Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Lehren aus Genua, 25.7.2001


Von der Vorstellung, daß Grenzkontrollen und Leibesvisitationen, Polizeisperren und Tränengas, gut dosiert und richtig eingesetzt, geeignet sind den führenden Staats- und Regierungschefs die ersehnten Gipfeltreffen in Ruhe und Würde zu sichern, muß man sich wohl endgültig verabschieden. Wie hat man sich doch vor bald zwei Jahren über den Polizeichef von Seattle lustig gemacht, als der die Sprengung der Tagung der Internationalen Welthandelsorganisation durch die ersten damals noch völlig überraschenden Antiglobalisierungsdemonstrationen nicht zu verhindern vermochte: die amerikanische Polizei weiß halt nicht, wie man mit Demonstranten umgeht, lauteten die hämischen Kommentare. Es folgten die Straßenschlachten von Prag, Davos und Stockholm mit den bösen Folgen für die Reputation internationaler Gipfeltreffen jeder Art. Jetzt hat ausgerechnet die italienische Polizei, geführt von einer rechten Law and Order-Regierung und stolz auf ihr Know How im Straßenkampf, das allergrößte Waterloo erlebt: das Niveau der Gewalt in Genua hat alles bisher Erlebte in den Schatten gestellt. Die Todesschüsse der Carabinieri auf den jungen Carlo Giuliani haben der Bewegung der autonomen Globalisierungsgegner ihren ersten Märtyrer gegeben.
Jacques Chirac, als französischer Politiker sensibel gegenüber gesellschaftlichen Tiefenströmungen, fand in Genua die richtigen Worte: Hunderttausende setzen sich nur in Bewegung, wenn es um Themen geht, die Herz und Hirn bewegen, meinte der französische Präsident. Die Frage sei nicht, ob die Demonstranten recht haben oder nicht: Massenaktionen wie in Genua und Stockholm drücken aus- möglicherweise vage und konfus, aber unüberhörbar - , was Millionen fühlen.
Seit den Chaostagen von Seattle ist in den entwickelten Industriestaaten eine radikalisierte Massenbewegung entstanden, die sich auf immer breitere Teile der Jugend stützt und ganz offensichtlich international und grenzüberschreitend ist. Ihre Symbole erinnern frappant an die Revolte der Sechziger-und Siebzigerjahre: rote Fahnen, Che Guevara und Mao-Bilder. Selbst wenn die tragenden Organisationen wie "Attac" oder "Tute bianche" eindeutig Kinder des 21.Jahrhundert sind. Selbst den "Schwarzen Block" zerstörungssüchtiger Autonomer, von der Mehrzahl der Aktivisten stets als Tummelplatz für Polizeiprovokateure gefürchtet, gibt es bei solchen Demonstrationen seit Jahrzehnten. Von einem "weltweiten Mai 68" spricht Bernard Kouchner, Mitbegründer von SOS Racisme. Die gegen internationale Organisationen wie die Welthandelsorganisation oder die Weltbank zeigende Stoßrichtung beinhaltet zwar die Gefahr eines nationalistischen Backclashs gegen die Globalisierung. Aber im Wesentlichen steht die Bewegung unter den Vorzeichen internationalistischer und antikapitalistischer Ideen, so als ob die epochale Niederlage des Sozialismus von 1989 schlicht gar nicht passiert wäre.
Im Gegenteil: eine Fundamentalopposition gegen den Kapitalismus und seine sichtbarsten Repräsentanten entsteht just im Augenblick des größten weltweiten Triumphs des Kapitals, in dem sich selbst in dem unverändert von einer kommunistischen Kaste regierten chinesische Riesenreich die Gesetze der Marktwirtschaft durchsetzen. Nicht ominöse sowjetische Agenten haben diese Bewegung in Gang gesetzt, wie manche konservative Kommentatoren das früher gerne behauptet haben. Sie ist offensichtlich - unbelastet von der vergangenen Hypothek des Stalinismus und des Kalten Krieges - Frucht des weltweiten Triumphzuges des globalisierte Kapitalismus selbst.
Da dieser weitergehen wird, mit seinem unwiderstehlichen Drang zu boomender Innovation und krisenhafter Veränderung, zur Zerstörung bislang geschützter Bereiche und dem Durchbrechen lokaler Grenzen, hat auch die neue Außerparlamentarische Opposition gegen den globalisierten Kapitalismus die besten Wachstumschancen. Sie ist die Antwort auf das Verschwinden des linken Flügels im Parteienspektrum der Demokratie nach dem Niedergang der Kommunistischen Parteien und der pragmatischen Rechtswendung der Sozialdemokraten. Die Energie, die in diesem Engagement zum Ausdruck kommt, ist beträchtlich. Ihr Potential in Zeiten grassierender Politikverdrossenheit zu ignorieren, wäre ein gefährlicher Irrtum. Ein derart breitgefächertes Engagement hunderttausender Jugendlicher verpuffen zu lassen in sinnlosen Gewaltorgien des autonomen "Schwarzen Blocks", die an bestehenden Ungerechtigkeiten nicht ein Jota ändern, wäre ein schwerer Verlust für jeden Ansatz emanzipatorischer Politik.
Was jetzt gefragt ist, das sind Visionen zur Domestizierung der Macht der Globalisierung. Die Tolbin Tax als Steuer auf alle internationalen Finanztransaktionen ist eine der wenigen konkreten Forderungen der Globalisierungsgegner. Haben sie so unrecht? Steht die Macht der internationalen Finanzmärkte nicht in schreiendem Widerspruch zum Fehlen einer internationalen Sozialpolitik, einer internationalen Gesundheitspolitik, einer internationalen Entwicklungspolitik, die diesen Namen verdient?
Klar: mit einer ultrakonservativen Staatsspitze in der reichen Führungsmacht Amerika klingen solche Vorstellungen utopisch. Schliesslich hat es George Bush doch tatsächlich innerhalb von wenigen Monaten geschafft, die USA wieder zum großen Buhmann der politisch bewegten Jugend der ganzen Welt zu machen. Aber andererseits bewies erst kürzlich das Nachgeben der internationalen Pharmakonzerne gegenüber Südafrika in der Frage der Anti-AIDS-Präparate in der Dritten Welt, was kritische internationale Öffentlichkeit selbst unter ungünstigen Kräfteverhältnissen vermag.
Es wäre doch zu traurig, wenn Veränderungen in Rhythmus und Modalitäten internationaler Gipfeltreffen und straflose Polizeiübergriffe gegen Demonstranten die einzigen merkbaren Folgen dieser neuen Jugendrevolte blieben. Gehen den Regierenden doch selbst in ihrer ureigensten Domäne immer mehr die Ideen aus, auch das hat Genua gezeigt.

 

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