Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Leere Worte, 25.1.2005

Kaum sind die Töne der zweiten Angelobungsansprache George W. Bushs verhallt, schickt der Präsident den eigenen Vater vor, um zu beruhigen. Keineswegs habe der Sohn mit dem Aufruf zum weltumspannenden Freiheitskampf eine dramatische Veränderung in der amerikanischen Außenpolitik eingeleitet, versicherte George Bush senior. Eine Menschenrechtsoffensive gegenüber den US-Verbündeten Ägypten oder Saudi-Arabien ist also ebenso wenig zu erwarten wie ein verstärktes Engagement für politische Gefangene in China. Auch das von Wladimir Putins Streitkräften verwüstete Tschetschenien darf nicht auf Fürsprache aus Washington hoffen. Die neokonservativen Ideengeber Charles Krauthammer und William Kristol ließen George W. Bush streckenweise zwar klingen wie einen revolutionären Abgeordneten von 1848, die praktischen Konsequenzen werden sich jedoch in Grenzen halten. Denn um jederzeit und überall Freiheit und Demokratie oder das, was die amerikanische Regierung dafür hält, zu erstreiten, fehlt der Supermacht der Atem.
Dass sich der Präsident einer imperialen Supermacht als Motto eine Ideologie der permanenten demokratischen Revolution aussucht, erscheint ungewöhnlich, hat aber Tradition. Reagan begründete sein nukleares Aufrüsten mit Freiheitsparolen, und Jimmy Carter hatte gar die Menschenrechte zu seinem Leitfaden erkoren. Die Glaubwürdigkeit derartiger Bekenntnisse war allerdings noch nie so gering wie unter George Bush. Das Problem nimmt schon bei Natan Sharansky seinen Ausgang, dessen autobiografische Beschreibung des heroischen Kampfes der sowjetischen Dissidenten den Präsidenten nach eigener Darstellung zu seiner Rede inspiriert hat. Sharansky hat als "Refusnik", dem die Ausreise nach Israel verwehrt wurde, bittere Jahre in sowjetischen Gefangenenlagern verbracht. Nach dem Ende der Sowjetunion kam er frei, seine Reise nach Israel wurde zum Triumph. Doch die anfängliche Hoffnung diverser Bürgerrechtsgruppen, dass eine derart prominente Symbolfigur auch gegenüber den oppressiven Seiten der israelischen Gesellschaft sensibel sein würde, wurde rasch enttäuscht. Als jahrelanger Minister israelischer Rechtsregierungen entwickelte sich der einstige Dissident zu einem Promotor von Besatzung und Kolonisierung der Palästinensergebiete. Wie glaubwürdig ist ein ehemaliger politischer Gefangener, den die Menschenrechtsverletzungen der eigenen Regierung nicht interessieren, wenn er selbst an der Macht ist?
Jimmy Carters Menschenrechtspolitik hatte viele Schwachstellen, aber sie war zumindest ernst gemeint. Die amerikanische Regierung führte bei Diktaturen Listen mit den Namen der politischen Gefangenen. Die Zustände in den Haftanstalten und die Misshandlungen, denen Oppositionelle ausgesetzt waren, wurden plötzlich zum Gegenstand der internationalen Diplomatie. George Bush hat nichts dergleichen vor, das betont man im Weißen Haus immer wieder.
Die neokonservativen Ideologen, die dem Präsidenten die Ideen liefern, haben jahrelang zu den lautstärksten Befürwortern eines Kriegs gegen den Irak gehört. Mit ihren apokalyptischen Warnungen vor dem angeblichen Vernichtungspotenzial Saddam Husseins hatten Krauthammer und Kristol einen wesentlichen Anteil an der Stimmung, die den Angriff schließlich ermöglichte. Ebenso wie der Präsident selbst brauchen sie nach dem Debakel der US-Besatzungspolitik eine neue, möglichst groß angelegte Rechtfertigung für die wachsenden menschlichen und finanziellen Opfer. Die grandiose Vision des Bush'schen Kreuzzugs für die Freiheit erscheint so gesehen eher als ein Versuch, die traurigen Irrtümer der letzten Jahre zu erklären, denn als ein Impuls für neue Initiativen. Dass zu diesen Fehlentwicklungen auch der rechtsstaatliche Skandal der Gefangenen von Guantánamo gehört, die Verharmlosung der Folter durch allerhöchste Regierungsstellen und der Aufbau eines weltweiten Netzes von "Minigulags des CIA" (The Guardian) für hochrangige Terrorverdächtige außerhalb jedes Rechtssystems, das ist ein Kontrast, der die Freiheitsrhetorik dramatisch entwertet.
Auch während des Kalten Kriegs hat sich Amerika als demokratisches Schutzschild der gesamten "freien Welt" gegen die sowjetische Bedrohung verstanden. Der demokratische Patriotismus musste aber auch zur Verteidigung der größten Irrtümer herhalten. Hat man der Jugend Amerikas nicht jahrelang einreden wollen, dass die Verteidigung der Freiheit an den Ufern des Mekongs beginnt? In Wirklichkeit haben die so freiheitsliebenden USA, verblendet durch einen schablonenhaften Antikommunismus, in Vietnam jedoch einen verlorenen Kolonialkrieg fortgesetzt. Die im Namen der Freiheit auf Indochina abgeworfenen Bomben führten schließlich zur größten Identitätskrise der jüngeren amerikanischen Geschichte. Trotzdem blieben die USA für die vom so genannten real existierenden Sozialismus angewiderten Menschen Osteuropas ein mächtiges Symbol der Hoffnung. Der konservative Ronald Reagan sorgte für die tatkräftige Unterstützung der polnischen Solidaritätsbewegung, während in Europa die meisten Regierungen auf vorsichtiger Distanz blieben. Eine politische Investition, die auch heute noch ihre Dividenden trägt.
Kann man sich heute vorstellen, dass sich eine lebendige Demokratiebewegung an den Worten der gegenwärtigen amerikanischen Führung orientiert? In der Ukraine waren idealistische amerikanische Wahlhelfer zur Stelle, aber die erste außenpolitische Entscheidung nach dem Sieg betraf den Abzug der ukrainischen Soldaten aus dem Irak. George Bush hat es geschafft, die internationale Öffentlichkeit so nachhaltig gegen sich aufzubringen wie kein anderer Präsident vor ihm. Was könnte bleiben von den großen Erklärungen gegen Tyrannei und für Freiheit? Einmal die Einsicht, dass die nach dem Irakdesaster schon totgeglaubten "Neocons" nach wie vor das Ohr des Präsidenten haben. Sie zählen die Wahlen in Afghanistan, die Kür von Mahmoud Abbas in den besetzten Palästinensergebieten und den bevorstehenden Urnengang im Irak zur Erfolgsbilanz der amerikanischen Demokratiebemühungen. Allerdings wird sich kaum jemand finden, der sich auch nur von einer dieser Entwicklungen eine positive Ausstrahlung nach außen und damit Werbewirkung für die USA erwartet. Die harte Realität ist: Freiheitschwüre in Washington gelten heute in vielen Teilen der Welt als nicht viel glaubwürdiger als einst die Frieden und Gerechtigkeit versprechenden Predigten aus dem inzwischen versunkenen sowjetischen Imperium.



 

 

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