Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Kriegsdiplomatie, 5.2.2003

Wenn der amerikanische Außenminister Colin Powell diese Woche medienwirksam vor den UNO-Sicherheitsrat tritt, um jene "Beweise" für irakische Massenvernichtungsmittel zu vorzustellen, die der Präsident angekündigt hat, dann hält er sich an ein berühmtes historisches Vorbild: am Höhepunkt der Kubakrise 1962, als die Welt am Rande eines Atomkrieges stand, präsentierte John F.Kennedys UNO-Botschafter Adlai Stevenson in einer dramatischen Geste die entscheidenden Bilder von den sowjetischen Raketenbasen, mit denen die Krise ihren Anfang genommen hatte. Sein sowjetischer Gegenspieler Valerian Zorin war blamiert, hatte er doch noch unmittelbar zuvor die Existenz der Raketen bestritten.
Die U2 Spionageflugzeuge, von denen die Bilder Colin Powells stammen werden, sind vom gleichen Typ wie jene des Jahres 1962 und die USA erhoffen sich einen ähnlichen Erfolg in der Weltöffentlichkeit wie damals. Überzeugen muß Powell unter anderem Joschka Fischer, den amtierenden Vorsitzenden des Sicherheitsrates und Frankfurter Straßenkämpfer von einst sowie Dominique de Villepin, den aristokratischen Architekt der Außenpolitik Jacques Chiracs. Denn eine zweite UNO-Resolution, die George W. Bush seinem britischen Verbündeten Blair versprochen hat, wird nur möglich sein, wenn Frankreich und Deutschland, die ein gemeinsames Vorgehen planen, sich nicht dagegen stellen. Wären die beiden Außenminister aus Paris und Berlin gewonnen, dann hätten die USA jene internationale Akzeptanz erreicht, die ihnen bisher für den gewünschten Waffengang am Golf noch fehlt.
Adlai Stevensons Präsentation 1962 war ein schlagender Erfolg, die Sowjetunion geriet hoffnungslos in der Defensive und Chruschtschow willigte in jenen Kompromiß ein, der der Welt den Atomkrieg ersparte. Doch es gibt noch einen anderen Präzedenzfall in der Geschichte des UNO-Sicherheitsrates, an den die amerikanische Außenpolitik nicht so gerne erinnert wird. In der Folge der gescheiterten Invasion in der Schweinebucht, mit der die CIA das revolutionäre Regime Fidel Castros stürzen wollte, ließ die um Erklärungen verlegene Regierung in Washington 1961 denselben Adlai Stevenson jede amerikanische Beteiligung mit derart plump gefälschten Geheimdienstdokumenten leugnen, dass der amerikanische UNO-Botschafter zum Gespött der Welt wurde. John F.Kennedy nannte seinen ungeliebten Delegierten spöttisch "meinen offiziellen Lügner". Auch Jean Kirkpatrick, die scharfzüngige Abgesandte Ronald Reagans, trat im September 1983 mit abgehörten Funksprüchen und eindrucksvollen Transkripten vor das höchste Gremium der Vereinten Nationen. Die Welt war schockiert über den Abschuß einer vollbesetzten koreanischen Passagiermaschine über Sachalin und die Regierung Reagan war dabei, dem verhaßten "Reich des Bösen" einen vernichtenden Propagandaschlag zu versetzen. Überzeugend schienen Kirckpatricks Dokumente zu belegen, mit welch menschenverachtender Kaltblütigkeit der sowjetische Pilot 269 unschuldige Menschen in den sicheren Tod geschickt hatte. Einige Tage später veröffentlichte die "New York Times" die ungekürzten Transkripte jener fatalen Kommunikationskette, aus denen allerdings hervorging, dass der sowjetische MIG-Pilot in Wirklichkeit keineswegs wußte, auf wen er da zielte. Die Funksprüche, mit denen Kirkpatrick vor den Sicherheitsrat gegangen war, waren gehörig "überarbeitet" worden. Der tragische Abschuß der KAL 007 war in Wirklichkeit Ausdruck von Verantwortungslosigkeit und Inkompetenz der sowjetischen Militärapparats und nicht die Folge eines wohlüberlegten sowjetischen Angriffs auf Unschuldige, wie das die Reagan-Administration zu belegen versuchte.
