Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Kuehl gegen den Terror, 11.7.2007


Gordon Brown hat vernünftige Mitarbeiter. Als in den frühen Morgenstunden des 29. Juni das erste mit Benzinkanistern und Nägeln gefüllte Auto beim Picadilly Circus gefunden wurde, ließen sie den Premierminister schlafen. Der Chef soll am nächsten Morgen zwar wütend gewesen sein. Aber Browns öffentliche Auftritte nach den gescheiterten Terroranschlägen waren Muster ernster Sachlichkeit. Nach den theatralischen Gesten Tony Blairs wusste die britische Öffentlichkeit die Zurückhaltung zu schätzen. Die Zustimmung zu dem anfangs skeptisch aufgenommenen neuen Regierungschef schnellte in die Höhe. Vom "Krieg gegen den Terrorismus", dem langjährigen Fundament der Politik von George Bush und Tony Blair, war nicht die Rede. Ein Sprecher von Downing Street 10 bestätigte, dass der Premierminister auch in Zukunft nicht die Absicht hat, den verhängnisvollen Begriff zu verwenden.
Die besonnene Reaktion der britischen Regierung steht in Gegensatz zu dem aufwühlenden Tatbestand, dass offensichtlich eine Verschwörung von Ärzten und Krankenhelfern hinter den Anschlägen steckt. Wie in anderen Staaten Westeuropas schaffen eingewanderte Ärzte und Pfleger für die meisten britischen Bürger den intimsten Kontakt zur multinationalen Wirklichkeit des Landes. "Doctor Evil" titelte vergangene Woche das Londoner Massenblatt Sun, "Doktoren des Krieges" sieht der Daily Mirror in britischen Spitälern. "Jene, die euch heilen, werden euch töten", soll ein El-Kaida-Sprecher einen Vertreter der anglikanischen Kirche im Irak gewarnt haben.
Die Dachorganisation der britischen Moslems hat ihre Mitglieder deutlicher als bisher dazu aufgerufen, mit der Polizei zusammenzuarbeiten, um Terrorgruppen aufzudecken. "Verurteilung alleine ist zu wenig", heißt es in einer Erklärung. Vielleicht ein Hoffnungszeichen, wenn es darum geht, dem Import nahöstlicher Terrormethoden entgegenzutreten.
Denn mit dem berühmten Zusammenstoß der Kulturen oder der kulturellen Entfremdung von Einwanderern haben die versuchten Anschläge wenig zu tun. Die vermutlichen Täter wollten einfach den Krieg von Bagdad oder Kabul in die Straßen von London und Glasgow tragen. Unter Anwendung der gleichen Selbstmordtaktik, die täglich Dutzende im Irak in den Tod reißt, nur glücklicherweise ohne das militärische Know-how der irakischen oder afghanischen Aufständischen. Die Handschrift der Dschihadisten, die den westlichen Einfluss aus dem Nahen Osten vertreiben wollen, um einen radikalen Gottesstaat zu gründen, könnte deutlicher nicht sein. Ob es auch einen organisatorischen Bezug zu El Kaida gibt, ist unwesentlich.
George Bush und Tony Blair haben den Kampf gegen den Terrorismus immer als einen der Gründe für den Irakkrieg bezeichnet. "Wir bekämpfen unsere Feinde dort, wo sie herkommen", lautet das häufigste Argument des US-Präsidenten, "damit sie unser Land nicht noch einmal zum Schlachtfeld machen." Aber genau das ist jetzt passiert. Der Irak wurde zum wichtigsten Exerzierfeld fundamentalistischer Kämpfer. Die ideologische Überhöhung des Kampfes um Macht und Einfluss im Irak zum "Kreuzzug" gegen den Islamismus hat dem Export terroristischer Methoden nur Vorschub geleistet. Jeder Attentäter kann sich als Teil einer weltumspannenden Auseinandersetzung fühlen. Der Versuch, Jugendliche in einer Londoner Diskothek zu zerfetzen, erscheint in dieser Wahnwelt als Schlag gegen Bush oder britische Soldaten im Irak.
