt. Noch nicht. Aber das Gericht sieht es als seine Pflicht an, Vorwürfe gegen alle Kriegspartei zu prüfen. Dementsprechend haben Mitarbeiter Del Pontes im vergangenen Herbst auch drei von NATO-kritischen Juristen zusammengestellte und von russischen Dumaabgeordneten überreichte Dokumentenbände über mögliche NATO-Kriegsverbrechen entgegengenommen und untersucht.
In Washingtoner Regierungskreisen hatte dieser Schritt vorerst Panik ausgelöst. Denn noch im Juli 1998 hat sich die amerikanische Regierung bei einer Konferenz in Rom strikt gegen die Errichtung eines ständigen Internationalen Gerichtshofes ausgesprochen, der weltweit auch US-Soldaten zur Verantwortung ziehen könnte. Die USA haben damals die von 92 Staaten unterstützten Bemühungen zur Errichtung eines derartigen Weltgerichtes durch die Forderung nach einem Vetorecht für ständige Mitglieder des UNO-Sicherheitsrates blockiert. Das Haager Tribunal ist jedoch 1993 ohne eine derartige kompromittierende Ausnahmeklausel für Großmächte eingerichtet worden: auf aktives Betreiben der Regierung in Washington. So blieb denn dem State Department auch nichts anderes übrig, als vergangenen Herbst dem Haager Tribunal unmißverständlich die Kompetenz zu Ermittlungen auch gegen NATO-Soldaten einzugestehen. Es ist einer der ganz wenigen - zur Zeit allerdings hypothetischen - Fälle, in denen die USA grundsätzlich zugestehen, ihre Souveränität der Rechtssprechung einer übergeordneten internationalen Instanz unterzuordnen.
Wie die amerikanische Politik reagieren würde, wenn die Haager Ankläger sich tatsächlich an der einen oder anderen NATO-Aktion während der 78 Tages des Kosovo-Krieges stoßen würden, muß man angesichts des massiven unilateralistischen Drucks der konservativer Kräfte im Kongreß offen lassen. Aber Chefanklägerin Del Ponte und ihre Kollegen täten gut daran, alle Vorwürfe auch gegen die eigenen westlichen Auftraggeber so gründlich wie möglich zu untersuchen. Nur wenn die Haager Richter ihre völlige Unabhängigkeit unter Beweis stellen, wird ihre Rechtssprechung jenes Minimum am Akzeptanz bekommen, das sie zum Teil eines möglichen Neubeginns auf dem Balkan machen kann. Nur dann wird die Ahndung der Kriegsverbrechen der Balkankriege mehr sein, als Siegerjustiz.
Daß die russischen Duma-Abgeordneten, die das Gericht gegen die NATO angerufen haben, ebenso politisch motiviert sind wie viele andere Autoren der dreibändigen Anti-NATO-Sachverhaltsdarstellung, sollte kein Hindernis sein: schließlich ist auch Slobodan Milosevic unzweifelhaft aus politischen Motiven unter Anklage gestellt worden. Kenneth Roth, der angesehene Direktor des New Yorker "Human Rights Watch" nennt in der "New York Times" gleich mehrere Punkte der NATO-Kriegsführung, die auf ihre Vereinbarkeit mit der Genfer Konvention zu prüfen wären: den Einsatz von Splitterbomben, die Angriffe auf Elektrizitätswerke und andere zivile Ziele, die Zerstörung des Fernsehzentrums in Belgrad sowie den Beschluß zum Schutz der Piloten Bombenangriffe aus so großer Höhe auszuführen, daß Fehltreffer sehr wahrscheinlich wurden. Einer dieser Fehltreffer war der mörderische Angriff auf den Passagierzug über der Brücke von Grdelicka Klisura im April 1999, durch den 12 Passagiere getötet wurde: erst Anfang Januar mußte die NATO die Verwendung von durch Zeitraffer beschleunigten und damit verfälschten Bilder bei der Erklärung dieses Desasters zugeben. Wieviele Propaganda-Fälschungen harren noch ihrer Aufklärung?
Diese neuerliche Debatte um die NATO-Kriegsführung kommt zu einem Zeitpunkt, an dem sich auch mit der zeitlichen Distanz von einem halben Jahr die widersprüchliche Bilanz des Kosovokrieges bestätigt. Hunderttausende vertriebene Kosovo-Albaner konnten zurückkehren, und das ist zweifelsohne ein historisches Verdienst der NATO-Bomben. Aber jetzt regiert gesetzloser Terror gegen Serben und Roma.
Die Opferbilanz des Krieges selbst nährt die Zweifel: 1500 Zivilisten und 576 Soldaten sind auf jugoslawischer Seite zu beklagen. Die Zahlen stammen aus Belgrad, werden von der NATO zwar naturgemäß nicht akzeptiert, aber auch nicht als völlig unrealistisch abgetan. Andererseits wurden bisher 2108 albanische Opfer der serbischen Soldateska geborgen- in der Summe fast identisch mit den jugoslawischen Toten. Auch wenn die wirkliche Massakeropfer auf albanischer Seite zwei oder dreimal höher sein mögen (das State Department spricht von 10 000 ermordeten Kosovo-Albanern): die 100 000 toten Albaner, die US-Verteidigungsminister William Cohen immer wieder als einen der Kriegsgründe genannt hatte, blieben eine Mystifikation.
Zwar ist Slobodan Milosevic durch die militärische Niederlage gebremst und das hat der Region eine Atempause der Stabilität verschafft. Aber die von seinem Regime ausgehende Gefahr ist keineswegs gebannt, wie nicht nur seine leidgeprüften direkten Untertanen, sondern demnächst auch die Bewohner des widerspenstigen Montenegros merken könnten.
Verlierer dieses Krieges gibt es nicht nur auf dem Balkan: mittelbar zahlt auch Tschetschenien den Preis dafür, daß der Einsatz militärischer Gewalt - unabhängig von UNO und formellem Völkerrecht - wieder als von den Großmächten akzeptiertes Mittel der Problemlösung eingeführt wurde. In Moskau hört man das Argument immer wieder: wenn die NATO das Recht habe zur Lösung der Kosovo-Krise Krieg zu führen, warum soll Rußland dann auf seinem eigenen Territorium der militärische Einsatz verwehrt sein? In der Sache mag die Gleichung falsch sein: Grozny und Pristina sind wohl kaum miteinander zu vergleichen. Aber selbst wenn der Westen ernsthaft vorhätte, in Moskau wegen des Tschetschenienkrieges vorstellig zu werden (was beim letzten Tschetschenienkrieg nicht der Fall war): der Kosovokrieg hat ihm in den Augen selbst der wohlwollendsten Teile der russischen Öffentlichkeit die Legitimation dazu genommen.
Das Haager Kriegsverbrechertribunal steht demgegenüber auf der positiven Seite der Jugoslawien-Bilanz des letzten Jahres. Eine seriöse und von der internationalen Öffentlichkeit nachvollziehbare Untersuchung auch der NATO-Kriegsführung würde die Glaubwürdigkeit dieses in die Zukunft weisenden Gerichtshofes dramatisch erhöhen. Für Amerika wäre das ein harter Brocken. Aber die Erkenntnis, daß auch die Herren des Pentagon theoretisch für ihr Wirken vor einem internationalen Gericht landen könnten, täte in Wirklichkeit auch den USA gut.


 

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