Mit tatsächlicher Entwaffnung des Irak wird die Präsentation Colin Powells in New York wohl wenig zu tun haben: dazu wären die UNO-Waffeninspektoren und nicht die Fernsehkameras der Welt der richtige Adressat. Dass eine derart hochkaräte PR-Aktion zur Absicherung des amerikanischen Irakkurses trotzdem erfolgreich sein kann, ist allerdings durchaus denkbar. Weniger wegen der Überzeugungskraft der "Beweise", als auf Grund der Zwangssituation, in der sich inzwischen nahezu jede Regierung Welt befindet: die Supermacht Amerika ist zu diesem Krieg entschlossen, weder durch deutsche Proteste noch durch französisches Vetodrohungen wird sie sich umstimmen lassen. Da Politik bekanntlich in der Verteidigung von Interessen besteht, muss sich nun jeder Staat fragen, wie die Kosten-Nutzenrechnung aussieht, wenn man in der hoffnungslosen Position des Quertreibers gegen die vorherrschende imperiale Macht der Erde verharrt.
In der irakische Bevölkerung mischt sich Angst vor dem Krieg mit vager Erwartung eines Endes des Alptraums von Jahrzehnten der Herrschaft Saddam Husseins: "Sollen sie doch ihre Bomben schicken und uns von Saddam befreien", flüstert in einem unbeobachteten Moment in Bagdad ein Passant "Le Monde"-Korrespondent Remy Ourdan zu. Auch bei den meisten ins Exil getriebenen Iraker überwiegt die Hoffnung auf Befreiung. Etwas verbittert kritisiert ein irakischer Oppositioneller in Wien wie überheblich viele europäischen Zeitungen über die irakische Opposition schreiben, die als intern zerstritten und wenig repräsentativ gilt. Hätte man nicht Ähnliches über die spanischen Exilpolitiker während der Franco-Diktatur sagen können, die schließlich doch das alte Regime ablösten? Und dass einem Land erst die Bayonette fremder Armeen einen Neuanfang ermöglichen, das sollten doch gerade Deutsche und Österreicher verstehen, wundert sich der Iraker. Immerhin hätten amerikanische Waffen Afghanistan von den Taliban befreit und auch der Balkan sei nur deshalb nicht mehr Schauplatz blutiger Kriege, weil amerikanische Kampfflugzeuge den verheerenden Zyklus von Krieg und Vertreibungen unterbrochen hätten.
Dem entgegen stehen jene entscheidenden Argumente, die weltweit Zehntausende auf die Straße treiben und die selbst in den USA große Zweifel am Kurs der Regierung Bush auslösen: dass vom irakischen Regime ganz offensichtlich keine akute Bedrohung ausgeht, die einen Präventivkrieg rechtfertigen würde; dass das behauptete Ziel der weltweiten Eindämmung von Massenvernichtungswaffen nur durch multilaterale Kontrollmechanismen und nicht durch Militäraktionen erreicht werden kann; dass aber umgekehrt eine Invasion des Irak zu einer neuerlichen Radikalisierung der islamischen Welt führen wird, die die Gefahr einer neuen Eskalation des fundamentalistischen Terrorismus schlagartig erhöht.
Diese Einwände werden auch dann nicht entkräftet sein, wenn die bisher ablehnenden Staaten ihren Widerstand gegen die USA aufgeben und den Weg freimachen für den Feldzug des George W.Bush. Selbst wenn ein solcher Krieg kurz und erfolgreich wird, was durchaus möglich ist, wird die Welt mit der Dynamik einer gefährlichen Militarisierung der amerikanischen Außenpolitik konfrontiert sein.

 

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