Als die westdeutsche RAF vor bald vierzig Jahren ihre ersten Anschläge verübte, da verstanden sich Ulrike Meinhof und Andreas Bader als verlängerter Arm der Revolutionen in der Dritten Welt. Von einer "zweiten Front" gegen den amerikanischen Imperialismus war die Rede, als man von Angriffen auf US-Militäreinrichtungen zu Entführungsaktionen und Mordanschlägen überging. Nicht wenige RAF-Aktivisten durchliefen übrigens monatelange Trainingszeiten mit verschiedenen Palästinensergruppen, die Selbstmordanschläge gegen Israel durchführten. Je weniger Justiz und Polizei in der BRD bei der Niederschlagung der bewaffneten Gruppen auf rechtsstaatliche Traditionen Rücksicht nahmen, desto legitimierter erschien die Gewalt. Die "klammheimlichen" Sympathien für die Terroristen erstreckten sich auf weite Teile der studentischen Jugend. Der Fieberwahn von der Stadtguerilla in Frankfurt oder Köln ging erst zurück, als zu den polizeilichen Ermittlungserfolgen auch eine Gegenreaktion in der Linken einsetzte, die den Sympathisantenkreis schrumpfen ließ. Der starke Staat blieb demokratisch, und das pluralistische System bot auch kritischen Geistern Möglichkeiten, sich zu entwickeln. Vier Jahrzehnte später erscheint der linke Terror wie die Modeerscheinung eines weit entfernt liegenden Zeitalters.
Der Vergleich zu den dschihadistischen Gruppen der Gegenwart ist natürlich nur begrenzt möglich. Das Fundament von Unterentwicklung und Hass, das hinter der fundamentalistischen Radikalisierung steckt, geht ungleich tiefer als alles, was die westliche Jugend der Sechziger- und Siebzigerjahre bewegte. Massaker an völlig Unbeteiligten hat es in der Taktik der selbsternannten Stadtguerilla nicht gegeben. Aber wie islamische Terrorzellen heute waren auch die linken Terroristen von damals davon abhängig, dass ein weiteres Umfeld ihre Aktionen für legitim hielt. Je kriegerischer sich die Staatsmacht sowohl verbal als auch in der Wahl ihrer Mittel gab, desto größer war das Verständnis im Umkreis für den nächsten Anschlag. Die Dynamik war in einer Zeit der theatralischen Visionen von einem Kampf zwischen Gut und Böse, die George Bush und Tony Blair gemeinsam waren, und pompösen Antiterrorgesetzen nicht anders.
Die neue britische Regierung setzt dagegen auf verbale Deeskalation. Nicht, um weniger hart gegen die Dschihadisten vorzugehen, sondern um ihnen den Nimbus von Kriegern zu nehmen. Während "islamischer Terrorismus" das Schreckgespenst der Medien ist, hat die coole neue britische Innenministerin Jacqui Smith vor dem Unterhaus nur ganz allgemein "alle Volksgruppen" angesprochen. Das mag wie übertriebene Political Correctness klingen, ist aber in Wirklichkeit klug überlegt. Je größer die Differenzierung in einer Volksgruppe ist, desto leichter wird die Isolation gewaltbereiter Gruppen. Eine religiöse oder ethnische Gruppe, die ihre Würde und Identität bedroht sieht, wird immer anfällig sein für Heilsbotschaften und Wahnsinnsaktionen. Die beste Prävention gegen islamisch-fundamentalistische Attentäter in Europa sind arabischstämmige Polizisten und Bürgermeister, islamische Abgeordnete und Fernsehstars. Wer Moscheen in den Hinterhöfen halten will, überlässt sie den Predigern der Selbstausgrenzung. Das mag angesichts der eben aufgeflogenen Ärzteverschwörung verwegen klingen. Aber langfristig werden nur Volksgruppen, die sich selbst nicht bedroht fühlen, den Import fundamentalistischer Kampfmethoden als Gefährdung für sich selbst zurückweisen.


 

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